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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.01.2021

Aus den FeuilletonsWie der Mob aussieht

Von Tobias Wenzel

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Am 6. Januar erstürmen extremistische Trump-Anhänger das Kapitol in Washington. Das Foto zeigt eine demonstrierende Menschenmenge, im Zentrum ein Mann mit Trumpanhänger-Cap. (Imago Images / Zuma Wire / Ardavan Roozbeh)
Entfesselter Mob im Jahr 2021, Schauplatz: Washington. Der Romancier Gustave Flaubert hätte vielleicht einige Parallelen zum Mob in Paris anno 1848 entdeckt. (Imago Images / Zuma Wire / Ardavan Roozbeh)

Die Bilder der Belagerung des US-Kapitols durch den Trump-Mob erinnerten an Gustave Flauberts Beschreibung französischer Revolutionäre von 1848, findet die "Welt": Proletarier auf dem Thron in stumpfsinniger Heiterkeit.

"Gebt mir ein Blutbad!", ruft Wolfram Siemann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG aus. Nicht etwa, weil der Historiker und Experte für Revolutionsgeschichte selbst blutrünstig wäre, sondern weil er sich in Donald Trumps Logik hineinversetzt hat. Trump habe nicht nur den Sturm des Kapitols einkalkuliert.

Ganz im Sinne Trumps habe es sein Verteidigungsminister abgelehnt, der flehenden Bitte Nancy Pelosis, der demokratischen Sprecherin des Parlaments, nachzukommen, die Nationalgarde zu aktivieren.

Berechnend bis zum Schluss

"Trump hielt sich ganz heraus, verfolgte alles am Fernseher und vertraute auf die Dynamik, dass der Angriff im Parlament so weit gehen würde, es völlig handlungsunfähig zu machen – was ja vorübergehend gelang – und zugleich ein unkontrolliertes Blutbad anzurichten", schreibt Siemann.

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"Das wäre die Stunde der Exekutive gewesen: Der Präsident erklärt das demokratische Handlungszentrum für handlungsunfähig und ruft den Notstand aus, um wieder 'Ruhe und Ordnung' herzustellen. Damit wäre er Herr der militärischen Exekutive geworden und der Kongress kaltgestellt, die Zertifizierung der Wahl zugleich wäre verhindert worden".

Der Sturm des Kapitols dominiert weiter die Feuilletons. Und man spürt, dass die Autoren die Geschehnisse erst einmal sacken lassen mussten, um etwa durch Vergleiche interpretatorischen Halt zu finden angesichts der Fernsehbilder vom Chaos im Kapitol.

Vergleich mit dem Untergang Roms

Kurt Kister hat für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG in Edward Gibbons rund 250 Jahre alter Geschichte zum Untergang des Römischen Reichs geblättert.

"Gibbon beschreibt zum Beispiel, wie im Jahre 410 Rom von den Goten unter Alarich verwüstet und geplündert wurde: Die Imperial City, wie Gibbon Rom nennt, die über lange Zeit große Teile der Menschheit sowohl unterworfen als auch 'zivilisiert' habe, sei der 'zügellosen Wut' der Invasoren anheim gefallen. Ihr König Alarich habe seine Leute dazu ermutigt, sich 'die Belohnung für ihr kühnes Treiben' in Rom zu holen", schreibt Kurt Kister in der SZ, um dazu Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede im jetzigen Sturm auf das Kapitol auszumachen:

"Zwar sah die Mehrheit der Washingtoner Eindringlinge jetzt bis hin zur Gesichtsbehaarung so aus, wie man sich moderne Barbaren vorstellt. Viele von ihnen benahmen sich auch wie zerstörerische Touristen, die über die Pracht der Imperial City staunten und dann ihre Artefakte als Kriegsbeute wegschleppten. Ein entscheidender Unterschied aber besteht darin, dass ihr König Alarich nominell schon lange Herr der Stadt war und es, gefangen in der caligulanischen Realitätsentrücktheit narzisstischer Herrscher, noch zwei Wochen lang ist."

Mob anno 1848

Auch Wolf Lepenies erkennt eine "Kontinuität des Mobs". Er fühlt sich in der WELT an die Einnahme der Pariser Tuilerien im Februar 1848 erinnert.

Die Französische Februarrevolution 1848 nach einem zeitgenössischen Druck von Jules David: Revolutionäre belagern das Chateau d'eau. (imago images / Ken Welsh)Revolutionäre belagern das Chateau d'eau während der Februarrevolution 1848 in Frankreich. (imago images / Ken Welsh)

Genauer, daran, wie Gustave Flaubert sie in seinem Roman "Lehrjahre des Gefühls" seinen Helden Frédéric Moreau und dessen Freund Hussonnet erleben lässt:

"Das war das Volk. Es wälzte sich über die Treppe, es trieb in seinen Wogenwirbeln bloße Köpfe, Helme, rote Mützen, Bajonette und Schultern, so wild brausend, dass Menschen in dieser wirbelnden Masse verschwanden. Vorwärts geschoben gegen ihren Willen betraten sie einen Raum, an dessen Decke ein Baldachin von rotem Samt gespannt war. Auf dem Thron darunter saß ein schwarzbärtiger Proletarier, das Hemd halb offen, mit der stumpfsinnigen Heiterkeit eines hässlichen Affen", zitiert Lepenies Flaubert und denkt an das Foto vom Trump-Fan, der es sich, "die Füße demonstrativ auf den Schreibtisch gelegt", im Sessel Nancy Pelosis bequem machte.

Bei Flaubert heißt es weiter: "'Gehn wir', sagte Hussonnet, 'mich ekelt vor diesem Volk'."

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