Carports

Hässliche Visitenkarte vieler Eigenheime

Haus mit Carport in Deutschland.
Carports sind architekturlose Bauten, die inzwischen das Antlitz vieler Häuser prägen, sie in vielen Fällen sogar verstecken, so die Architekturhistorikerin Kaija Voss. © picture alliance / blickwinkel / Leitner
Beobachtungen von Kaija Voss · 15.08.2022
Deutschland ist Autoland: Rund 48,5 Millionen Pkw sind hier zugelassen, nie waren es mehr. Der Stellenwert des Autos zeigt sich auch beim Bauen hierzulande, hat die Architekturhistorikerin Kaija Voss beobachtet – zum Beispiel vor vielen Eigenheimen.
Die eigenwillige Wortschöpfung Carchitecture bezeichnet die gestalterische Einheit von Haus und Auto – ein Gebäude also, das sich im Aussehen der Mobilität des Autos anpasst. Vorreiter der Idee, die damals noch nicht so hieß, war der weltbekannte Architekt Le Corbusier.
Er baute schon 1927 auf der Weißenhofsiedlung Stuttgart das Haus Citröhan, benannt nach der französischen Automarke Citroen. Le Corbusier bekam dafür den Spitznamen Le Carbusier.

Luxusarchitektur der deutschen Autofirmen

Carchitecture bezeichnet augenzwinkernd auch einen Trend, der Architekten seit Ende des vergangenen Jahrhunderts zur Höchstform auflaufen ließ: International agierende Autofirmen leisteten sich namhafte Architekten, um ihre Produkte zu zelebrieren. Wer sonst sollte hochpreisige Architektur bezahlen können, wenn nicht die deutsche Autoindustrie?
Und so entstand beispielsweise die Münchner BMW-Welt vom Büro COOP Himmelb(l)au oder die Autostadt für VW in Wolfsburg von Henn Architekten. Beides sind rund um Automarken entwickelte und gebaute Konzepte, sogenannte Brandlands in denen der Autokauf zum kultischen Erlebnis werden soll.
Kosten spielten kaum eine Rolle, die „Freude am Fahren“, ein dynamisches Lebensgefühl sollte in Architektur gebannt werden: modern, dekonstruktivistisch, mobil. Das Autohaus als Kultur- und Begegnungsstätte, ein edler Rahmen in dem man Firmenpartys und Kindergeburtstage feiert, Konzerten lauscht und Kunst bewundert. Das Auto als Lebensgefühl verpackt in puren architektonischen Luxus.

Frank Lloyd Wright – Erfinder des Carports

Diese glamouröse Carchitecture stürzt allerdings in einer normalen deutschen Eigenheimsiedlung im Sturzflug ins Profane ab. Hier dominiert der Carport. Erfunden wurde er in den 1930er-Jahren vom berühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Doch der Carport erinnert sich nicht mehr seines berühmten Erfinders, er führt ein selbstbewusstes Eigenleben.

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Da er in der Regel keine Baugenehmigung benötigt, braucht er keinen Architekten mehr. Sein Aussehen wird bestimmt von Geschmack und Geldbeutel des Besitzers und nicht zuletzt vom Angebot des örtlichen Baumarktes.
Er säumt die Straßen, wie einst der blumengeschmückte Vorgarten. Er plustert sich auf, ist riesig, er kann nassen Schnee tragen und golfballgroße Hagelkörner abhalten. Häufig sehr überdimensioniert könnte er oft Doppelstockbusse aufnehmen, anstelle des kleinen Zweitwagens.

Unschöner Spiegel seiner Eigentümer

Er ist praktisch und halbwegs preiswert, sehr selten avantgardistisch oder von einer besonderen Ästhetik. Carports sind architekturlose Bauten, die inzwischen das Antlitz vieler Häuser prägen, in vielen Fällen sie sogar verstecken.
Der englische Architekt John Papworth schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts, dass er jemanden kannte, der sich einen Spaß damit machte, am Torhaus den Charakter des Besitzers zu erraten. Es sei sehr einfach, bereits hier zu erkennen, welches zum „stolzen und hochmütigen, und welches zum eingebildeten und dünkelhaften; welches zum liberalen, zum verschwenderischen“ Besitzer gehöre.
Der Carport als Spiegel seiner Eigentümer. Da dominiert die spröde Langeweile. Er verweigert sich der Schönheit, zelebriert die Funktionalität und verweist auf den Stellenwert, den das Auto in unserer Gesellschaft noch hat.
Die Welt nach Frank Lloyd Wright wartet also noch auf den „Idealentwurf eines Carports“, auf die Carchitecture des Alltags. Zumindest, solange der Individualverkehr mit dem Auto noch verbreitet ist.
Und danach kommt bitte der ideale Fahrradständer! Der hätte ja auch den Vorteil, dass er kleiner sein könnte und deshalb nicht mehr ganze Häuser verdeckt, die Architekten entworfen haben.

Nach dem Architekturstudium in Weimar (Bauhaus-Universität), der Promotion an der Universität Hannover über „Denkmalpflege mittelalterlicher Stadtbefestigungen“ und langjähriger Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an mehreren Instituten für Baugeschichte, zuletzt an der TU Dresden, ist Dr. Kaija Voss heute Dozentin und Autorin. Die Architekturhistorikerin lebt im Süden von München, schreibt Bücher und hält Vorträge über Architekturgeschichte. Ihr Spezialgebiet: das Bauhaus und die Klassische Moderne. Kaija Voss ist freie Mitarbeiterin von „Süddeutscher Zeitung“ und „Bayerischer Staatszeitung“. Für die Erhaltung denkmalgeschützter Bauten engagiert sie sich bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und beim Denkmalnetz Bayern. Ihr Motto lautet „Architektur: Sehen lernen!“.

Porträtfoto der Architekturhistorikerin Kaija Voss
© Christian Voss
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