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Zeitfragen | Beitrag vom 12.10.2020

Azubis in der CoronakriseWarum Bewerber und Betriebe nur schwer zueinander finden

Von Stephanie Ley 

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Ein Industrieelektriker montiert einen Schaltkreis im Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie. (Symbolbild) (picture alliance/Rupert Oberhäuser)
Ein Industrieelektriker in einem Berufsbildungszentrum - auch die Metall- und Elektroindustrie hat in der Rhein-Neckar-Region nach Angaben der IHK durch die Coronakrise zu kämpfen. (picture alliance/Rupert Oberhäuser)

Nicht nur der Tourismus, auch andere Branchen sind mit der Coronakrise ins Straucheln geraten. Das bedeutet weniger Ausbildungsverträge. Trotzdem bleiben viele Lehrstellen unbesetzt. Denn die klassischen Vermittlungsinstrumente sind weggebrochen.

"Das Sonnenklar – Reisebüro, Mannheim. Guten Tag! Wie kann ich weiterhelfen? ...Ja, okay! 14. Oktober… Ja, das kann ich verstehen."  

Kirstin Hofmann im Kundengespräch – eine Umbuchung!  

"Das kann ich verstehen. Ja natürlich, das können wir tun. Ich müsste einmal noch wissen, wie lange Sie dort bleiben möchten? Okay!"  

Die 29-Jährige macht eine Ausbildung im Reisebüro. Seit einem Jahr gehört sie zum siebenköpfigen Team. Doch ihr Traumjob entwickelt sich völlig anders als ursprünglich gedacht, berichtet Kirstin Hofmann.

"Man erwartet natürlich, man verkauft Reisen, man geht vielleicht selbst irgendwohin, man erlebt das alles und lernt ganz viel Neues. Und jetzt ist es halt wirklich eher so die Abwicklung von dem, was halt schon gebucht war. Und das ist natürlich eigentlich komplett was anderes, als was man am Anfang erwartet."

Stornierungen und Umbuchungen bestimmen das Tagesgeschäft. Statt Karibik oder Mallorca sind allenfalls "Wandern im Allgäu" oder ein "Städtetrip nach Dresden" gefragt. Das Reisebüro kämpft seit Monaten um seine Existenz.

Die Azubis halten das Reisebüro am Laufen

Die beiden festen Kräfte seien daheim, in Kurzarbeit, berichtet der Chef. Die vier Azubis halten den Laden am Laufen. Irgendwie überleben, lautet die Devise. In so unsicheren Zeiten einen weiteren Lehrling zu verpflichten, sei schier unmöglich, sagt Inhaber Chris Rihm.  

"Wir haben einfach finanziell im Moment auch nicht die Möglichkeit! Wir müssen im Endeffekt schauen, dass wir überhaupt über die Runden kommen bei 80 Prozent Umsatzeinbruch, den wir insgesamt haben. Das ist schon eine Hausnummer", sagt Rihm.

"Wir haben entsprechend 'Überbrückungshilfe, Teil 1' beantragt, jetzt sind wir gestern mit dem Antrag für 'Teil 2' fertig geworden. Das heißt, primär werden die Fixkosten und die Auszubildenden damit gedeckt. Und das Ganze muss natürlich entsprechend auch dann noch für nächstes Jahr reichen."  

15.000 Euro Überbrückungshilfe im Frühjahr, jetzt hofft der Unternehmer auf eine weitere Finanzspritze vom Land - um sich irgendwie über Wasser zu halten. 

Nicht nur der Tourismus, auch andere Branchen sind in der Region nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar durch die weltweite Pandemie ins Straucheln geraten: Handel, Gastronomie, das Veranstaltungs- und Transportgewerbe, der Metall- und Elektrobereich – von den über 70.000 Mitgliedsbetrieben im Bezirk schreiben aktuell nicht wenige tiefrote Zahlen.

Große Verunsicherung auf beiden Seiten

Konsequenz: ein Rückgang von über 17 Prozent bei den Ausbildungsverträgen. Grund sei neben der wirtschaftlichen Schieflage auch die große Verunsicherung auf beiden Seiten, sagt Harald Töltl, Leiter der Berufsbildung an der IHK. Bei Arbeitgebern wie auch Bewerbern. Sie finden nur sehr schwer zusammen. Weil die klassischen Vermittlungsinstrumente durch den Lockdown weggebrochen seien.    

"Die Arbeitsagenturen konnten nicht mehr im direkten Kontakt vermitteln, wir als IHK nicht, die anderen zuständigen Stellen auch nicht. Und insbesondere die Lehrstellenbörsen, die wir sonst im Frühjahr und im Frühsommer haben, sind komplett abgesagt worden. So dass wir auch da keine Möglichkeit hatten, den Kontakt zwischen Bewerbern und Betrieben herzustellen." 

"Sie gehen normalerweise ja auch in die Schulen. Auch das war schwierig?"

