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Fazit | Beitrag vom 08.09.2021

Ausstellung "Mindbombs" in MannheimAuf den Spuren des Terrors

Sebastian Baden im Gespräch mit Marietta Schwarz

Eine Verfremdung des Deckenfreskos von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Hier berühren sich nicht die Zeigefinger von Gott und Adam, sondern von Gott und einem schwarz gekleideten Terroristen. Sie berühren jeweils ein Ende einer Pistole, wobei Gott den Abzug drückt. (Courtesy the artist / Khalib Albaih)
Auf diesem Bild von Khalid Albaih drückt Gott den Abzug der Pistole eines Terroristen. Es ist eines der Werke, die in Mannheim ausgestellt werden. (Courtesy the artist / Khalib Albaih)

20 Jahre nach 9/11, zehn Jahre nach der Enttarnung des NSU und fast sechs Jahre nach den Anschlägen in Paris beschäftigt sich eine Ausstellung in Mannheim mit der Begriffsgeschichte des Terrors. Sie zeigt: Der Terror kam mit der Moderne in die Welt.

"'Mindbombs' ist ein Begriff aus dem Guerillamarketing", sagt Sebastian Baden. "Er soll zeigen, dass auch terroristische Aktionen wie Schockmarketing funktionieren und damit Botschaften aussenden, die uns im Gedächtnis hängen bleiben, oder in dem Moment, wo sie uns treffen, auch emotional explodieren."

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Baden ist Kurator der gleichnamigen Ausstellung "Mindbombs" in der Kunsthalle Mannheim, in der, wie er sagt, eine "Begriffsgeschichte des Terrorismus" nachgezeichnet werden soll. Dazu werden einerseits Archivmaterial von der Französischen Revolution bis heute und andererseits indirekte Porträtierungen terroristischer Akte der letzten Jahre ausgestellt.

"Der Terror kam mit der Moderne in die Welt"

Man wolle zeigen, "dass Terrorismus ein Kampfbegriff ist, den es schon länger gibt, der instrumentalisiert wird und nicht erst jetzt in der Gegenwart Aktualität hat, sondern tatsächlich mit der Moderne in die Welt kam". Die eindeutigsten propagandistischen Bilder stammen aus der Bibliothèque nationale de France. Das sind Bilder von der Französischen Revolution, die zeigen, wie Menschen, unter anderem auch der König, hingerichtet werden.

Ein verwischtes dunkles Bild, das so aussieht, als ob ursprünglich die Türme des World Trade Centers darauf zu sehen waren. (Gerhard Richter 2021)Auch dieses Bild von Gerhard Richter ist in der Sonderausstellung "Mindbombs" zu sehen. (Gerhard Richter 2021)
"Aber das andere Bildmaterial unserer Ausstellung ist künstlerisch gefiltert und arbeitet mit Verfremdungseffekten – über die indirekte Botschaft." Eine solche Arbeit ist die von Georg Lutz. Dabei handelt es sich um eine Fotografie, die einen zerschossenen Tisch von der Anschlagsserie in Paris im Jahr 2015 porträtiert – mitsamt einer in den sozialen Medien stattfindenden Kommunikation mit einem damals betroffenen Opfer.

Die persönlichen Verletzungen sind im Fokus

"Das heißt, der Blick der Ausstellung richtet sich nicht auf das Propagandamaterial und die Sensation eines Ereignisses, sondern ganz subtil auf die persönlichen Verletzungen und die Sachbeschädigungen, die durch diesen Anschlag hervorgerufen wurden und auch lange im kollektiven und persönlichen Gedächtnis haften", sagt Baden.

Ein schwer bewaffneter Polizist bewacht den Eingang zum Palais de Justice in Paris. (picture alliance / dpa / MAXPPP / Franck Dubray)Prozessauftakt in Paris (picture alliance / dpa / MAXPPP / Franck Dubray)"Die, die uns durch die Hölle haben gehen lassen, werden sehen, dass wir den Hass überwunden haben und dass sie nach unseren Gesetzen gerichtet werden und nicht nach ihren" [AUDIO], sagt Sophie Parra, eine Überlebende der islamistischen Terroranschläge von Paris vor fast sechs Jahren. Damals kamen 130 Menschen ums Leben und Hunderte wurden verletzt.
Am Mittwoch hat nun in Paris der Prozess gegen die Attentäter begonnen, ein Prozess von historischem Ausmaß: 1800 Kläger und 330 Anwälte. Vom Prozessauftakt berichtet Julia Borutta.

Georg Lutz war dazu auch in Paris unterwegs und suchte die Restaurants auf, die vom Anschlag betroffen waren, um dort nach Spuren zu suchen. Auch Forensic Architecture stellen in Mannheim aus. Das Kollektiv hat unter anderem aufklärerische Arbeit zum NSU geleistet.

Eine Zeichnung von zwei hippen Frauen mit Gewehr und Munition. (Ivana Spinelli, Foto: Ivana Spinelli)Ivana Spinelli zeigt mit dieser Illustration den Hippnessfaktor von Terror. (Ivana Spinelli, Foto: Ivana Spinelli)

Es gibt aber auch andere künstlerische Zugänge fernab der Forensik, zum Beispiel Werke von Hiba Al-Ansari, "die die Verletzlichkeit des Körpers anhand von Rasierklingen deutlich macht". In der Ausstellung wolle man zeigen, so Baden, "wie das Körperliche und das Mentale jeweils Angriffsflächen darstellen für die Mindbombs, die eben Terrorismus hervorbringen."

Werkzeugkasten für Bildkritik

Letztlich geht es ihm und den Ausstellungsmachern darum, einen "Werkzeugkasten" bereitzustellen, "mit dem man sich Propagandawerken oder Bildern nähern kann, ohne von ihnen verführt zu werden. Das wäre der Filter, immer wieder die Reflexion anzustrengen, solche Formen der öffentlichen Publikationen, wie eben terroristische Anschläge das versuchen, zu hinterfragen und sich nicht emotional davon verführen zu lassen."

Das Gemälde von Édouard Manet zeigt die Erschießung Kaiser Maximilians und zweier seiner Generäle, allerdings von französischen Soldaten, eigentlich waren es mexikanische. (Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas)Ein weiteres Exponat der Ausstellung: Édouard Manets "Die Erschießung Kaiser Maximilians". (Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas)

Der Künstler Khalid Albaih mache das sehr deutlich, so Baden, "indem er zeigt, dass, wenn in Syrien ein Krieg geführt wird und die französische Armee mit ihren Bombern einrückt, eine Konsequenz daraus auch ist, dass der Islamische Staat Attentäter schickt. Diese Form der Gegensätzlichkeit, der Asymmetrie von Konflikten, die zu erkennen, ist auch Teil von Werken dieser Ausstellung."

(ckr)

Die Ausstellung "Mindbombs" ist bis zum 24. April 2022 in der Kunsthalle Mannheim zu sehen.

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