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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.07.2016

Ausstellung in EisenachJüdische Bach-Begeisterung

Von Blanka Weber

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Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses in Eisenach (imago/epd)
Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses in Eisenach (imago/epd)

Nicht nur Martin Luther, auch Johann Sebastian Bach war durchdrungen von einem üblen Antijudaismus. Dennoch war es ausgerechnet eine ursprünglich jüdische Familie, die dem Komponisten im im 19. Jahrhundert zu einer Renaissance verhalf.

Jörg Hansen, Leiter des Bachhauses und Kurator der Ausstellung "Luther, Bach – und die Juden", blättert im historischen Gästebuch seines Museums in Eisenach: "Das ist der Eintrag von Josef Joachim, der als erster das Bachhaus betreten hat, 1907 - er war ein Schüler von Mendelssohn, kam ursprünglich aus dem Judenviertel in Pest, ist dann in den 1860er Jahren auf Befehl des Hannoverschen Königs konvertiert, ansonsten wäre er entlassen worden als Kapellmeister."

Josef Joachim hatte sich maßgeblich dafür eingesetzt, Bach ein Denkmal in Eisenach zu setzen, er suchte Förderer und Sponsoren und warb in der Bachgesellschaft für das noch heute bestehende Bachhaus. Im 19.Jahrhundert war es vor allem Felix Mendelssohn Bartholdy, der sich vehement für Bachs Musik eingesetzt hatte. Er führte im Alter von 20 Jahren – 100 Jahre nach Bachs Tod - erstmals wieder in opulenter Besetzung die Matthäus-Passion auf. Der Chor bestand 1829 aus 158 Sängern. Zeitdokumente von damals sind heute noch im Bachhaus zu finden. Jörg Hansen: "Seit 2013 haben wir 62 dieser Stimmen, dieser Handschriften, und die sind alle kopiert aus der Partitur von Bella Salomon."

Bella Salomon – in der Ausstellung zu sehen als Porträt in Öl gemalt - war die Großmutter von Felix Mendelssohn Bartholdy. Ein reifes, freundlich zartes Gesicht – umhüllt von einem weißen Spitzenhäubchen, gemalt in warmen, dunklen Farben – blickt den Besucher an.

Bürgerliches Judentum zeigte sich offen für die Musik Bachs

Jene Jüdin – Bella Salomon - schenkte ihrem Enkel die Abschrift einer besonderen Partitur des berühmten Dirigenten Carl Friedrich Zelter. Jörg Hansen:

"Sie hat eine wirkliche Großtat begangen, sie hat nämlich auf das Bitten ihres 14-jährigem Enkels, Felix Mendelssohn, gehört. Der hat die Matthäus-Passion in Auszügen kennengelernt in der Berliner  Singakademie. Und hatte aber keinen. Zugang zu den Manuskripten, den hat ihm der Leiter Zelter verwehrt. Und dann hat er den Einfluss seiner Großmutter benutzt, Bella Salomon, geborene Itzig, berühmtes Bankiershaus, und sie hat es dann erreicht, dass Zelter seine Dirigierpartitur zur Verfügung gestellt hat für eine Abschrift. Die schenkte sie ihm zu Weihnachten 1823, heißt es. Vielleicht auch einen Monat später. Sie war ja strenggläubige Jüdin, da sagt man, was hat sie mit Weihnachten zu tun? Auf der anderen Seite, in der Romantik da hat man Weihnachten auch schon im aufgeklärten Judentum begangen."

Viele Juden konvertierten damals zum Christentum – nicht nur in der Familie Mendelssohn. Das bürgerliche Judentum zeigte sich in den Salons offen für die Musik Bachs. Jörg Hansen: "Also diese Bach-Begeisterung, die sich aus dieser Familie herleitet mit Sara Levi, mit Fanny von Arnstein in Wien, die Itzig-Töchter, Bella Salomon gehörte dazu." Es war eine Begeisterung trotz des Antisemitismus in vielen Texten, auch in der Matthäus-Passion. Es gibt Passagen, die eindeutig als antisemitisch bewertet werden müssen – nämlich dann, wenn der Chor in schrillen, sich überschlagenden Tönen fordert: "Ans Kreuz mit ihm." Ein Antisemitismus – basierend auf der Theologie Martin Luthers – umgesetzt von Bach. Genau hier setzt die Ausstellung an, erklärt der Kurator Jörg Hansen:

Ansiedlung in Sachsen war den Juden verboten - dank Luther

"Bach dürfte persönlich Juden gar nicht gekannt haben, in Eisenach gab es sie vielleicht - als durchziehende Händler - auf dem Eisenacher Marktplatz. Ansiedeln durften sie sich ja in Sachsen nicht - dank Luther. Und in anderen Orten war es ähnlich, in Mühlhausen lebte noch ein Jude, und in Köthen, im reformierten Köthen gab es immerhin 5-6 Familien. In Leipzig war die Situation wieder anders. Das war seit Jahrhunderten eine Messestadt und wenigstens seit 1600 sehr gut besucht."

Eben auch von jüdischen Händlern. Luthers Verhältnis zu den Juden wandelte sich im Laufe seines Lebens; viel Forschung gab es dazu – eine furchtbare Wirkung hatten seine Worte allemal. Jörg Hansen: "Das heißt, ich kann die Bachsche Theologie nur mit Luther erklären. Das Lutherthema ist in der evangelischen Kirche lange diskutiert worden und es gab auch sehr viele Stimmen die gesagt haben, wie könnt ihr auf die Idee kommen, zum Reformationsjubiläum 2017 nun Luther als Aushängeschild zu verwenden. Die Zeit der Luther-Denkmäler doch ist eigentlich vorbei."

Die Ausstellung widmet sich der Rezeption Bachscher Musik wie der Matthäus-Passion und der Renaissance seiner Musik – ausgerechnet durch das Engagement von Mendelssohn Bartholdy. Bilder, Dokumente, Briefe, Bücher sind zu sehen – auch jene, die belegen, wie Luthers Gedanken benutzt wurden, um fortwährend Antisemitismus zu schüren und zu verbreiten. Jörg Hansen: "Man kann ja den Antijudaismus, der hier transportiert wird, nur vor dem Hintergrund der lutherischen Theologie verstehen und welche Rolle er dort den Juden zugewiesen hat und das war schlicht: gar keine."

Der Kurator und Leiter des Bachhauses zeigt eine unbequeme Sicht auf zwei große Köpfe – mit denen sich nicht nur die Stadt Eisenach schmückt. Es geht um die Frage, was heute noch akzeptabel ist – sowohl im Text als auch in der Rezeption. "Da muss man eigentlich zwei Mal nachdenken, bevor man ihn [Luther] hier und heute wieder verklärt und kleine Playmobils von ihm verkauft. So ist er reingerutscht bei uns in die Ausstellung und ich finde, das kann man am Polterabend vor dem Jubiläum dann auch mal machen."

"Bach, Luther und die Juden" - Die Sonderausstellung  ist noch bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach zu besuchen.

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