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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 15.04.2020

Aus den FeuilletonsZeig mir deine Bücherwand und ich sag dir, wer du bist

Von Arno Orzessek

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Eine Bücherwand. (imago images / imagebroker)
Wer hat am meisten gelesen? Wer die schlauesten Bücher? Mit einer Bücherwand kann man gepflegt angeben. (imago images / imagebroker)

Robert Habeck und Friedrich Merz liefern sich ein Fernduell im Netz, wer mehr Bücher im Schrank hat, berichtet die "Welt". In der Krise mausern sich Politiker zu Literatur-Influencern, folgert die Zeitung.

Das bevorzugte Kleidungsstück der Zukunft ist bekanntlich der Schleier. Und den versucht die Wochenzeitung DER FREITAG schon mal zu lüften.

In der verheißungsvollen Rubrik "Prophetie" spekulieren diverse Autoren über die Verlagsprogramme im kommenden Herbst. Harun Maye und Erika Thomalla etwa darüber, was Suhrkamp wohl aushecken könnte:

In Nebeln frei wegdehnende Tröpfchen

"Suhrkamp kündigt zwei Bücher von Star-Autoren an. Durs Grünbeins 'Das Aerosol, ein Frühlingserwachen' erzählt nicht von Ausgangssperren, Infektionszahlen und teuren Toten, sondern ist eine poetische Annährung an das Virus. Von Schwebstaubpartikeln, sich in Nebeln frei wegdehnenden Tröpfchen ist hier die Rede, unbemerkt und suspendiert in jener Luft, die wir teilen. Rainald Goetz, dem das zu kapellenartig ist, schreibt in seinem Corona-Tagebuch 'KRISE' wie immer kürzer, zerfetzter, kaputter. Je größer der Zeitdruck, desto irrer der produzierte Text. In der edition erscheint ein Band von Kulturwissenschaftler_innen zum Virus als Metapher und Schreibstrategie."

Und so weiter. Tatsächlich eröffnet die akademisch-witzige Phantasie von Harun Maye und Erika Thomalla im FREITAG eine dystopische Aussicht: Dass sich nämlich nach der Corona-Krise Bücher über die Corona-Krise pandemisch ausbreiten und den geistigen Krisen-Modus ins Unabsehbare verlängern.

Der Virus im Roman

Andererseits: Die Corona-Vertextung hat längst begonnen. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG berichtet Marie Schmidt unter dem Titel "Die Pandemie sucht einen Autor":

"Wie sich die Gegenwart depressionsähnlich aufwölbt, erzählt die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz in ihrer Tagebuch-Fiktion 'So ist die Welt geworden', die sie auf ihrer Website Episode um Episode ergänzt: 'Der Tag war eine Fläche. Ohne Richtungen.' Ihr fortlaufender 'Covid19Roman' erzählt in der dritten Person von einer der Autorin ähnelnden Betty, die sich im Hausarrest inwendig vervielfältigt. Eine gespenstergleiche Fiorentina, ein Edwin, eine Irma tauchen auf: 'Was sollte sie sonst tun, als auf die psychotische Situation dieses lockdown selber psychotisch zu reagieren.'"

Für die Tageszeitung DIE WELT ist "Der Politiker als Literatur-Influencer" eine prägende Figur der Krise. Fotos zeigen die beiden Grünen Cem Özdemir und Robert Habeck jeweils vor Bücherwand; CDU-Kanzlerkandidatur-Anwärter Friedrich Merz hat Andreas Reckwitz‘ Werk "Das Ende der Illusionen" auf dem Schreibtisch liegen – eben jenes Buch, mit dem sich auch schon Lars Klingbeil auf Instagram sehen ließ.

Selbstdarsteller mit Buch

Der WELT-Autor Peter Praschl erläutert: "In 'Das Ende der Illusionen' geht es auch um die 'digitalen Attraktivitätsmärkte', auf denen das spätmoderne Subjekt dazu aufgerufen sei, ständig seine Originalität darzustellen. Robert Habeck, bekanntlich Schriftsteller und Philosoph, teilt (im Netz) mit, dass er, um in der Birne fit zu bleiben, die 'Momente ohne Videokonferenzen' zum Lesen nutzt: 'Aktuell fahre ich dreigleisig: 'Normativität und Macht' von Rainer Forst (heavy stuff), 'Die Pest' von Albert Camus (muss sein) und 'Factfulness' von Hans Rosling (bricht unsere Selbstgewissheiten)'".

Soweit der Leser und Selbstdarsteller Robert Habeck. Wer sich für den ganz großen, den welthistorischen Überblick über die Corona-Krise interessiert, schlage die Wochenzeitung DIE ZEIT auf.

Isoldes multipler Orgasmus

Thomas Assheuer führt ein Gespräch mit dem Politologen Herfried Münkler sowie den Soziologen Hauke Brunkhorst und Armin Nassehi. Wir können Weitblick und Weisheit der älteren weißen Männer hier nicht einmal andeuten. Aber besonders klug finden wir, was Hauke Brunkhorst auf die Frage "Wie werden wir in 20 Jahren auf dieses Jahr zurückblicken?" antwortet. Nämlich: "Keine Ahnung."

Und jetzt noch etwas Virusfreies: In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG erklärt Jan Brachmann, inwiefern gerade klassische Musik mit Erotik und Sex zu tun hat. Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" erzähle zum Beispiel viel "über die Fähigkeit Isoldes zum multiplen Orgasmus".

Nun, das mag sein oder nicht. Wir raten Ihnen so oder so: Bleiben Sie aktiv! Und halten Sie sich im Zweifel an die Parole, die der ZEIT eine Überschrift wert ist. Sie lautet: "Sündigen? Aber mit Vergnügen!"

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