Backsteinsammler und Hausmusikanten

Die Altstadtretter von Stralsund

11:30 Minuten
Josef Wycisk in seinem Haus
Josef Wycisk in seinem gotischen Haus, das er liebevoll wieder hergerichtet hat. © Michael Frantzen / Deutschlandradio
Von Michael Frantzen · 21.08.2020
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Schon zu DDR-Zeiten haben sich Bürger in der Stralsunder Altstadt für den Denkmalschutz engagiert. Für 3600 Ost-Mark kaufte Josef Wycisk einst ein runtergekommenes Häuschen aus dem 13. Jahrhundert. Heute ist es sein Sommerhaus und ein privates Museum.
Petrus, der Wettergott, er kann manchmal launisch sein. Gestern noch wehte von der Ostsee ein laues Lüftchen. Doch heute Morgen versinkt die Altstadt von Stralsund, der 60.000-Einwohnerstadt, im Regen.
"Wir sind jetzt in der Frankenstraße 28. Und mein Name ist Josef Wycisk. Alter Oberschlesier." Acht Jahre jung war Wycisk, als er nach dem Zweiten Weltkrieg in der vorpommerschen Hansestadt strandete – und sich umgehend verliebte. In die Altstadt-Gassen, die mittelalterlichen Backsteinhäuser, eines windschiefer als das andere. Dass er einmal selbst eines besitzen würde, aus dem Jahr 1304, das hätte sich der Mann mit dem Walrossbart nicht träumen lassen.
"Ich will ja auch ein bisschen angeben. Es ist ja etwas Besonderes. Und wer etwas Schönes hat, möchte angeben. Und wer etwas sehr Schönes hat, der möchte noch ein bisschen mehr angeben."

Viel Liebhaberei für die Denkmalpflege

In der großen Eingangshalle hält der Angeber Hof, lässt rein, wer rein will. Kostenlos. 17 Meter hoch ist das Haus, zwölf Meter breit. Hier sitzt der 72-Jährige den Sommer über, umgeben von Grabplatten, Schiffsmodellen und seiner mittelalterlichen Spielzeugsammlung aus Tierknochen.
"Es geht ja immer nach dem Wetter. Im Sommer, wenn es Strandwetter ist, sind die Besucher, Urlauber am Strand. Und wenn da so ein Regentag ist, dann schieben sich die Leute hier durch die Gegend. Jetzt ist es ein bisschen blöd durch das Coronavirus. Das ist alles ein bisschen gedrosselter. Aber ansonsten: Am Tag hundert Leute kommen hier durch. Und ich bin ja jetzt Rentner. Wenn ich gerade da bin, kann ich den Leuten ihre Fragen zu den Sachen, den Ziegeln beantworten."
Die Backsteinziegel sind Wycisks Steckenpferd. Der 72-Jährige dreht sich zur Seite. Da, vor dem gotischen Spitzbogen sind sie gestapelt: gut 150 Exemplare, das älteste aus dem Jahr 1250.
"Wenn ich jetzt noch einen sehe, in Klosterformat: Zack! In eine Tüte rein und den schlepp ich jetzt noch her. Das ist Liebhaberei für die Denkmalpflege."

Ein Häuschen für 3600 Ost-Mark

Seine Liebhaberei: Sie begleitet ihn fast schon sein ganzes Leben. Wycisk schließt für ein paar Sekunden die Augen, ehe er loslegt. Wie er zu DDR-Zeiten, 1971, die Ruine bei einer Zwangsversteigerung kaufte – für 3600 Ost-Mark. Tonnenweise Schutt, Putz und Beton wegkarrte. Insgesamt 250 Fuhren. Er sich knapp 40 Riesen-Backsteine aus Abrisshäusern besorgte, mit seinem "Klaufix", dem zweirädrigen Karren hinter dem Mofa.
"Ich war der wilde Verrückte aus der Frankenstraße. Sonnabend, Sonntag hier. Sonnabend zwölf Stunden arbeiten. Sonntag zehn Stunden. Und an jedem Abend vier Stunden nach Feierabend war ich dann hier."

