"Tod Israel"-Rufe bei Demos in Deutschland

    Man muss es Antisemitismus nennen

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    Menschen protestieren bei einer "Free Palestine"-Demonstration in München am 11. Mai 2021 gegen Israel
    Durchgestrichener Davidstern bei einer Demonstration in München: Wie kommen Menschen dazu, einen Staat auslöschen zu wollen, fragt sich Vladimir Balzer. © picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar
    Von Vladimir Balzer · 14.05.2021
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    Der Nahostkonflikt wird auch auf deutschen Straßen ausgetragen. „Tod Israel“ ist bei Demonstrationen zu hören. Unser Kommentator Vladimir Balzer brandmarkt das als Antisemitismus – und er fordert auch die Kulturszene auf, genau hinzugucken.
    Der Nahostkonflikt ist längst auf den deutschen Straßen angekommen. Für die meisten der hiesigen Freunde der Hamas und anderer radikaler Organisationen bedeutet das aber nicht, eine demokratisch gewählte israelische Regierung zu kritisieren.
    Denn Demonstrationen sollten doch eigentlich gegen konkret politisch Verantwortliche gerichtet sein, auch gegen einzelne staatliche Institutionen und ihre Entscheidungen. Aber ganz sicher nicht gegen einen ganzen Staat, wie in diesem Fall.

    Rufe nach der Vernichtung Israels

    "Tod Israel" wird bei solchen Gelegenheiten gerne gerufen. Wie kommen Menschen dazu, einen Staat auslöschen zu wollen? Es liegt die Vermutung nahe, dass das Jüdische an diesem Staat der Grund sein könnte. Wenn eine Vernichtung Israels nicht antisemitisch motiviert ist, wie ist sie dann motiviert?
    Dabei ist dies für viele Israel-Hasser auf deutschen Straßen nur der erste Schritt. Sie wollen mehr als nur das Verbrennen israelischer Flaggen. Sie wollen ihr antisemitisches Weltbild verwirklicht sehen. Sie greifen Synagogen und jüdische Einrichtungen als Symbole Israels an.
    Hinter diesem Gedanken steckt die Vorstellung eines global agierenden und für den Nahost-Konflikt zuständigen "Weltjudentums". Und das ist nichts anderes als: Antisemitismus.
    Und das wiederum wirft die Frage auf: Geht es den Demonstranten auf deutschen Straßen gar nicht um Frieden in Nahost und die Beachtung palästinensischer Interessen? Geht es ihnen vielmehr um das Ausleben ihres Feindbildes?

    Wird der Antisemitismus wieder nur verbrämt?

    In jedem Fall bekommen sie Unterstützung von der Boykottbewegung BDS. Ihr Berliner Arm bildet jetzt eine Art Querfront mit radikalen palästinensischen Organisationen.

    Die "hässliche Fratze" der Einwanderergesellschaft (AUDIO) : Auch der Politologe Michael Koß erkennt im Skandieren von Parolen wie "Scheiß-Juden" klaren Antisemitismus. Die derzeitigen Anti-Israel-Proteste in Deutschland kommen seiner Beobachtung zufolge nicht aus der rechtsextremen Ecke, sondern sind vor allem muslimisch geprägt. Stereotypen seien nicht nur unter "Bio-Deutschen" verbreitet, sagt Koß. Durch Einwanderung werde eine "andere Spielart des Antisemitismus" nach Deutschland importiert. Die Einwanderergesellschaft, die nicht an sich ein Problem sei, zeige hier ihre "hässliche Fratze".

    Demonstration gegen die israelische Politik in München - auf einem Plakat werden Israelis mit Terroristen verglichen.
    © picture alliance / dpa / Sachelle Babbar
    BDS will mit ihnen zum sogenannten "Nakba-Tag" gemeinsam auf die Straße gehen und verlangt damit ein "Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer", wie es im entsprechenden Aufruf steht.
    BDS agiert zwar nicht einheitlich, es ist eher ein loses Netzwerk. Dennoch sollten Vertreter großer deutscher Kulturinstitutionen ein Auge auf diese Demonstrationen haben. Es ist nicht lange her, dass Spitzen des Humboldt-Forums oder des Bühnenvereins in einer Resolution dazu aufriefen, weiter mit BDS-Anhängern zusammenarbeiten zu können, sonst sei die Kunstfreiheit in Gefahr.
    Man darf gespannt sein, ob diese Resolution Bestand hat. Interessant wird ebenso, ob die Öffentlichkeit es schafft, Antisemitismus als solchen zu bezeichnen. Oder ob er wieder nur verbrämt wird.
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