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Fazit | Beitrag vom 01.10.2020

Ausstellung "On Air - 100 Jahre Radio"Leitmedium und Begleitmedium

Von Gerd Brendel

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Ein alter tschechischer Radioapparat mit Drehregler und Stationsanzeige. (imago images / CTK Photo/ Josef Horazny)
Inzwischen ist Radio fast überall verfügbar: Die alten Apparate waren schön, aber unhandlich. (imago images / CTK Photo/ Josef Horazny)

Die Ausstellung "On Air" in Berlin zeichnet die Entwicklung des Hörfunks von der Propaganda-Maschine zum idealen Audiobegleiter nach. Das Vorhaben, die Geschichte des Radios und seine Zukunft anschaulich zu machen, gelingt aber nicht vollständig.

"Rundfunkgenehmigung" steht auf den angegilbten Zetteln am Eingang des Berliner Museums für Kommunikation. Sie erinnern daran, dass in Deutschland am Anfang nicht nur das Senden, sondern auch das Hören staatlich reglementiert wurde.

Denn diese Rundfunkgenehmigungen gab es tatsächlich. Zu beantragen bei der Reichspost, gegen Gebühr versteht sich. In der Ausstellung steht auf den nachgedruckten Genehmigungen die Gebrauchsanleitung für die kleinen Radios, die für jeden Besucher der Ausstellung "On Air" bereitstehen.

Ein Ungetüm von Sendeanlage

"Wir haben diese kleinen UKW Empfänger über sieben Frequenzen", erklärt Kuratorin Anne-Sophie Gutsche", da kann man einzelne Hörstücke empfangen, die sind auf verschiedenen Frequenzen und stören sich manchmal auch gegenseitig, manchmal rauscht es auch. So wie beim echten UKW-Empfang üblich.

"Achtung, Achtung, hier ist Berlin, Vox-Haus. Sie hören als erstes ...", knistert es am Ohr vor dem Modell des Berliner Vox-Hauses, aus dessen Dachboden-Studio ab 1923 gesendet wurde. Neben der gebauten Erinnerung steht ein Ungetüm von Sendeanlage: abgebaut vom legendären Funkerberg in Königs Wusterhausen.

Ein Ausstellungsbesucher betrachtet ein Teil des Radiosenders, von dem am 22.12.1920 die erste Rundfunksendung in Deutschland ausgestrahlt wurde. (Museum für Kommunikation Berlin, Kay Herschelmann)Mithilfe dieses Senders wurde am 22. Dezember 1920 das erste öffentliche Rundfunkprogramm in Deutschland ausgestrahlt - ein Weihnachtskonzert. (Museum für Kommunikation Berlin, Kay Herschelmann)

In Vitrinen daneben Empfangsgeräte zum Selberbauen und eine Original-Rundfunkgenehmigung. Alles "Made in Germany". Die eigentlichen Radioerfinder Heinrich Hertz, Nikola Tesla und Guglielmo Marconi werden knapp erwähnt, dass die USA ein bisschen voraus waren gar nicht.

"Wir haben uns bewusst entschieden, die deutsche Geschichte zu erzählen", sagt Anne-Sophie Gutsche. Diese war bestimmt von staatlicher Kontrolle. 1918 hatten meuternde Soldaten die Büros einer Nachrichtenagentur besetzt und ihre revolutionären Ziele im sogenannten "Funkerspuk" verbreitet. Dem galt es für die Zukunft vorzubeugen, mit staatlicher Kontrolle.

Medium zur Beeinflussung

"Es sollen sich alle schämen, die sich der technischen Errungenschaften bedienen und nicht mehr geistig davon erfasst haben als die Kuh von der Botanik", sagte Albert Einstein 1930 in einer Radioansprache. Drei Jahre danach erfüllte sich die Warnung.

"Vielleicht werden spätere Geschlechter einmal feststellen müssen, dass der Rundfunk für unsere Zeit eine genauso große Zeit der Beeinflussung der Massen eingeleitet hat wie die Erfindung der Buchdruckerkunst", so Hitlers Reichspropagandaminister Goebbels im Radio. In der Ausstellung empfangen die Besucher die Rede vor einem Gerät, das aussieht wie eine Musiktruhe für Riesen.

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"Das ist ein Gemeinschaftsempfänger, dieser große Schrank hier und der wurde zur Zeit des Nationalsozialismus eingesetzt, um die Reden von Hitler aufzuzeichnen. Dieses Gerät hat auch einen Plattenschneider – eine Platte, die live geschnitten wurde, um diese dann wiedergeben zu können", erläutert die Kuratorin. Radio als Propaganda-Instrument und Sprachrohr einer Gegenwelt. Die Nazireden werden immer wieder von dumpfen Paukenschlägen unterbrochen, dem Erkennungszeichen des deutschsprachigen BBC-Programms.

Im nächsten Raum beginnt der Kalte Krieg. Dass der auch im Äther zwischen West und Ost ausgefochten wurde, dokumentiert ein historischer Störsender. Im letzten Schaukasten der Ausstellung sind Dutzende Geräte aufgestellt, von der Pionierzeit bis zum Digitalzeitalter.

Eines hat es Kuratorin Anne-Sophie Gutsche besonders angetan: "Hier dieser kleine Kosmos-Empfänger, der allein durch seine Größe ausdrückt, was mit dem Radio passiert ist. Es hat sich entwickelt von einem Leitmedium, das ganz häufig als Quelle genutzt wird – zu einem Begleitmedium, das man nebenbei hört, nicht mehr unbedingt diese Wirkung hat, aber überall ist."

Die Radio- und Audiolandschaft heute

Außer zu den Gefahren im Straßenverkehr in einer lustigen Verkehrsfunk-Collage erfahren der Besucher und die Besucherin so gut wie nichts zu den Gefahren oder den Herausforderungen einer immer unübersichtlicher werdenden Medienlandschaft, die sich in den 1980er-Jahren im Westen Deutschlands in öffentlich-rechtliche und private Sender aufspaltete. Und das Radio heute? Eine Menge "Funkspuk", "Fake News" neben seriösem Faktencheck, Experimentelles, Kommerz und öffentlich-rechtliche Programme. Medienpolitische Fragen werden hier leider nicht verhandelt.

Dass schon in den 1920er-Jahren zum Beispiel Brecht weiter dachte in Richtung Hörerbeteiligung, er sprach von "Inbesitznahme des Radios, Umfunktionierung des Radios als Kommunikationsapparat", daran erinnerte zur Eröffnung Jürgen Kuttner im Gespräch mit Nathalie Singer, Professorin für experimentelles Radio an der Bauhaus-Uni Weimar.

"Die Interaktion des Radios, die Brecht heraufbeschworen hat, das ist ja aktueller denn je", sagt Singer. Nur schade, dass in der Ausstellung selbst kaum etwas davon zu sehen und zu hören ist.

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