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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.05.2011

Ausflug in eine nicht-öffentliche Welt

Suelette Dreyfus und Julian Assange: "Underground. Die Geschichte der frühen Hacker-Elite"

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Wikileaks hat sich aus der australischen Hackerszene entwickelt. (picture alliance / ZB)
Wikileaks hat sich aus der australischen Hackerszene entwickelt. (picture alliance / ZB)

Auf 600 Seiten breiten die Technik-Journalistin Suelette Dreyfus und ihr Co-Autor, der Wikileaks-Gründer Julian Assange, Details aus dem Innenleben der frühen australischen Hackerszene aus.

Sie heißen Force, Mendax, Parmaster, Electron, Trax, Anthrax oder Prime Suspect. Ihre Decknamen sind ebenso geheimnisvoll wie das Hackerleben, das sie hinter ihrem Alias versteckt hatten. In den späten achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre hielt diese kleine Gruppe von jugendlichen Computernerds die NASA, Telekommunikationsunternehmen und Strafverfolgungsbehörden in Atem. Die Hacker knackten Sicherheitssysteme, spionierten Netzwerke aus, stahlen Daten und programmierten schädliche Computerwürmer.

Mit den spektakulären Enthüllungen von Wikileaks, deren Begründer Assange selbst der australischen Hackerszene angehört hatte, rückte dieser Computeruntergrund im vergangenen Jahr in den Mittelpunkt weltweiten Interesses. Wer sind die Hacker, welche Werte haben sie, welche Ziele? Bereits 1997 hatte Suelette Dreyfus (Assange lief damals im Klappentext noch unter "Rechercheur") diese Fragen in ihrem Buch "Underground" beantwortet. Erst jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor, versehen mit einem aktuellen Vor- und Nachwort, doch an Wert hat der Text nichts verloren.

Der Tatsachenroman, der sich wie ein Sachbuch liest, ist eine Porträtsammlung der wichtigsten Protagonisten aus der damaligen Hackercommunity. Drei Jahre lang haben die Autoren akribisch recherchiert, Gerichtsprozesse besucht und Aktivisten der Szene befragt. Ihr Anspruch war es, so präzise wie möglich die Geschehnisse aus dem Blickwinkel der Hacker zu erzählen, sowohl technische Aspekte, als auch die menschliche Seite einzubringen.

Das Ergebnis überzeugt. Packend gleich das Einstiegskapitel: Ein Computerwurm befällt 1989 die NASA und stört den geplanten Start der Galileo-Raumsonde. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hackern und Sicherheitsleuten entwickelt Züge eines Krimis. Dieses Motiv zieht sich durch alle Geschichten. Am Anfang steht immer der Einbruch in ein fremdes System, es folgen die Entdeckung und die Jagd auf die Eindringlinge und schließlich deren Verurteilung vor Gericht. Dazwischen zeichnen die Autoren ein Psychogramm der Hacker - technikbesessene junge Männer, die den Kitzel lieben. Einigen geht es um Macht, anderen um das Gefühl, Leben in Form eines Computerwurms zu schaffen.

So spannend sich das liest, so ernüchternd ist es. Denn gesellschaftskritische, politische relevante Motive, wie sie bei Julian Assange mit Wikileaks sichtbar wurden, gab es in der frühen australischen Hackerszene selten. Eher ging es um Subversivität an sich. Der große Verdienst dieses Buches ist es aber, die Leser mitzunehmen in eine Welt, die einer größeren Öffentlichkeit bis dahin verschlossen gewesen ist.

Besprochen von Vera Linß

Suelette Dreyfus und Julian Assange: Underground. Die Geschichte der frühen Hacker-Elite
Aus dem Englischen von Steffen Jacobs, Bernhard Josef, Michael Kellner, Andreas Simon dos Santos und Heike Bosbach
Haffmans und Tolkemitt, Hamburg 2011
604 Seiten, 24,90 Euro

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