Zwischen Mittelalter und DDR-Vergangenheit

Der Rest ist Geschichte: 1989, zur Wende, hatte er nicht nur knapp 100.000 Backsteine verbaut, sondern der Frankenstraße 28 neues Leben eingehaucht. Fünf Jahre später, im Jahr seiner Scheidung, zog er ein und nahm sich die oberen Stockwerke vor.
Wycisk stöhnt, steigt Treppen hoch. Das Mittelalter: Auf Wycisks Dachboden übt es sich in friedlicher Koexistenz mit Relikten des real existierenden Sozialismus. Die zwei Fahnen da hat der Hausherr durch Zufall beim Ausmisten entdeckt. Die rote stammt aus den 50er-Jahren, die andere, Motiv Schwarz-Rot-Gold mit Hammer und Sichel, aus den 60ern, vom Auswärtigen Amt der DDR.
"Hier wurde letztens, auch schon vor zehn Jahren, der Film vom Störtebeker gedreht: Zwölf Jahre ohne Kopf. Da haben sie sich hier oben alles dekoriert gehabt."

Unter dem Dach: Der Blick von hier fällt über das Häusermeer der Altstadt und den nahe gelegenen Frankenteich. Auch dazu eine Geschichte. Wycisk strahlt. Na klar. Sie handelt von der "Schwedenzeit", als im Pommerschen die schwedischen Könige das Sagen hatten und sich die Preußen vom Leibe halten wollten.
Die Backsteinsammlung von Josef Wycisk
Mühsam zusammengetragen: die Backsteinsammlung von Josef Wycisk.© Michael Frantzen / Deutschlandradio
"Kanoneneinschüsse von 1678 hier. Beschuss! Jetzt kommt es raus. Die Schweden. Und die Brandenburger von drüben sahen: Von dem Loch schießen sie auf uns. Haben dann die Kanonen auf das Loch gerichtet. Und gab es so was hier."
Bis Oktober hat er noch geöffnet, danach fällt sein Haus in eine Art Winterschlaf, wenn die Tage kürzer werden – und die Abende kälter.
"Ich muss so sagen: ein bisschen fußkalt. Aber dann leg ich die Füße auf den Stuhl oder auf den Tisch oder Sessel, wenn es sehr kalt ist. Oder man zieht sich ein paar dicke Wollsocken an."

Lob für die Retter der Altstadt

"Dadurch, dass die Frankenstraße 28 im Groben gerettet war und auch von Herrn Wycisk ja auch bewohnt war, war das so ein Lichtpunkt gewesen", sagt Denkmalpfleger Gunnar Möller. "Da wusste man: In die Richtung kann das gehen." Damals, Anfang der 90er, als Möller an den Start ging.
Es ist Dienstagnachmittag, und Petrus zeigt sich weiter von seiner launischen Seite. Deshalb hat Möller ins mittelalterliche Rathaus geladen, ins Senatorenzimmer, in dem die Porträts dreier Ex-Bürgermeister mit modernen, minimalistischen Lampen auf Tuchfühlung gehen. Der joviale Norddeutsche mag das. Dass Privatleute wie Wycisk die Altstadt gerettet haben, Vorbild waren. Den Aderlass stoppten. Nur noch knapp 3500 Leute lebten Mitte der 90er-Jahre in der Altstadt, inzwischen sind es wieder über 6000. Stolze 6000.
"Dass man wirklich sehr stolz ist, dass man etwas erhalten hat. Die hätten auch woanders ihr Kapital lassen können. Die hätten sicherlich auch draußen auf der flachen Wiese sich vielleicht ein todschickes Eigenheim dort hinsetzen können. Aber: Nein! Sie haben sich bewusst entschieden, eine historische Bausubstanz zu erhalten, zu retten."

Die Metamorphose der Altstadt

Bürgerschaftliches Engagement, das ist das eine. Klare Vorgaben das andere. So jedenfalls sieht das Peter Koslik. Der Pressesprecher der Hansestadt ist hereingekommen, um kurz Hallo zu sagen. Koslik war vor einer kleinen Ewigkeit mal Möllers Praktikant, noch immer brennt er für die Denkmalpflege. Wie aus dem Effeff rattert der Mann mit dem roten Vollbart die Eckdaten der Metamorphose der Altstadt vom Problem- zum Glücksfall herunter. Wie sie gleich nach der Wende eine Stadterneuerungsgesellschaft gründeten, Stralsund zur Modellstadt machten und das alte Zentrum wieder attraktiv.
"Das passiert natürlich auch nicht einfach so. Sondern: Die Hansestadt Stralsund leistet sich, seitdem wir Welterbe sind, 2002 sind wir das ja geworden, einen sogenannten Gestaltungsrat. Das heißt also: Jeder, der in dieser Altstadt bauen will, ist in der Pflicht, seine Pläne im Gestaltungsrat vorzustellen. Es gab manche Entwürfe, die sind zwei und drei Mal im Gestaltungsrat gewesen. Und dann gab es aber zum Schluss immer ein Ergebnis, wo alle gesagt haben: Das ist es, damit können wir leben."

