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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.07.2016

Ausstellung in Rostock Günther Ueckers moderner Kreuzgang

Günther Uecker im Gespräch mit Ute Welty

Die 14 Objekte waren als Reaktion auf die fremdenfeindlichen Ereignisse entstanden. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Günther Uecker in der Kunsthalle Rostock bei einer Vorbesichtigung seiner Ausstellung (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

In Erinnerung an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 zeigt die dortige Kunsthalle die Ausstellung "Der geschundene Mensch". Darin hat der Künstler Günther Uecker einen modernen Kreuzgang mit 14 Stationen geschaffen.

Am 3. Juli beginnt in Rostock die Ausstellung "Der geschundene Mensch" mit Werken des gebürtigen Mecklenburger Objektkünstlers Günther Uecker. Anlass ist die Erinnerung an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992.

Dass zur Eröffnung der Ausstellung 10.000 Sonnenblumen verteilt werden, zeige, wie sich Rostock seit der ausländerfeindlichen Randale verändert habe, sagte der international anerkannte Objektkünstler Günther Uecker im Deutschlandradio Kultur. Es zeige die Erschütterung und sei als Mahnung gedacht.  

Die Kunst kann den Menschen nicht retten

Uecker erinnerte daran, dass das Institut für Auslandsbeziehungen ihn einst beauftragte, eine Schau zusammenzustellen, die bereits rund um die Welt gezeigt wurde. Darin habe er die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen thematisiert. "Es wurden auch Vokabeln entwickelt, wie Aufklatschen", sagte Uecker über die Ereignisse nach der Wende. "Das hat mich zutiefst erschüttert." Uecker zeigt in der Ausstellung in Schwerin nun 14 Objekte als "befriedete Gerätschaften". Sie erinnern an Acker- wie Folterwerkzeug gleichermaßen und kommen einem modernen Kreuzweg gleich. Uecker räumte angesichts heutiger ausländerfeindlicher Anschläge ein, dass sich das mit Hilfe der Kunst nicht aus der Welt schaffen lasse. "Da kann man auch sagen, die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst ist ein Ausdruck möglich."  

Zweite Ausstellung in Schwerin

Auch in der Landeshauptstadt Schwerin wird nach der Eröffnung des Neubaus eine weitere Uecker-Ausstellung gezeigt. Der 86-Jährige hat dafür extra eine Serie "Neue Wustrower Tücher" angefertigt. Sie sollen daran erinnern, wie Uecker als Jugendlicher für die sowjetischen Soldaten zum Kriegsende 1945 an den Ostseestrand angespülte Leichen vergraben musste. "Das war dann doch das traumatische Erlebnis, dass mich dazu geführt hat, heute das zu thematisieren und  in einen Vergleich zu setzen zu dem, was am Mittelmeer geschieht, wo Flüchtende dann auch ertrinken und ans Ufer gespült wurden." Das habe er bildhaft deutlich machen wollen.

Bis zum 11. September sind Ueckers Arbeiten in der Rostocker Kunsthalle zu sehen. Begleitet wird die Ausstellung durch eine Reihe von Vorträgen, Workshops und Führungen.  


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Rostock soll blühen an diesem heutigen Samstag. 10.000 Sonnenblumen können deswegen an der Kunsthalle abgeholt und im Stadtgebiet verteilt werden, als Zeichen für Toleranz, Weltoffenheit und Frieden. Dafür stand die Sonnenblume in Rostock nicht immer, denn es war das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, wo 1992 tagelang gegen Asylsuchende und Ausländer randaliert wurde und wo sich unwürdigste Szenen abspielten. Diesen Ereignissen hat der Künstler Günther Uecker einen Werkzyklus gewidmet, "Der geschundene Mensch", der dann ab morgen in Rostock zu sehen sein wird. Und während der letzten Aufbauarbeiten für Rostock habe ich mit Günther Uecker sprechen können. Guten Morgen!

Günther Uecker: Guten Morgen!

Welty: Die Randale in Rostock-Lichtenhagen liegt jetzt 24 Jahre zurück. Wie haben Sie damals davon erfahren, wie haben Sie das damals wahrgenommen?

Uecker: Ich war in Berlin und habe ja nun die ganzen dramatischen Vorgänge mit den Menschen erlebt und war entsetzt, dass doch gegen Ausländer auf diese Art und Weise vorgegangen wurde. Das hat mich zutiefst erschüttert. Was aber auch die Sonnenblumen angeht, die Sie am Anfang genannt haben, die bedeuten natürlich auch, dass sich Rostock verändert hat und dass jetzt doch ein Rückblick auf diese schrecklichen Ereignisse doch eine Vergangenheit hoffentlich bedeutet für die Zukunft, sodass man auch ein ganz anderes Verhalten dann auch daraus entnehmen kann, die Gegenwart unter humanen Aspekten.

Welty: Auch eine Art Vergangenheitsbewältigung?

Uecker: Das ist vielleicht übertrieben, aber es ist doch Mahnung gewesen, und es hat sich doch auch in den Menschen tief auch als erfahrene Erschütterung, nicht nur als Begeisterung und Jubel gezeigt, sondern in der späteren Betrachtungsweise jetzt ist es auch mit Scham bedeckt und sollte doch auch der Geschichte angehören und unser Bewusstsein verändert haben.

Selbstportraits auf Reisen

Welty: Wann haben Sie begonnen, sich mit Rostock-Lichtenhagen künstlerisch auseinanderzusetzen? Gab es da den einen Punkt, oder war das mehr ein Prozess?

