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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.04.2018

Autor Rolf Schneider über "Ebereschenfeuer"Erschütternde Zustände im Osten Deutschlands

Rolf Schneider im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Collage: Rolf Schneider. Ebereschenfeuer (Cover: Edition Ornament, Hintergrund: dpa, collage: dlf Kultur)
Rolf Schneider hat er sich in weit über 60 Publikationen immer wieder mit Ostdeutschland beschäftigt. (Cover: Edition Ornament, Hintergrund: dpa, collage: dlf Kultur)

Als Regisseur und Dramaturg durfte Rolf Schneider zwar im Westen arbeiten, im Osten, wo er lebte, aber kaum als Schriftsteller publizieren. Eine besondere Bindung ergab sich zum blockfreien Österreich, wo auch Schneiders neuer Roman "Ebereschenfeuer" spielt.

"Biografien sind sinnlos geworden." Auch wenn dieser Satz über überzeugte DDR-Bürger nach der Wende in sich unlogisch sei, empfänden Leute, die um das Ziel und ihre Lebensabsicht gebracht worden seien, ihre Biografien als sinnlos, sagt Rolf Schneider im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. "Das ist ein Phänomen, das ich festhalten wollte. Auch wenn ich es nicht bis ins Letzte verteidigen und rechtfertigen mag."

Gerade für die Haltung der ehemaligen DDR-Oberschicht, der Funktionäre, habe er kein Verständnis, so Schneider. "Ich verstehe sie nicht, weil sie nicht in der Lage sind, in sich selbst und in ihrem früheren Umfeld die Gründe für das Scheitern zu erkennen."

Am 17. April, wird der Schriftsteller und Journalist Rolf Schneider 86 Jahre alt. In weit über 60 Publikationen ­– Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Sachbüchern – hat er sich immer wieder mit Ostdeutschland beschäftigt – seiner Heimat, die er freilich während der SED-Herrschaft aus der Perspektive eines Ausgegrenzten beobachtete. Als Regisseur und Dramaturg durfte er zwar im Westen arbeiten, im Osten – wo er lebte – aber kaum als Schriftsteller publizieren.

Besondere Bindung zu Österreich

Eine besondere biografische Bindung ergab sich über die Jahre zum blockfreien Österreich, und diese Erfahrung spiegelt sich auch in Schneiders neuem Roman "Ebereschenfeuer" wider. Dessen Heldin, die Kunsthistorikerin Maria Staudinger, hat den Großteil ihres Lebens in der Alpenrepublik verbracht.

Nun, im Ruhestand als "österreichische Staatspensionistin", beschwört ein Anwaltsschreiben eine ihr kaum gewärtige DDR-Verbundenheit herauf: Sie ist nämlich das uneheliche Kind eines ehemaligen sozialistischen Stararchitekten, dessen Tod einen Erbschaftsfall auslöst und die Heldin mit einer vollkommen unbekannten Ost-Verwandtschaft wie Ost-Landschaft konfrontiert.

Maria Staudinger entdeckt also Ostdeutschland, mit den staunenden Augen einer an dörfliche Schönheit gewohnten Österreicherin. Zitat: "Sie fuhr durch Dörfer mit hässlichen Stallgebäuden, aus deren Dächern Grashalme und Birkenzweige wuchsen."

"Ich rekurriere etwas auf die Zustände in Ost-Brandenburg", sagt Rolf Schneider im Interview. "Wenn ich nach Frankfurt/Oder fahre – was die Heldin ja auch tut ­­– komme ich an Gegenden vorbei, die wirklich erschütternd sind in ihrer Baufälligkeit, in ihrer Stagnation, in ihrem Urteil zum Untergang."

Rolf Schneider: "Ebereschenfeuer"
Edition Ornament im quartus-Verlag
220 Seiten, 22,90 Euro
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