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Interview | Beitrag vom 15.12.2018

Ausstellung "Kino der Moderne""Eine zensurfreie Phase"

Kristina Jaspers im Gespräch mit Shanli Anwar

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In einem Schaukasten ist ein roter Badeanzug zu sehen, im Hintergrund geht ein Mann durch die Ausstellung (Rolf Vennenbernd/dpa)
Ein Blick zurück auf die Zwanziger: Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle ist noch bis zum 24. März 2019 zu sehen. (Rolf Vennenbernd/dpa)

Bei der Vorbereitung für eine Ausstellung stieß die Kuratorin Kristina Jaspers auf überraschende Details der Filmgeschichte: So wurde kurz nach dem Ersten Weltkrieg Homosexualität offen thematisiert und Frauen schrieben unerkannt eigene Stoffe.

Shanli Anwar: Fans der Serie "Babylon Berlin" aufgepasst: Es gibt eine neue Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, bei der geht es um die Wechselwirkung zwischen der Kinoszene der 1920er-Jahre und der gesellschaftlichen Entwicklung. "Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik" heißt diese Ausstellung und wurde unter anderem kuratiert von der Kunsthistorikerin Kristina Jaspers. Wir haben vor der Sendung gesprochen. Hallo, Frau Jaspers!

Kristina Jaspers: Hallo, ich freue mich!

Anwar: Sie blicken ja auf verschiedene Gesellschaftsfelder, unter anderem Mode, Sport, Mobilität und urbanes Leben, welche Wirkung da das Kino hatte. Es geht ja auch um Geschlechterrollen, warum erscheint da der Blick zurück überraschend modern?

Jaspers: Das fanden wir in der Tat überraschend. Man hat natürlich, wenn man an die Zwanzigerjahre denkt, sofort die neue Frau vor Augen, den Bubi-Kopf. Und das ist zum Beispiel schon eine Mode, die durch den Film mitbefördert wurde, aber das Spektrum ist noch wesentlich breiter. Wir haben schon sehr früh, in 1919, 1920, da ist so eine zensurfreie Phase, da gibt es ein bisschen filmischen Wildwuchs, und da entsteht ein Film, "Anders als die anderen", da geht es zum Beispiel um Homosexualität. Die Geschlechterrollen scheinen in der Zeit nicht so ganz gefestigt, da kann man diskutieren.

Frauen eroberten viele Bereiche – auch das Kino

Anwar: Gerade dieser Film "Anders als die anderen", da ist ja ein richtiges Plädoyer am Ende gegen den Paragraph 175, der sogenannte Schwulenparagraph, da wird sich für die Abschaffung starkgemacht, das wirkt so kämpferisch. Wie war das bedingt, durch das Gesellschaftsklima, dass man so Kritik laut äußern konnte in der Filmwelt?

Jaspers: Ich glaube, nach dem Ersten Weltkrieg waren einfach die Strukturen noch nicht so gefestigt und man konnte wirklich etwas freier diskutieren. Und dieses Plädoyer, das spricht ja Magnus Hirschfeld, der ist auch im Bild zu sehen, der berühmte Sexualwissenschaftler. Der hat dann in seinem Buch auch Leserzuschriften veröffentlicht, man denkt da immer an Rosa von Praunheim, nicht der Homosexuelle ist pervers. Nein, das gab es schon in den Zwanzigerjahren, dass Leser schreiben, ich habe diesen Film gesehen, ich traue mich jetzt, mich zu outen. Das hat man damals noch nicht so genannt, aber es hat diese Bewegung in Gang gesetzt.

Anwar: Diese Woche kam aktuell eine Studie heraus, dass Hollywood-Filme der letzten vier Jahre mit weiblichen Hauptrollen erfolgreicher waren als die mit Männern. Und dieses Phänomen, ein starker weiblicher Einfluss in der Filmwelt, der spielte auch im Kino der Weimarer Republik eine Rolle. Einige Frauen damals beschreiben Sie als Pionierinnen der Emanzipation. Wodurch zeichnen diese Frauen sich aus?

Jaspers: Ja, das ist natürlich wirklich der Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Film zu verdanken. Wir haben da viele berufstätige Frauen beispielsweise, muss man sich vorstellen, in den Zwanzigerjahren entstehen ja auch neue Berufsbilder, beispielsweise die Sekretärin. Wir haben auch ein Beispiel für eine Ingenieurin, also die durchaus in leitender Funktion tätig ist. Die Frauen erobern sich also viele Bereiche und viele der Drehbücher stammen in der Zeit auch von Frauen. Auch das verändert natürlich das Rollenbild.

Frauen verheimlichten ihre Autorenschaft

Anwar: Das ist so spannend. Gerade diese Drehbücher, die dann geschrieben werden, da werden aber abgekürzte Vornamen genannt, um das weibliche Dasein nicht zu deutlich zu machen oder wie musste man das verstehen?

Jaspers: Ja, ganz so weit ist die Zeit dann doch noch nicht, also, das sind übrigens keine Abspanne, sondern Vorspanne in der Zeit. Und da wird dann in der Tat der Vorname oft abgekürzt, um so ein bisschen zu vertuschen, dass das jetzt von einer Frau stammt. Es ist auch interessant, dass diese Frauenstoffe oft, das sind so Kolportagestoffe, das sind romantische Komödien, also eher die leichten Themen, die dann von Frauen verfasst werden, aber darunter ist zum Beispiel auch eine der ersten Detektivinnen der deutschen Filmgeschichte.

Anwar: Und in der Ausstellung wird es auch haptisch, beispielsweise ist der Badeanzug von Marlene Dietrich zu sehen. Was gibt es noch in der Ausstellung?

Jaspers: Wir haben natürlich viele Kostüme und in der Tat stammen viele davon aus unserem Archiv, der deutschen Kinemathek, und wir beherbergen die Marlene-Dietrich-Kollektion, das heißt, da können wir aus dem Vollen schöpfen. Aber wir haben auch wirklich tolle Fotografie, es gibt ein Porträt von Asta Nielsen, das hat die Fotografin Iva aufgenommen, das zeigt Asta Nielsen nur von hinten, man sieht einfach nur den Pagenschnitt, und das sagt natürlich auch schon viel aus. Aber wir haben natürlich auch schöne Kostümentwürfe, Szenenbildentwürfe und auch Requisiten, also das ganze Spektrum der Filmproduktion wird eigentlich abgedeckt.

Anwar: Und auch der Mann wird in den Blick genommen. Es gibt eine Galerie der beliebtesten männlichen Typen der Zeit, beschreiben Sie das mal!

Jaspers: Ja, wir haben irgendwann gemerkt, die neue Frau ist so präsent, jetzt müssen wir die Männer mal wieder nach vorne holen. Und wir haben dann ein bisschen geguckt, was in den Umfragen damals so stand. Da gibt es einen Schauspieler, Jan Kiepura, den kennt heute niemand mehr, der belegte jahrelang den ersten Platz. Aber auch Schauspieler wie Hans Albers, wie Heinz Rühmann, wie Willy Fritsch waren sehr, sehr beliebt, und es wurden Starpostkarten in riesigen Auflagen produziert, die man sich dann zu Hause in ein Album kleben konnte oder vielleicht auch in einen Rahmen stecken.

Rasante Einstellungswechsel waren selten Zufall

Anwar: Wenn wir uns heute so Stummfilmklassiker dieser Zeit anschauen, dann hat das eher was von Entschleunigung. In der Zeit selbst fielen die Filme aber durch beschleunigtes Erzählen auf. Inwiefern?

Jaspers: Das ist wirklich auffällig. Damals war das Großstadtleben auf jeden Fall auch ein sehr verhetztes und das spiegelt sich auch in den Filmen. Das hat natürlich viel mit Montage zu tun. Wenn Sie an einen Film wie "Berlin – Symphonie der Großstadt" denken, da werden die Bilder auch oft in Diagonalen aufgenommen. Und das wurde sehr präzise vorgeplant, wir haben viele Zeichnungen, wo man sieht, wie rasante Einstellungswechsel für Autofahrten, von oben, von vorne, von der Seite, durchgeplant wurden, mit Kränen beispielsweise, damit man originelle Perspektiven auffangen kann. Und es geht also wirklich immer um diese Dynamik und das spiegelt sich auch in der Kameratechnik. Also auch die Kamera wird immer bewegter, die entfesselte Kamera ist ja auch ein Schlagwort der 20er-Jahre.

Anwar: Jetzt haben Sie eben das Auto genannt, ich habe gelesen, es gibt auch Automode für die Frau, die Vereinfachung der Schaltung, was hat es damit auf sich?

Jaspers: Das habe ich auch erst im Rahmen dieses Projektes gelernt, also Mitte der 20er-Jahre wird die Gangschaltung von außen, also dieser schwere Hebel von außen am Auto, wird in das Auto verlegt und plötzlich leichtgängig. Und das führt tatsächlich zu einem enormen Anstieg der Autofahrerinnen. 1929 besitzen immerhin schon über vier Prozent Frauen einen Führerschein, das ist gar nicht so wenig. Und es gibt auch einen Film, der das spiegelt, der heißt "Achtung, Liebe, Lebensgefahr", und da geht es eine Autorennfahrerin, die von mehreren Männern begehrt wird. Es gibt auch einen Autodress, den wir zeigen, also einen Kostümentwurf, der stammt von Aenne Willkomm, das war die Kostümbildnerin von Metropolis, und der ist wirklich sehr attraktiv. Ich weiß nicht genau, ob er wirklich funktional ist, denn er hat einen langen, man könnte fast sagen, supermanartigen Umhang. Aber es sah bestimmt sehr flott aus.

Auch thematisiert wird "Babylon Berlin"

Anwar: Die Zeit der Weimarer Republik ist ja jetzt aktuell vielen vielleicht noch mal näher gekommen, eben durch die Serie "Babylon Berlin", wird es dazu auch etwas in der Ausstellung geben?

Jaspers: Das ist tatsächlich unser Ausblick am Ende der Ausstellung, wir hatten nämlich das Glück, die letzten zwei Jahre die Vorbereitungen dieser Serie begleiten zu können, wir haben auch die Sammlung des Szenenbildners bei uns im Archiv der deutschen Kinemathek. Und wir waren sogar auch bei den Dreharbeiten dabei. Man kann da Interviews anhören, die wir gemacht haben, und vor allem haben wir so eine synchronisierte Projektion, da sieht man die Dreharbeiten vor Ort und dann, wie das tatsächlich umgesetzt ist in der Serie. Einmal diese berühmte Szene im Moka Efti, wo getanzt wird, und einmal dann auch diese 1. Mai Demonstration mit viel Schusswechsel. Und das ist schon interessant, denn am Set geht es viel ruhiger zu, als man vielleicht vermutet.

Anwar: Spannend. Kuratorin Kristina Jaspers über die Ausstellung "Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik", zu sehen seit gestern und noch bis zum 24. März kommenden Jahres in der Bundeskunsthalle in Bonn. Danke, Frau Jaspers!

Jaspers: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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