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Fazit | Beitrag vom 17.05.2021

Ausstellung "Divas – von Oum Kalthoum bis Dalida"Arabische Kino-Ikonen einer vergangenen Blütezeit

Von Martina Zimmermann

Die in Ägypten geborene Sängerin Dalida  (imago images / teutopress)
Auch die Sängerin Dalida gehört zu den weiblichen arabischen Legenden. (imago images / teutopress)

Die Zeit zwischen 1920 und 1970 gilt als eine Glanzzeit der arabischen Welt. Die Ausstellung "Divas" in Paris zeigt, wie politisch die weiblichen Stars dieser Epoche waren und welchen Einfluss sie bis heute auf Kunst und Gesellschaft haben.

Durch einen Retro-Fadenvorhang treten Besucherinnen und Besucher ein ins Goldene Zeitalter, die "verrückten 1920er-Jahre", als Kairo das künstlerische und intellektuelle Zentrum der arabischen Welt war. Auf der Leinwand fahren Autos und Straßenbahnen, Damen mit schicken Hüten sitzen in Kutschen oder Autos, Männer in Anzügen spazieren durch die kosmopolitische Stadt.

"Pionierinnen ihrer Zeit"

Wer es zu etwas bringen will, kommt aus Damaskus, Beirut oder Algier nach Kairo, erklärt Hanna Borghanim, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung: "Die Idee war, von den sozialen, politischen und künstlerischen Veränderungen aus der Sicht der Frauen zu reden. Und auch die technologischen Fortschritte mit Radio und Film einzubeziehen. Die Frauen haben bereits in den 1920er-Jahren eine bedeutende Rolle gespielt. Man ist sich dieser Rolle nicht immer bewusst, die diese Pionierinnen gespielt haben." 

1000 Quadratmeter für jeden Star

Die Divas heißen Oum Kalthoum, Warda, Fairouz oder Dalida – um nur die berühmtesten zwischen 1920 und 1970 zu nennen. Jede dieser Ikonen hat in der Ausstellung von insgesamt 1000 Quadratmetern einen eigenen Saal. Andere Schauspielerinnen und Sängerinnen der drittwichtigsten Filmindustrie des "Nilwood" teilen sich weitere Räume.

Ein Raum zur Ausstellung "Divas" in Paris mit Plakaten und Galakleidern der Stars. (Martina Zimmermann)Kann nicht nur online besucht werden: die Ausstellung "Divas" in Paris mit Plakaten und Galakleidern der Stars. (Martina Zimmermann)
Keine der Ladies trug Schleier, die Markenzeichen von Oum Kalthoum waren ihr Dutt, ihre dunkle Brille und ein Seidenschal. Dazu trug sie eng anliegende lange Kleider mit Stickereien und Perlen. Die Bühnenkostüme und Filmplakate zeugen vom damaligen Glamour. Fotos, LPs und Interviews sowie Filmausschnitte und Musik lassen die Divas und ihre Werke wiederauferstehen.

Diven mit politischem Engagement

Die herzzerreißenden Liebeslieder und die schnulzigen Küsse in Filmszenen mögen heute als gewagt erscheinen – damals reagierte das arabische Publikum mit Begeisterungsstürmen.

Doch die Künstlerinnen waren auch politisch engagiert, betont Kuratorin Borghanim. "Alle Diven haben auch eine politische Rolle gespielt und die Ideale ihrer Länder verkörpert. Ihre politischen Engagements waren sehr wichtig für ihre Karrieren."

Oum Kalthoum galt als Stimme des Panarabismus. Die Christin Fairouz – die einzige noch lebende Diva – sang 1967 den Song "Jerusalem" für die Palästinenser. Und Warda steht bis heute für die Unabhängigkeit ihrer Heimat Algerien.

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Die arabischen Songs werden auf Französisch übersetzt, und alle Infotafeln sind auf Arabisch, Französisch und Englisch. Kuratorin Hanna Borghanim berichtet von einer langen Vorbereitung für die Ausstellung: "Es war eine regelrechte Investigation, die Familien von manchen Diven wiederzufinden, von ihnen persönliche Objekte zu erhalten. Wir hatten das Glück, den Sohn von Warda in Algerien zu treffen. Er lieh uns unter anderem ihre Oud-Laute und auch Originalfotos. Andere liehen uns Kleider. Eine Überraschung waren die zehn Kleider, die uns die Tochter des Modeschöpfers der Schauspielerin Sabah lieh."

Die Kunstszene feiert die Stars des goldenen Zeitalters

Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler illustrieren zum Schluss das Erbe der Diven, die heute ein regelrechtes Revival erleben, so Hannah Broghanim: "Dieses Goldenen Zeitalters wird neu interpretiert, entweder mit Nostalgie oder auch, um bestimmte gesellschaftliche Themen zu hinterfragen." 

DJs mixen Ausschnitte der Songs und feiern auf diese Weise die Ikonen als Emanzipationssymbole und als Sockel einer gemeinsamen arabischen Identität. Künstlerinnen hinterfragen die heutige Gesellschaft kritisch: Die iranisch-amerikanische Shirin Neshat zeigt in ihrer Videoinstallation "Looking for Oum Kulthum" mehrere Zimmer voller schnurrbärtiger Männer und die Diva allein und einsam in einem anderen Raum auf dem Sofa.

Die Ausstellung "Divas" ist im Institut Du Monde Arabe in Paris vom 19. Mai bis 30. September 2021 zu sehen.

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