Uecker: Es war so, dass ich aufgefordert wurde vom Institut für Auslandsbeziehungen, eine Ausstellung zusammenzustellen als sozusagen Retrospektive oder Selbstporträt für eine Reise in verschiedene Länder. Und ich habe dieses Ereignis, wovon ich dann erfuhr, doch thematisiert und habe gesagt, nicht ein deutscher Künstler, sondern ein Künstler in Deutschland, der erfährt, dass Menschen gegen Ausländer vorgehen und dass sie Befremdende doch auf diese Art und Weise attackieren. Und es wurden ja auch Vokabeln entwickelt wie "Aufklatschen", "Ausländer Aufklatschen", und das hat mich zutiefst erschüttert, weil es mich ja auch an barbarische Umstände in Europa erinnert, die uns ja immer noch im Bewusstsein sind.

Welty: "Der geschundene Mensch" besteht aus "14 befriedeten Gerätschaften", so sagen Sie, und Sie nennen diese Gerätschaften "Hindernisweg", "Weiße Tränen", "Geißelmühle" – haben Sie einen modernen Kreuzweg gestaltet?

Uecker: Eigentlich ja. Ich habe sie auch als 14 Stationen angesehen aus unserer ethischen Bestimmung, die wir erfahren haben durch Aufklärung, und gegenwärtiger Tugend, die wir verkörpern sollten. Und da sind das doch Gerätschaften, die erinnern an Foltergeräte, die wir verwenden auf dem Acker, um die Frucht hervorzubringen, die unserer Nahrung dient. Und so habe ich eigentlich aus meiner landwirtschaftlichen Kenntnis, für meinen Vater arbeitend damals, dass ich dann diese Geräte wie Foltergeräte, die auf dem Acker stehen und im Herbst verschneit etwas melancholisch erscheinen, dass ich die skulptural verwendet habe, um das auszudrücken, was als Verwundung des Menschen durch den Menschen sichtbar wurde.

Welty: Sie haben eben gesagt, die Sonnenblume ist ein Zeichen dafür, dass sich Rostock verändert hat. Aber inwieweit beeinflusst Sie, dass sich ähnliche Ereignisse wiederholen, dass es eben auch gerade in jüngster Zeit Übergriffe auf Asylunterkünfte gehäuft gibt.

Uecker: Das erschreckt mich zutiefst. Und man kann natürlich dieses nicht aus der Welt schaffen, auch nicht durch Kunst. Da kann man auch sagen, die Kunst kann den Menschen nicht retten. Aber mit den Mitteln der Kunst ist ein Ausdruck möglich, ein Dialog, den Menschen in seiner Gegenwart zu bewahren. Und es ist auch dann nur ein Mittel oder ein Instrument, das zu diskutieren, was dazu geführt hat, dass Menschen auf diese Art und Weise geschädigt wurden und entwürdigt wurden.

Die Toten am Strand

Welty: Parallel zu Rostock haben Sie auch die Ausstellung in Schwerin der "Wüstrower Tücher" vorbereitet, die einen Teil Ihrer Biografie aufarbeiten im Zweiten Weltkrieg. Aber die stellen auch aktuelle Bezüge her zu den Menschen, die sich jetzt auf den Weg übers Mittelmeer machen, um eben zu flüchten. Wiederholt sich Geschichte also doch?

Uecker: Ja, die Wiederholung eines Ereignisses ist niemals dasselbe Ereignis. Das ist scheinbar. Und ich war 14, 15 Jahre alt und habe dann für die russischen Soldaten diese Leichen, die ans Ufer gespült wurden, verscharrt. Und an diesen Stellen, wo ich sie verscharrte, habe ich heute vermeintlich die Tücher ausgebreitet, die ich auch in Schwerin zeige. Und ich habe auch über diese Handlung einen Film gemacht, so als letzter Wegbegleiter diesen Menschen noch Bergung zu geben und diese Verbergung auch thematisiert habe wie ein Bett, in das sie gelegt sind, für das, dass sie uns gar nicht mitteilen können, wer sie sind.

Und möglicherweise gibt es ja Menschen in der Welt, die ihre Verwandten sind, die aber nicht wissen, dass so ein 14-Jähriger damals und 15-Jähriger – wir waren zwei Jungs –, dann diese Verwandten da verscharrt haben, muss man sagen. Wir haben sie nicht tief eingegraben, wir haben sie nur in der Erde und im Sand verborgen, damit der Gestank sich vermindert, weil die russischen Soldaten es bei Westwind nicht aushalten konnten. Das war dann doch das traumatische Erlebnis, das mich dazu geführt hat, heute das zu thematisieren und in einen Vergleich zu setzen zu dem, was am Mittelmeer geschieht. Wo Flüchtende dann auch ertrinken und ans Ufer gespült wurden.

Das wollte ich eigentlich damit deutlich machen und bildhaft. Und diese Vorgänge, die da uns berühren, in einen Zusammenhang zu setzen, obwohl das keine Wiederholung ist. Das waren auch Flüchtlinge, und in dem Fall ja, wie ich sie verscharrt habe, Leute aus Konzentrationslagern auf der Cap Arcona, die dann versenkt wurde vor unserer Küste. Also das sind alles Merkmale, die mich zutiefst berührt haben, zu meiner Biografie gehören und in meinem künstlerischen Werk Ausdruck finden.

Welty: Sowohl Schwerin als auch Rostock zeigen Werke von Günther Uecker. Und bei genau dem bedanke ich mich sehr für dieses Gespräch, das wir aufgezeichnet haben. Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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