Seit 00:05 Uhr Das Podcastmagazin

Montag, 10.08.2020
 
Seit 00:05 Uhr Das Podcastmagazin

Tonart | Beitrag vom 07.07.2020

BardcoreCorona begünstigt viralen Pop-Trend

Von Tim Baumann

Beitrag hören
Eine Farblithographie von John Gilbert um etwa 1860 zeigt eine Szene aus Shakespeares "Die beiden Veroneser". (picture alliance / akg-images)
In einer Chatgruppe entstand die Idee zum ersten Bardcore-Video. Danach wurde es zum viralen Trend im Netz. (picture alliance / akg-images)

Bekannte Pop- und Rocksongs im Stile mittelalterlicher Musik: Das ist Bardcore. Die Barden der Neuzeit sind Youtuberinnen und Youtuber, die mit großem Aufwand Videos produzieren. Corona begünstigt den Trend, denn Menschen haben aktuell viel Zeit.

Wer auf Youtube nach Lady Gagas "Bad Romance" sucht, stößt neuerdings auf den Kanal Hildegard von Blingin und auf die Klänge von Harfen, Flöten und Zimbeln. Bei Samus Ordicus hingegen stehen die Eurythmics auf dem Programm - nur mit Panflöte. Und Creedence Clearwater Revivals "Fortunate Son" klingt auf dem Kanal The Miracle Aligner plötzlich nicht mehr nach Vietnam, sondern eher nach Hundertjährigem Krieg.

Bardcore, also Musik im Stile der Barden, wie Sänger und Dichter im Mittelalter genannt wurden, heißt das Phänomen. Derzeit geht es viral. Hunderte bekannter Pop- und Rocksongs werden mit pseudomittelalterlicher Instrumentierung gecovert und millionenfach geklickt. Echte Mittelaltermusik klang natürlich anders, aber ist auch deutlich weniger zugänglich für moderne Ohren.

Startschuss für Bardcore-Bewegung

"Mir ist sehr wichtig, dass – zumindest ich – damit keine authentische Mittelaltermusik spielen möchte, das geht in den Bereich Fantasy-Mittelaltermusik, Soundtrack-Mittelaltermusik", erzählt der 27-jährige Hobbymusiker Cornelius Link. Seine Coverversion von Tony Igys EDM-Hit "Astronomia" hat im April den Startschuss für die Bardcore-Bewegung gegeben.

Dabei war "Astronomia (Medieval Style)" eigentlich nur eine launige Weiterentwicklung des populären Coffin-Dance-Memes. Das Original zeigt eine Gruppe tanzender Sargträger aus einem BBC-Bericht, unterlegt mit dem EDM-Hit "Astronomia" von Tony Igy. Es wurde mehr als 100 Millionen mal geklickt. Die Idee, das Meme ins Mittelalter zu versetzen, entstand in einer Whatsapp-Gruppe, sagt Link. "Und in dieser Gruppe hat irgendjemand dieses Coffin-Dance-Meme als mittelalterliches Bild hochgeladen, und dann meinten gleich alle, ja, das wäre ja witzig, wenn es dazu noch Musik gäbe."

Also machte sich Cornelius Link an die Arbeit. "Das habe ich dann wieder in diese Gruppe hochgeladen. Und irgendjemand von dort hat das dann weiter geteilt und so hat das dann seinen Lauf genommen."

Ungewöhnlich hoher Aufwand

Die Entstehungsgeschichte des Genres, seine starke Kontextualität und seine Verbreitung auf klassischen Meme-Plattformen wie 9GAG und Reddit lassen eine Einordnung des Bardcore als Meme durchaus zu. Der Aufwand, mit dem Cornelius Link und seine Mitstreiter ihre Musik produzieren, ist für das Phänomen aber ungewöhnlich hoch. 

"Ich spiele sehr viele Sachen selbst ein, ich habe unterschiedliche, auch exotische Instrumente wie zum Beispiel eine türkische Gitarre, dann viele Percussions, also Rahmentrommeln, Shaker. Einen Morin Chuur habe ich auch noch, also eine mongolische Geige kann man sagen. Dann eine Talharpa, das ist eine finnische Geige, die hab ich selber gebaut." Instrumente wie Drehleiern oder Lauten simuliert Cornelius Link über eine Software. 

Nicht nur komische Qualitäten

Andere Youtuber wie The Miracle Aligner oder Hildegard von Blingin nutzen die Instrumentals von Cornelius Link und ergänzen sie um Text und Gesang. Einen Pop-Text in angelsächsisches Altenglisch zu übersetzen ist schlicht brillant. Der Bardcore entfaltet seine Komik hier einmal mehr im absurden Kontrast.

Bardcore hat aber nicht nur komische Qualitäten. Durch den direkten Sound und den häufig instrumentalen Charakter stehen plötzlich die kompositorischen Fundamente bekannter Songs im Rampenlicht, die sonst hinter den prominenten Vocals von Stars wie Lady Gaga oder dem Signature Sound von Bands wie Creedence Clearwater Revival überschattet werden. Warum aber kommt der Bardcore ausgerechnet jetzt auf?

Cornelius Link sagt: "Es könnte natürlich ein Grund sein, dass es viele Leute gibt, die im Moment aufgrund der Pandemie mehr Zeit im Internet verbringen und dann auf so etwas aufmerksam werden."

Pandemie begünstigt Verbreitung des Trends

Zudem haben viele Musiker im Augenblick viel Zeit für experimentelle Projekte. Cornelius Link ist aber überzeugt, dass das Prinzip Bardcore auch ohne den Corona-Hintergrund funktioniert hätte. Die Pandemie dürfte dennoch eine gewichtige Rolle für die Popularität der musikalischen Memes spielen. Denn die Kommentarspalten der Videos sind voll mit Anspielungen auf die Pestepidemien des Mittelalters.

Damals fanden die Menschen Trost im Gebet. Heute finden sie ihn im leisen Spott über die eigene Kultur.

Mehr zum Thema

Julia Holters neues Album „Aviary“ - „Blade Runner" trifft Mittelalter
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 26.10.2018)

Musiktrend Fashwave - Made by Cybernazi, Xurious und Stormcloak
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 12.01.2017)

Musiktrend - Wie viel Afro steckt in der Afroszene?
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 30.10.2014)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur