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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.10.2017

Barrierefreie Darstellung in der Berlinischen GalerieKunst zum Anfassen

Von Simone Reber

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Reiner Delgado (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)
Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV), befühlt am 04.10.2017 in der Berlinischen Galerie in Berlin ein Tast-Modell des Gemäldes "Synthetischer Musiker" Iwan Puni (1921). (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)

Als erstes Museum hat die Berlinische Galerie ihre Dauerausstellung "Kunst in Berlin 1880 bis 1980" barrierefrei gestaltet. So gibt es ein Tast-Modell des Gemäldes "Synthetischer Musiker" von Iwan Puni und eine App wurde auch erstellt.

Mit seinem Langstock tastet sich Reiner Delgado zügig am Bodenleitsystem in der Berlinischen Galerie entlang. Der Sozialreferent beim Deutschen Blinden und Sehbehindertenverband hat die barrierefreie Ausstellung mit entwickelt, er kennt also die Wegeführung mit den zwei parallelen Relieflinien aus aufgeklebten Plastikstreifen.

"Dann gibt es Kreuzungspunkte mit Aufmerksamkeitsfeldern, das sind dann so kleine runde Noppen, die aufgeklebt sind, und an diesen Feldern ist meistens irgendwas. In dem Fall ist jetzt hier die Kasse und unsere App würde jetzt auch sagen, dass man sich auf dieses Aufmerksamkeitsfeld so stellen soll, wie ich jetzt stehe und dann hat man vor sich die Kasse, hinter sich kann man nach draußen gehen, zur Toilette, zur Garderobe und nach links weiter in die Ausstellung."

Leitsystem am Boden und eine App

Das Leitsystem am Boden verbindet die Aufmerksamkeitsinseln. Dort aktivieren unsichtbare Sender die inklusive App. Der Audioguide hilft bei der Orientierung und informiert ausführlich über einzelne Werke in der Dauerausstellung. Zum Beispiel über das Gemälde "Tänzerin Baladine Klossowska" von Eugen Spiro aus dem Jahr 1901. Durch die App auf dem Handy erfährt man mehr über Rahmen, Hintergrund, Farben und natürlich die Anmutung der Figur.

Audioguide: "Das helle Gesicht mit den dunklen, etwas geschlossenen Augen und dem zartroten, leicht geöffneten Mund wirkt wie in Trance entrückt. Das dunkle Haar fällt ihr über die Ohren nach hinten in den Nacken und lässt den Blick auf den schlanken Hals frei. Ein zartes goldenes Band, das über der Stirn mit einem kleinen Schmuckstein verziert ist, hält es zusammen."

Neben einer Bank in der Mitte des Raumes ist ein Tastrelief eingelassen, das einen Eindruck von der Haltung der Tänzerin gibt und Kleid und Haar in fühlbare Materialien überträgt. Auch dieses wird in der App genau beschrieben.

Audioguide: "Hier hat man ein richtig modelliertes Gesicht und die Haare sind modelliert und die Blumen im Haar und Arme und Dekolletee und dann noch der Schuh, der unten aus dem Kleid rausguckt. Und dann ist der Rest der Tänzerin von ihrem Kleid bedeckt und das ist aus einem seidigen Stoff, dann gibt es noch einen Goldrand, da ist ein Draht durchgeführt, das kann man fühlen, wo der ist."

Übertragen Sie das dann vom Tastbild auf das Gemälde oder ist dann das Tastbild für Sie das Kunstwerk?

"Also eigentlich ist für mich das Tastbild das Kunstwerk. Wenn ich jetzt in die Richtung von dem Gemälde gucke, dann stelle ich mir das auch vor. Ich stelle mir das Tastbild auch vor, wie das aussieht, aber realer und näher ist natürlich, wie es sich anfühlt."

Kooperation mit der Deutscher Blindenstudienanstalt Marburg

Die Tastreliefs entstanden in der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg und der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig. Sie orientieren sich am Malstil und lassen Raum für Interpretationen. In Otto Möllers Bild "Straßenlärm" löst der Maler Geräuschfetzen von der Straße in Bildfragmente auf von Reifen, Hupen, Straßenbahnen. Diese Umrisse kann Reiner Delgado am Tastrelief erfühlen und für sich in Geräusche zurück übersetzen.

"Und was ich dann eben so bemerkenswert fand. Da hat ein Maler Geräusche visuell wieder gegeben. Was ja eigentlich im Original mir zugänglich ist. Geräusche kann ich ja hören. Und er hat das jetzt visualisiert. In dem Bild ist das jetzt taktil gemacht worden und bei mir stellen sich dann wieder die Vorstellungen von diesen Geräuschen ein."

In dem Tastbild zu Werner Heldts Tür aus dem Jahr 1946 sind die Farben in unterschiedliche Oberflächen übersetzt. Das Schwarz der ausgebombten Häuser fühlt sich erhaben an. Das Rot der Wunden glatt und flach.

"Was sich bei mir einstellt, das ist dann wirklich im Zusammenhang mit dem, was ich über das Bild weiß. Dass es ganz kurz nach dem Krieg entstanden ist in einer Stadt, die zur Hälfte zerstört war. Ähnlich wie diese Häuser sind diese Menschen auch relativ angeschlagen durch diese ganzen Kriegsgeschehnisse, durch diese Gewalt, die da passiert ist und empfinden sich vielleicht ähnlich als Ruinen wie die ganze Umgebung, in der sie wohnen."

Wenn Sie ein Resümee ziehen sollen, zweieinhalb Jahren haben Sie sich damit beschäftigt, mit der Kunst, mit der Übersetzung in etwas, was man fühlen kann, was war der größte Gewinn für Sie aus dieser Arbeit?

"Ich habe oft gedacht, diese Diskussion, die wir hatten mit den Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern aus dem Haus, das würde ich anderen Leuten auch wünschen, sich einmal so intensiv mit so etwas auseinander setzen zu können."


"Kunst in Berlin 1880–1980" – zugänglich für blinde und sehbehinderte Menschen


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