"Das war nicht nur schwierig, das war sogar unmöglich! Weil die Schulen aus Infektionsschutzgründen niemand Externen mehr in die Schulgebäude lassen durften. Und deswegen war es natürlich auch nicht möglich, die Schüler entsprechend zu informieren, welche Chancen eine Berufsausbildung bietet."   

Potenzielle Bewerber haben sich deshalb umorientiert, haben auf andere Lösungen gesetzt. Statt eine Ausbildung zu beginnen, drücken viele länger die Schulbank. Ein höherer Abschluss macht sich eben auch gut im Lebenslauf.

IHK setzt auf "Online-Speed-Dating für Azubis"

Falk Böhm aus Ludwigshafen erinnert sich nur ungern an das vergangene Frühjahr. Auf der Suche nach einer Lehrstelle als Mechatroniker hat der 20-jährige Gymnasiast bei etwa 30 Firmen in der Region angeklopft - als zahlreiche Mitarbeiter der Personal-Abteilungen wegen des Lockdowns gerade im Homeoffice saßen.  

"Das war ein Haufen Arbeit für Lebenslaufschreiben, dies, das. Und im Endeffekt – viel losgeschickt, und teilweise keine Rückmeldung bekommen, teilweise halt Absagen. Es hat genervt am Ende. Man wusste jetzt nicht genau, wie es weitergeht." 

Falk Böhm hat eine Alternative gewählt. Er absolviert jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sportbereich und hat seinen Ausbildungsstart auf den nächsten Herbst verschoben. Dabei verzeichnen Handwerkskammer und IHK noch reichlich freie Ausbildungsplätze in der Region. Bleiben die unbesetzt, bedeutet das weniger Fachkräfte in der Zukunft. 

Um Firmen und Bewerber noch auf den letzten Drücker zusammenbringen, setzte man bei der IHK Rhein Neckar auf das "Online-Speed-Dating für Azubis". Mit ein paar Klicks auf der Homepage können Bewerber offene Lehrstellen über das Portal sichten. Und sofort einen Telefon- oder Videotermin mit dem anvisierten Betrieb vereinbaren, erklärt Harald Töltl.  

"Das funktioniert im Prinzip wie ein elektronischer Kalender. Die Betriebe stellen ihre Zeit-Slots ein, wann sie für ein Gespräch zur Verfügung stehen, und die interessierten Bewerber können sich dann einen dieser Zeit-Slots aussuchen und buchen. Und dann kann man miteinander sprechen."

"Wir brauchen ganz dringend noch jemand"

70 offene Lehrstellen sind Anfang Oktober auf dem Portal gelistet. Darunter auch die der Firma Calvatis GmbH aus Ladenburg. Ein mittelständisches Unternehmen, das Desinfektions- und Reinigungsmittel für den Lebensmittelbereich produziert. Ein boomender Markt. Händeringend suchte die Firma noch zwei Lehrlinge für die Produktion, berichtet Ausbildungsleiter Markus Schmidt.   

"Dieses Jahr ist es extrem schwer, muss man ganz ehrlich sagen. Das wird auch mit Corona zusammenhängen. Wir brauchen ganz dringend noch jemand. Es müssen die Anlagen bedient werden, es müssen Rohstoffe gerichtet werden, es müssen Proben gezogen werden. Das wäre alles so im Aufgabengebiet des Chemikanten."  

Doch die Bewerberzahl ist bei Calvatis um gut ein Drittel zurückgegangen. Die letzte Hoffnung ruht jetzt auf dem Speed-Dating der IHK. Und tatsächlich melden sich Interessenten.

"Also für das erste Mal ist es ganz okay! Wir hatten acht Terminanfragen, was letztendlich zu vier Gesprächen führte. Und das ist okay. Eine 50-prozentige Ausbeute für's erste Mal ist okay." 

"Und letztendlich könnte es sein, dass Sie auf diesem Weg auch tatsächlich fündig werden, oder?" 

"Genau! Heute Mittag haben wir ein Vor-Ort-Bewerbungsgespräch. Das auf einem Telefon-Gespräch basiert. Der Bewerber hat seine Unterlagen gesendet. Und wenn wir heute Mittag zusammenkommen und er auch bei uns anfangen möchte, hätten wir die Stelle besetzt, ja." 

Gute Nachrichten auch aus dem Mannheimer Reisebüro. Inhaber Chris Rihm kann in diesem Herbst doch noch eine junge Frau zur Verstärkung seines Teams verpflichten. Über eine sogenannte "Qualifizierungsmaßnahme" - die den Unternehmer kaum einen Cent kostet.   

"Sie bekommt so round about 250 Euro von der Arbeitsagentur. Und wir haben dann quasi nur noch die Dinge, die anfallen, wenn man hier sitzt – Strom, Wasser, also das ist dann vernachlässigbar. Und sie kann dann nach erfolgreicher Einstiegsqualifizierung das anrechnen lassen auf die Ausbildung, es ist dann kein verlorenes Jahr."

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