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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.06.2018

Ausstellung "Die Erfindung von Paris"Erweckungserlebnisse in der Hauptstadt der Welt

Von Alexander Moritz

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Mitarbeiter des vor 1924 gegründeten Restaurants Café des Musées im jüdischen Viertel von Paris  (imago stock&people)
Mitarbeiter des vor 1924 gegründeten Restaurants Café des Musées im jüdischen Viertel von Paris (imago stock&people)

Das Bild, das von Paris gezeichnet wird, ist häufig ein Klischee. Eine Ausstellung in Marbach untersucht Pariser Ansichten der Deutschen in Literatur und Fotografie. Schriftsteller, Künstler, Bohémiens – sie alle haben die französische Metropole durchwandert und beschrieben.

Musik: Edith Piaf "Sous le Ciel de Paris"
"Sous le ciel de Paris / s'envole une chanson / Hum hum / Elle est née d'aujourd'hui / dans le cœur d'un garçon"

Vor dem Café de la Paix drängen sich Menschen den Boulevard entlang. Eine Métro überquert die Seine auf dem Pont de Passy. Und an der Place de la Nation verspricht eine Leuchtreklame die große Verheißung dieser Stadt: "Moderne". Das ist Paris.

Musik: "Sous le pont de Bercy / Un philosophe assis / Deux musiciens quelques badauds / Puis les gens par milliers"

Mit diesen Fotografien aus den 20er-Jahren beginnt der Rundgang durch das Paris des 19. und 20. Jahrhunderts. In vier Räumen des Marbacher Literaturmuseums erzählen Anekdoten und Schwarz-Weiß-Fotografien Geschichten aus einer unvergleichlichen Stadt. Der Ausstellungsflyer gleicht einem stilisierten Stadtplan mit Theatern, Cafés und Sehenswürdigkeiten. Die Besucher werden zu Flaneuren und stoßen wie beiläufig auf die Spuren von 17 ausgewählten, deutschsprachigen Autorinnen und Autoren. Sie alle haben unsere Vorstellung von Paris geprägt.

"Paris hat sehr viele Erfinder gehabt", sagt der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff:

"Das waren französische Autoren, aber das haben im 20. Jahrhundert ganz wesentlich auch deutsche Autoren getan. Und die Franzosen haben das in Anführungsstrichen mit sich machen lassen, die haben das anerkannt. Also, die wissen, dass der Mythos von Paris ganz Wesentliches Rainer Maria Rilke und Walter Benjamin verdankt."

Bekritzelte Stadtpläne

Neben Rilke und Benjamin zeichnet die Ausstellung die Paris-Erfahrungen weiterer Autoren nach – von Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, von Exilschriftstellern wie Helen Hessel oder Walter Benjamin. Aber auch von solchen, die als Besatzer kamen, wie Felix Hartlaub oder der bis heute wegen seiner Haltung zum Nationalsozialismus umstrittene Ernst Jünger, der im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsoffizier in Paris stationiert war.

Originalmanuskripte, Notizen, Postkarten und Erinnerungsstücke wie Eintrittskarten und bekritzelte Stadtpläne bezeugen, wie unterschiedlich die Autorinnen und Autoren Paris erlebt haben – als Flüchtlinge, Reisende oder Liebhaber. Dementsprechend unterschiedliche Facetten von Paris spiegeln sich in ihren Texten.

Kuratorin Susanna Brogi in der Ausstellung "Die Erfindung von Paris" im Deutschen Literaturarchiv Marbach (Alexander Moritz)Kuratorin Susanna Brogi in der Ausstellung "Die Erfindung von Paris" im Deutschen Literaturarchiv Marbach (Alexander Moritz)

"Im Fall von Heinz Czechowski ist es so, dass es der Blick des DDR-Autors auf das durchaus auch mit Fragezeichen versehene freiheitliche Paris ist."

... erläutert eine Kuratorin der Ausstellung, Susanna Brogi.

