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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 04.08.2019

Autisten im Stadion von Arminia BielefeldWenn es zuviel wird, hilft der Snoezelraum

Von Heinz Schindler

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Bundesliga-Saison 2019/2020: Fans von Arminia Bielefeld feiern den Klub. (Imago / pmk)
Fans von Arminia Bielefeld: Der Club gilt als Vorbild in Sachen Integration. (Imago / pmk)

In den vergangenen Jahren wurden die Fußballstadien immer barrierefreier. Das betrifft Rollstuhlfahrer ebenso wie Seh- oder auch Hörgeschädigte. Als erster Verein in Deutschland erweitert nun Zweitligist Arminia Bielefeld sein Angebot für Autisten.

Schon der Weg durch die lauten und bunten Menschenmassen an den Eingängen kann für einen Autisten zu viel sein. Manch einer bricht den Stadionbesuch bereits auf dem Parkplatz ab. Daher ist der Snoezelraum auf der Bielefelder Alm auch auf Wegen zu erreichen, auf denen man kaum jemandem begegnet. Während der spielfreien Zeit hat Arminia Bielefeld eine wenig genutze Loge umgebaut als Rückzugsort für Autisten.

"Wenn man reinkommt, ist direkt auf der linken Seite erstmal ein großes Klangwasserbett", sagt Peter Heckmann aus der Behindertenbetreuung. "Mit einer Bassrolle unten drunter verbaut, dass man den Klang auch spürt, wenn man drauf liegt. Dann haben wir Schwarzlichtröhren zwei Stück verbaut hier im Raum, eine Wasserblasensäule und einen Gel-Projektor. Dann diverse Sitzmöglichkeiten, also Podeste, ein Sitzsack, Fasernebel ist verbaut. Eine gute Musikanlage, eben auch für das Wasserbett, wo der Bass einzeln fürs Wasserbett steuerbar ist. Und entsprechend auch Außenlautsprecher."

Das Spiel verfolgen die Autisten und ihre Begleiter in einer ganz gewöhnlichen Loge oberhalb der Zuschauerränge an einer der Stirnseiten des Spielfeldes. Nur eine Tür entfernt vom Snoezelraum, dessen Ausstattung etwa 25.000 Euro gekostet hat. Betreuerin Tamara Gouveia: "Man kommt rein und man spürt direkt die Ruhe, wie ich finde. Und das macht diesen Snoezelraum aus. Wir haben viel mit Farbe, wir haben auch vieles eintönig. Das wird dann variiert, je nachdem, was die Person gerade braucht."

Zweifel an der therapeutischen Wirkung

Ganz wichtig: Es gibt keinerlei Sichtkontakt zum Spielfeld und auch die Fans sind nicht zu hören. "Die Wände sind dick gepolstert, weil wir natürlich auch Menschen zwischendurch mit einer Autoaggression oder Fremdaggression hier haben. Damit die Verletzungsgefahr weitestgehend nicht gegeben ist, dass hier nichts passiert. Und es schluckt natürlich Schall, das ist ganz wichtig, weil wir hier im Stadion sitzen. Es kommt viel Schall von außen rein und wir versuchen natürlich auch da, auch ein bisschen zu dämmen in diese Richtung."

Der Snoezel-Raum in stimmungsvolles Licht getaucht. In der offen stehenden Tür sieht man das Stadion. (Heinz Schindler)Schallgeschützt: der Snoezelraum im Stadion von Arminia Bielefeld. (Heinz Schindler)

Abtauchen in eine eigene Welt, mental ganz weit weg und räumlich doch dort, wo das Leben den Autisten schnell wieder überfordern kann. Genau dies kritisiert Dr. Eva-Maria Schepers, die das Westfälische Institut für Entwicklungsförderung und Autismus leitet. Snoezelen sei eine Therapieform und werde im Stadion banalisiert.

"Was für ein Ziel soll eigentlich damit erreicht werden? Was für ein Zweck soll verfolgt werden mit dem, dass man ein therapeutisches Setting nimmt und es sozusagen in ein völlig anderes Setting – also mitten in die Welt – implantiert? Was verspricht man sich für eine Wirkung? Die therapeutische Wirkung kann es nicht mehr haben."

Sehr gute Atmosphäre

Denn jeder Autist ist vor allem Individualist, einen standardisierten Snoezelraum kann es demzufolge nicht geben. Malte Wiemann ist einer der ersten Nutzer und freut sich über das Angebot auf der Bielefelder Alm. "Es ist eigentlich immer situationsabhängig. Man kann hier seine eigenen CDs mitbringen oder seine eigene Musik und so ein bisschen zur Ruhe kommen, wenn die Reizüberflutungen zu viel werden. Aber ansonsten hat man eine sehr gute Atmosphäre hier."

Zwei oder drei Autisten können den Snoezelraum gemeinsam nutzen, das ist auch jeweils abhängig vom Grad ihrer Einschränkung. Oft sind ihre Betreuer oder Eltern auch mit dabei. "Wir hatten eine Familie hier, die gesagt hat, das war das erste entspannte Spiel von Arminia seit sechzehn Jahren. Was nicht vorzeitig abgebrochen werden musste. Und das war für die Eltern auch eine völlig neue Erfahrung. Ebenso wie für die beiden Jungs."

Vorreiter Bielefeld

Die Idee zur Einrichtung erhielt Peter Heckmann in England, dort gibt es bereits zwanzig dieser Räume. Was beim FC Arsenal in London funktioniert, klappt auch bei Arminia, so sein Credo. Und es sei nur logisch, dass ausgerechnet Bielefeld damit in Deutschland Vorreiter ist.

"Ich denke schon, dass wir diakonische Hauptstadt sind und damit einen anderen Auftrag haben. Es ist ja nicht nur die von Bodelschwinghschen Anstalten, es ist das Johanneswerk, es ist Eben-Ezer in Lemgo, es ist der Wittekindshof in Löhne/Bad Oeynhausen. Wir haben wahnsinnig große Lebenshilfe-Kreisvereinigungen, wir haben alleine fünf Autismus-Therapiezentren in der direkten Umgebung. Von daher: Den Bedarf sehe ich schon und ich mache mir auch keine Sorgen, dass wir hier den Raum regelmäßig gefüllt haben."

Für jeden Autisten ein Heilpädagoge

Eva-Maria Schepers vom Westfälischen Institut für Entwicklungsförderung anerkennt die gute Absicht, Autisten den Stadionbesuch zu ermöglichen. Sie spricht sich aber gegen eine räumliche Trennung von den anderen Zuschauern aus und fordert daher:

"Für jeden, der Autist ist, einen eigenen Heilpädagogen. Der mit denen ins Stadion geht und mitten unter allen anderen mehreren tausend Menschen. Aber jeder hat seinen eigenen Coach neben sich, an den sich der Autist auch wenden kann. Wo er vielleicht auch mal von außen beruhigt wird. Wo er Hilfe zur Einordnung all der vielfältigen Reize, die da miteinander in Einklang gebracht werden müssen, erfährt. Das wäre für mich inklusiv."

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