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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.10.2020

Ausstellung "Supernatural" Visionen vom Körper der Zukunft

Von Rudolf Schmitz

Eine in einen Rollstuhl eingegipste Puppe, auf die ein menschliches Gesicht projiziert wird. (Rudolf Schmitz / Deutschlandfunk Kultur)
Vom Künstlerduo Glaser/Kunz stammt die gespenstisch lebendig wirkende Puppe eines Sammlers im Rollstuhl.* (Rudolf Schmitz / Deutschlandfunk Kultur)

Welche Auswirkungen haben digitale Revolution und Gentechnik auf die Körper der Zukunft? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung „Supernatural“ in der Kunsthalle Tübingen mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern aus elf Ländern.

Der Blick – das merken wir in Corona-Zeiten – ist immer noch das entscheidende Signal menschlicher Kommunikation. Der japanische Künstler Takayuki Todo hat einen kleinen humanoiden Roboterkopf gebaut, der auf unsere Augenbewegungen und Augenbrauendynamik nachahmend reagiert: Dieses Wesen in prozellanartigem Weiß spiegelt unsere emotionale Verfassung oder auch unser Schauspielern auf eigenartig zarte, fast schüchterne Weise. So erlernen Babys die Kommunikation und das In-der-Welt-sein.

Werden in Zukunft Maschinen zu Menschen und Menschen zu Maschinen? Das ist eine der Fragestellungen dieser Schau. Den Kunstmarkt jedenfalls, so behauptet das Künstlerduo Anna Dumitriu und Alex May, wird es auch in Zukunft geben. 

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Sie präsentieren die Puppe eines Sammlers, der fast vollständig eingegipst in einem Rollstuhl sitzt, aber hellwach mit seinem Galeristen telefoniert – von der Kunstmesse aus. Sein lebhaftes Gesicht mit forschend umherwandernden Augen wird von einer versteckten Kamera aufprojiziert. Das wirkt gespenstisch lebendig und persifliert punktgenau den Insider-Talk. 

Isa Genzkens autistische Kids 

Neun in mediales Rüstzeug gekleidete Schaufensterpuppen von Isa Genzken stehen im Kreis, als hätten sie eine Geheimkonferenz. Wir Betrachter sind ausgeschlossen, obwohl wir diese autistischen Kids von allen Seiten erforschen können. Dazu Nicole Fritz, die Direktorin der Kunsthalle Tübingen

"Kinder und Jugendliche sind heute medialen Bildern ausgesetzt. Keiner der Jugendlichen hier hat nicht ein elektrisches Tool um oder ist an eins angeschlossen. Und die Frage, die sich hier stellt, ist: Wie können wir uns entwickeln angesichts eines medialen Dauerrauschens? Entwickeln wir überhaupt noch Identität, entwickeln wir ein Ich oder vielleicht sogar ein höheres Selbst?" 

Reiner Maria Matysiks Knet-Kosmos

In einem großen Regal, präsentiert wie im Zukunftslabor, Mischwesen aus Pflanzen und Tieren: Attraktiv, absurd – und dann auch wieder vertraut. Reiner Maria Matysik ist nicht der einzige in dieser Ausstellung, der mit der künstlerischen Genschere klappert.

Reiner Maria Matysiks Mischwesen aus Pflanzen und Tieren in einem Regal. (Rudolf Schmitz / Deutschlandfunk Kultur)Reiner Maria Matysiks absurde Mischwesen aus Pflanzen und Tieren. (Rudolf Schmitz / Deutschlandfunk Kultur)
"Es sind Prototypen, die er seit den 90er-Jahren entwickelt und mit Knete skulptural umgeformt hat. Ein ganzer Kosmos, eine ganze Evolution, eine biologische Skulptur, wie er es nennt. Wären nicht die ethischen Grenzen, könnten wir sie vielleicht sogar bald nachbauen. Sie würden uns begegnen, lebendig", schwärmt Nicole Fritz.

Die beunruhigende Welt der Virtual Reality fehlt

Die Ausstellung "Supernatural" präsentiert nicht nur die dunkle Seite der menschlichen Macht. Sie sieht Künstler*innen als Vorreiter für ein künftiges, empathisches Naturverhältnis. Ob Anne Carnein aus ihren alten Kleidern künstliche, körpergroße Pflanzen näht oder Fabien Mérelle sich selbst als schmetterlingsbesetzter Träumer imaginiert – die Zukunft des Körpers im Anthropozän bleibt offen für Intuition, Fantasie und Kommunikation zwischen Mensch und Natur. 

Mit ihrem Faible für hyperrealistische Skulptur spart die Schau in der Kunsthalle Tübingen einiges aus, zum Beispiel die beunruhigende Welt der Virtual Reality. Das wirkt ein bisschen treuherzig angesichts explodierender biogenetischer und technologischer Möglichkeiten. "Supernatural" bleibt hinter den Erkenntnismöglichkeiten kritischer Kunst zurück, erscheint oft anekdotisch, als wollte das Beharren auf einem gegenständlichen Menschenbild vor allem eins bieten: das nötige Quantum Trost.

Die Ausstellung "Supernatural" ist noch bis zum 7.3.2021 in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.

(*) Redaktioneller Hinweis: Die Namen der Urheber des abgebildeten Kunstwerks wurden korrigiert.

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