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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.05.2021

Aus den Feuilletons"Wir weigern uns, Feinde zu sein"

Von Tobias Wenzel

Eine Wand an der Grenze zum Gazastreifen. Darauf die Worte: "Weg zum Frieden" auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. (Unsplash / Cole Keister)
Noch sind sie leise, die Stimmen für den Frieden in Israel. (Unsplash / Cole Keister)

Der Nahostkonflikt hält die Welt in Atem. Man erklärt sich entweder mit der einen oder der anderen Seite uneingeschränkt solidarisch. Dabei sollte unsere Solidarität denjenigen gelten, die Brücken bauen, meint Meron Mendel in der "FAZ".

Da! Haben Sie es auch gehört? "Es knackt im Gebälk der Republik", titelt der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant im Feuilleton der WELT. Trabant meint den Knacklaut, der im Deutschen eigentlich nur "vor betont vokalisch anlautenden Lexemen" wie zum Beispiel im Wort "Apfel" zu hören ist, neuerdings aber auch nach künstlich eingefügten Pausen in Wörtern wie "Ministerpräsident(Knack)innen".

Der Knacklaut gelte nun als "Wunderwaffe des Genderns", schreibt der Linguist. Dabei sei der Laut in dieser für das Deutsche untypischen Umgebung nicht nur "ein Aussprache-Tick", sondern auch "ein Appell zur Unterwerfung".

Denn der zum Gendern eingesetzte Knacklaut besage: "Ich gehöre zu denen, die das Richtige denken, die Frauen ehren und die jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen in der Sprache zurückweisen", deutet Jürgen Trabant und bezeichnet das als "expressive Kraft" des Knacklautes.

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Zugleich sei der Laut nach der kleinen künstlichen Pause aber ein Appell an die Hörer ("Mach du es auch so, dann gehörst du auch zu uns Guten") und außerdem eine Drohung ("Wehe du machst es nicht wie wir!").

Letzteres auch deshalb, so Trabant, weil staatliche und öffentliche Institutionen, vom Berliner Senat bis zur Rundfunkanstalt, mit ihrer Macht Genderpause plus Knacklaut samt entsprechender identitätspolitischer Haltung propagierten.

Er selbst, schreibt der Linguist weiter in der WELT, sei von einer österreichischen Institution um einen sprachwissenschaftlichen Beitrag gebeten, aber dann wieder ausgeladen worden, als er sich weigerte, zu gendern: "Denn wer nicht spurt, wer nicht doppelpunktet und also knackt, wird nicht gedruckt."

Als weiteres Beispiel für den im Deutschen natürlichen Knacklaut bringt Trabant übrigens das Wort "ge(Knack)impft".

Social Distancing als immaterielles Weltkulturerbe?

"Endlich wieder vereint unter Menschen", drückt Gerhard Matzig in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG aus, wonach sich viele mit Blick auf die abebbende Pandemie sehnen. Na ja, viele, nur Gerhard Matzig selbst nicht. Der outet sich nämlich als "Nordling", dem schon immer eine Distanzkultur sympathisch war. Und so gerät sein Artikel zu einem Lob des Abstands, das in die Frage mündet:

"Könnte man das kleine höfliche Ausweichmanöver auf dem Bürgersteig nicht zum immateriellen Weltkulturerbe erklären?"

"Trauern, denken, nicht twittern"

"Israel" beginnt mit einem Knacklaut. Das war es dann aber auch schon mit den positiven Nachrichten. "Israel und Palästina: Unfassbar traurig", schreibt Friedrich Küppersbusch in der TAZ und empfiehlt bei diesem Thema: "Trauern, denken, nicht twittern."

Auch Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, vermisst in Deutschland oft Positionen, die dem Nahostkonflikt in seiner Komplexität gerecht werden. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN schreibt er:

"Je nach politischer Überzeugung stellen sich Herkunftsdeutsche und Migranten in diesem Konflikt uneingeschränkt auf die Seite der jeweiligen 'Guten' und demonstrieren damit nicht nur ihre Solidarität, sondern vor allem eine scheinbar eindeutige Position in einem unübersichtlich gewordenen Weltgeschehen."

Solidarität benötigen Mendel zufolge besonders folgende Menschen: "Während Tel Aviv und Gaza unter Beschuss waren, haben sich Araber und Juden spontan versammelt und den Aufruf 'Wir weigern uns, Feinde zu sein' in die Welt hinausgetragen."

Charlie Chaplins Zauber 

Wem das noch keine Hoffnung macht, dem kann nur noch Charlie Chaplin helfen. Von der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG nach dessen Humor gefragt, antwortet der Sohn Eugene Chaplin:

"Es gibt da einen Witz. Einer schlägt sich ständig mit dem Hammer auf den Daumen, wird nach dem Grund dafür gefragt und sagt: 'Weil es sich so gut anfühlt, wenn ich damit aufhöre.' Charlie Chaplin zeigt, wie schlimm und schlecht die Dinge stehen – und lässt darin dann ein kleines Stück Gutes aufscheinen, das wunderbar ist."

"Ist" natürlich mit Knacklaut.

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Gendersternchen, Doppelpunkt und Co. - Die Suche nach der passenden Lücke im Wort
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 11.08.2020)

"Tod Israel"-Rufe bei Demos in Deutschland - Man muss es Antisemitismus nennen
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Uraufführung vor 90 Jahren - Charlie Chaplins mutig stummer Tonfilm
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 30.01.2021)

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