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Kulturpresseschau | Beitrag vom 25.04.2021

Aus den FeuilletonsWerden schwarze Autorinnen ausgegrenzt?

Von Paul Stänner

Die Autorin Sharon Dodua Otoo. (imago / Horst Galuschka)
In diesem Frühjahr sind beachtenswerte Titel von Mitu Sanyal, Shida Bazyar und Sharon Dodua Otoo (hier im Bild) erschienen. Doch keines der Bücher hat es in die engere Auswahl für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. (imago / Horst Galuschka)

Die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse ist komplett weiß. Autorinnen oder Schriftsteller of Color? Fehlanzeige! Für die "Welt" ist das allerdings kein größeres Problem: Auf der Liste lande nur, wer auszeichnungswürdig sei.

Es mag sein, meine Damen und Herren und alle anderen, dass die Oper nicht ihr Steckenpferd ist. Dann wird Sie die neue Baseler Inszenierung von "Intermezzo" des leidgeprüften Komponisten Richard Strauss nicht interessieren, aber den einleitenden Satz von Lotte Thaler in der FAZ sollten Sie hören:

"Ein Name wie aus der Personalakte der Operette: Mieze Mücke. Doch es gab sie tatsächlich, eine Berlinerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die wohl in Opern gleichermaßen verliebt war wie in deren Dirigenten. Ob sie je erfahren hat, wie aus der 'Mücke' ihres womöglich absichtlich falsch adressierten Briefes ein Elefant wurde, der die Ehe von Richard und Pauline Strauss fast zertrampelte?"

Von der notorischen Mieze Mücke offenbar außermusikalisch malträtiert, schrieb sich Strauss in einem Intermezzo den Ärger vom Leib. Die aktuelle Inszenierung in Basel scheint im Übrigen so lala zu sein.

Ein Sozialdemokrat auf Abwegen

Garrelt Duin war mal Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, führt jetzt die Geschäfte der Handwerkskammer Köln und musste unbedingt einen Kommentar zu der weitgehend als misslungen angesehenen Schauspieleraktion #allesdichtmachen abgeben.

Duin ist Rundfunkrat im WDR und forderte, der Westdeutsche Rundfunk müsse die Zusammenarbeit mit dem "Tatort"-Pathologen Jan Josef Liefers schnellstens beenden. Liefers wie auch Ulrich Tukur, die, so Duin, sehr viel Geld in der ARD verdienten, leisteten "durch ihre undifferenzierte Kritik an 'den Medien' und demokratisch legitimierten Entscheidungen denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen". Also verlangt Garrelt Duin, Liefers vor die Tür zu setzen.

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Michael Hanfeld erklärt in der FAZ dieser Leuchte der Sozialdemokratie, was Aufgabe eines Rundfunkrats ist, nämlich "die Wahrung der Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt", bei der Duin offenbar seine eigene Lesart verfolgt, indem er sie abwürgt.

Duin hat sich mittlerweile von einem Shitstorm die Leviten lesen lassen und begriffen, sein Tweet sei "Mist" gewesen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wieso man einem Rundfunkrat und Sozialdemokraten noch die Grundwerte der Demokratie erklären muss? Dass Schauspieler mit einer selbst verfassten Satire verunglücken, kann ja mal passieren, aber ein Rundfunkrat sollte in Fragen der Meinungsfreiheit verlässlich sattelfest sein.

Weiße Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG widmet auf einer Seite gleich drei Artikel der Art, wie Bayern nach dem Krieg mit der Restitution von Kunst aus jüdischem Besitz umging. Neben der Rezension eines offenbar problematischen Buches geht es vor allem um den erstaunlichen Ernst Buchner, der bis 1945 Museumschef in München war, und ab 1953 schon wieder. "Ein Mann und seine Mäntel" lautet die Überschrift zu diesem kunsthistorischen Wetterbericht.

In schwerem Wetter befindet sich auch die aktuelle Literatur. In der WELT befasst sich Mara Delius mit einem offenen Brief von offenbar mehrheitlich Professoren, die beklagen, dass die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse "zu weiß" sei, denn "unter den Nominierten befinden sich keine Schwarzen Autor:innen und Autor:innen of Colour", heißt es da.

"Natürlich braucht die Literaturbranche immer 'andere' Geschichten", antwortet Mara Delius, "jenseits derer, die von etablierten Schriftstellern geschrieben werden, aber ob sie auszeichnungswürdig sind, entscheidet die Literaturkritik."

Auf der Suche nach der verlorenen Welt

Damit Sie in einer schönen Welt in die Woche starten können, seien Sie auf einen Artikel in der TAZ verwiesen, in dem Ekkehard Knörer beschreibt, wie er durch die Pandemie den Hörbüchern verfallen ist:

"Es ist ein Doppelleben, das ich lebe. Proust sitzt mit mir in der Tram, im Combray nehme ich die U6 in den Wedding, und beim Umstieg am Naturkundemuseum hatte Marcel, der Erzähler, im Ringen mit Gilberte einen Orgasmus."

So prall kann Pandemie sein. In diesem Sinne: Haben Sie eine schöne Woche!

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