"Und ein Weltenbummler wie Peter Handke hat Paris natürlich nicht als den Zufluchtsort, der ihm politisches Asyl gibt, gesehen. Jemand wie Paul Nizon hat die Erotik der Stadt fasziniert. Paris, die Frau, die erobert werden will – das ist, was seine Texte durchzieht."

Die Grundierung für das Parisbild der Deutschen lieferte Heinrich Heine. Wegen seiner kritischen Schriften verfolgt, fand er 1831 Zuflucht in Paris. Fortan beschrieb er begeistert das rege intellektuelle Leben der französischen Hauptstadt:

"Nimmt man es genau, dann ist Paris ganz Frankreich, Frankreich wiederum ist nur ein Vorort von Paris. Und Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt."

Eine Flut an Eindrücken

Von dieser Beschreibung euphorisiert, folgten Heine Generationen weiterer Schriftsteller ins vermeintliche Künstlerparadies. Doch nicht alle teilten die Begeisterung:

"Die Stadt war wider mich, aufgelehnt gegen mein Leben und wie eine Prüfung, die ich nicht bestand"

... schrieb Rainer Maria Rilke ein Jahr nach seiner Ankunft in Paris in einem Brief nach Deutschland.

In seinem Tagebuchroman "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" beschreibt Rilke das Paris der Jahrhundertwende als Ort des Ekels – dreckig und stinkend. Der Trubel der Boulevards, Bahnhöfe und Bars überfordert den zartfühlenden Rilke offensichtlich. Und doch wird Paris mit seiner Flut an Eindrücken zu einem Erweckungserlebnis für den Autor. Seine Romanfigur Brigge lässt er feststellen:

"Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war."

Ulrich Raulff: "Paris ist für die deutsche Literatur das Labor der Moderne, in dem man die ganze Wahrnehmung der Bewegung, des Tempos erleben konnte. Das war Paris eben nicht nur für deutsche Autoren von Rilke bis Handke, sondern auch für viele Fotografen. Deswegen ist diese Ausstellung auch zur Hälfte von der Fotografie dominiert und zeigt, wie sehr das Schreiben und die Fotografie sich beeinflussen und sich durchdringen im 20. Jahrhundert."

Zwei Postkartenmotive aus Yvons Fotoband Paris ... en flânant: Les Chimères de Notre-Dame, Paris, um 1930 (Foto: DLA Marbach)Zwei Postkartenmotive aus Yvons Fotoband Paris ... en flânant: Les Chimères de Notre-Dame, Paris, um 1930 (Foto: DLA Marbach)

Lust auf das Leben

So scheinen die Postkartenmotive des stilprägenden Fotografen Yvon auch in der Literatur wieder auf. Die Mischung aus geschriebenen und fotografierten Bildern formt unsere Vorstellung von Paris. Dabei ist jedes Bild von Paris immer nur ein Trugbild:

"Noch nie ist so viel über eine Stadt zusammengelogen worden wie über Paris", stellte Kurt Tucholsky nach wenigen Tagen in der Stadt spöttisch fest.

Paris zu begreifen, das ist wohl unmöglich – nicht einmal denen, die es zu erfinden versuchen. Zu vielfältig ist die Stadt, zu schnell die Veränderung.

Beständig bleibt nur der Glaube an die Freiheit und die Lust auf das Leben – dafür steht Paris noch immer. Diesen Geist verdeutlichen am Ende der Ausstellung Fotografien aus dem Jahr 2015. Sie zeigen die Solidaritätsdemonstrationen nach den Anschlägen gegen "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt. Auf Terror antwortete Paris mit trotziger Beharrlichkeit. Ein Anklang des alten Chansons von 1939, geschrieben angesichts des heraufziehenden Zweiten Weltkriegs: "Paris sera toujours Paris".

Musik: Maurice Chevalier "Paris sera toujours Paris"

"Paris sera toujours Paris / Plus on réduit son éclairage / Plus on voit briller son courage / Sa bonne humeur et son esprit / Paris sera toujours Paris!"

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