Erfahrungen mit dem Gestaltungsbeirat haben auch, einmal quer durch die Altstadt, in der Mönchstraße 12, Angelika und Anton Werner gemacht.
Fassade der Mönchstraße 12 - das Haus von Angelika und Anton Werner
Fassade der Mönchstraße 12 , das Haus von Angelika und Anton Werner.© Deutschlandradio / Michael Frantzen
"Sie haben manches apodiktisch verboten. Etwa: Vorne gotische Fenster, wie sie früher mal waren. Das wissen wir aus den Unterlagen, die meine Frau und ich auch gesammelt haben. Die Gotik ist mir lieber als Barock. Aber hilft nix. Die haben gesagt: Die Umgebung ist hier Barock und Schluss."
Barock statt Gotik: Dem Giebelhaus ist es nicht schlecht bekommen. Die grüne Außenfassade, die Fresken innen, der Fußboden: Alles liebevoll renoviert, soweit es geht, originalgetreu. Gut eine Million Euro hat sich das pensionierte Musikerpaar das kosten lassen.
"Sie sehen, wie viele Stockwerke das hat. Das oberste ist überhaupt nicht bewohnt. Und das nächste: eins, zwei, drei. Das vierte Stock: Da ist Lego drin, hauptsächlich." Für die Enkelkinder. "Und da drunter, also das dritte: Das sind unsere Schlafzimmer. Und dann die Halle, die ja zweistöckig ist."

Vom Siegerland nach Stralsund

Ausgerechnet Stralsund. Der 83-Jährige lacht. Vorherzusehen war das nicht. Am anderen Ende der Republik, im nordrhein-westfälischen Siegerland, haben sie lange gelebt, er an der Universität Siegen Klavierspiel unterrichtet, sie im Orchester Bratsche gespielt. Bis die zwei Töchter aus dem Haus waren, und es nach der Rente Zeit wurde für einen Tapetenwechsel. Die deutsche Ostseeküste: Rostock, Wismar, Stralsund. Für die Werners war das eine Stein gewordene Verheißung.
"Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich mich mit dem Zug Stralsund nähere: Da ist die Marienkirche – und dann die anderen Türme: Oh! Das ist sehr schön."

Unerwarteter Besuch

Die Mönchstraße 12: Auch sie steckt voller Geschichte und Geschichten. Wie die von der mittelalterlichen Freske, die das Paar durch Zufall hinter einem Wandschrank entdeckte. Und wie es eines Tages klingelte – und kein Geringerer als Joachim Gauck vor der Haustür stand, der damalige Bundespräsident.
"Da haben wir uns gemütlich unterhalten. Er war interessiert, Leute zu finden, die aus dem Westen kamen. Und da waren wir überrascht, dass er sich hier so entspannt. Wie es sich in einem alten Haus lebt, wollte er auch wissen. Es ist wirklich so ein bisschen die Frage, wie kommt man damit zurecht. Wir kommen sehr gut damit zurecht."
Joachim Gauck samt Anhang: Sie waren nicht die einzigen Gäste, denen die Werners in den letzten knapp 20 Jahren ihre Türen öffneten. Fast schon legendär sind die Hauskonzerte. Bei Ihrer Recherche über das alte Gemäuer fanden die beiden heraus, dass einer der Vorbesitzer der Stralsunder Komponist Paul Struck war, und es noch Nachfahren gab. Ein paar luden sie kurzerhand zum Kammermusikabend ein, mit Werken Strucks. Ein offenes Haus zu haben, das, meint Angelika Werner, sei ihnen von Anfang an wichtig gewesen. Aus Prinzip.
"Das war bei uns das Gefühl, dass wir aus dem Westen kommen, nach der Wende. Und dann so ein schönes Haus entdecken und das schön herrichten und uns hier einnisten und das genießen. Und die Bevölkerung: Ja, die gucken dann zu. Da wollten wir irgendwas zurückgeben."
Wann sie das nächste Mal zum Hauskonzert laden? Anton Werner zuckt mit den Schultern. Schwer zu sagen, wegen Corona. Ein Konzert mit nur einer Handvoll Gästen, die Mundschutz tragen: schwer vorstellbar. Musizieren wird er aber weiter, in seinem barocken Kleinod.
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