Aus den Feuilletons

    Wer hat Angst vor "Woke"?

    04:21 Minuten
    Menschen bei einer Kundgebung von Black Lives Matter in Washington D.C. An einem Stand verteilt ein Mann mit "Stay Woke"-T-Shirt Flyer.
    Kundgebung von Black Lives Matter in Washington D.C. - Der Begriff "Woke" löst in bestimmten Kreisen Ängste aus, stellt der "Tagesspiegel" fest. © imago-images / ZUMA Wire / Amy Katz
    Von Hans von Trotha · 01.07.2021
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    Der "Tagesspiegel" beschäftigt sich mit der Deutungsentwicklung des Begriffs "Woke" als Modewort der Stunde. Das Schlagwort linker politischer Wachsamkeit werde zum konservativen Kampfbegriff und führe zu einer Verhärtung der politischen Fronten.
    Es gibt Tage, da gibt sich das Feuilleton wie ein Ascot der Überschriften-Redaktionen (falls es so etwas überhaupt noch gibt). Dieses Jahr trabt die überregionale Kultur mit Catchlines wie "Diese Stadt kann fahren wie ein Ferrari" (FAZ; gemeint ist Rom) oder "Rache der Hühnerbrust" (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG; Tobias Kniebe interpretiert unter diesem Motto den Film "Nobody" als "eine Art Müllabfuhr fürs Triebleben") aufs Sommerloch zu.
    In der TAZ bringt es Robert Matthies in seiner Besprechung einer interaktiven Theater-Installation mit dem Titel "Vyre" auf eine vierstufige Alliteration: "Von Menschen, Maschinen, Moos und Metaphern".

    Kampf um Deutungshoheit eines Begriffs

    Was "Vyre" bedeutet, wird nicht ganz klar. Das, meint zumindest Hannes Soltau, gilt inzwischen auch für den viel geschundenen Begriff "Woke" - womit der TAGESSPIEGEL auf Platz zwei im Titel-Derby reitet, mit: "Willkommen im Wach". "Woke", meint Hannes Soltau, sei zwar "das Modewort der Stunde. Doch der Begriff führt hierzulande schnell zur Verhärtung der Fronten. Einst stand es als Selbstbezeichnung für politische Wachsamkeit, heute wird es eher abfällig benutzt, um das ausgestellte politische Bewusstsein von Aktivist:innen zu attackieren."
    Da interveniert sozusagen stante pede das WELT-Feuilleton mit seiner Schlagzeile: "LEHRER*INNEN, das gibt es doch nicht" - ein langes Stück über die Frage: "Was halten Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich vom Gendern?" vor dem Hintergrund der weithin beantworteten Frage: Was hält die WELT-Redaktion eigentlich vom Gendern?
    Nun gut: Der TAGESSPIEGEL verwendet gar kein Sternchen, sondern einen Doppelpunkt - das eine ist aber so "woke" wie das andere. Wobei man im TAGESSPIEGEL nach dieser Analyse wohl nicht mehr darauf bestehen wird, für "woke" gehalten zu werden. Denn Hannes Soltau markiert den Punkt, an dem der Begriff "von einer Selbstbeschreibung zu einem konservativen Kampfbegriff" wurde, was er mit einer kleinen Presseschau belegt:
    "Die Doppelmoral der Disneyland-Linken" (WELT); "Die gesteigerte Form der Political Correctness" (NZZ); und mit dem Verdikt: ein "ganz und gar geschlossenes Weltbild" zitiert der TAGESSPIEGEL da den TAGESSPIEGEL. "Die Autoren", heißt es - nackt und ungegendert - "zeichneten dabei oft das Bedrohungsszenario eines 'woken' Internet-Gerichtshofs. Aus manchen Zeilen sprach eine Angst, als würden die Fallbeile der Revolutionstribunale schon gewetzt".

    Die Grenzen digitaler Kommunikation

    Das Titelzeilen-Siegerinnen-Podest (ja, die Zeile ist nun mal weiblich) erklimmt die FAZ mit: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoom". Der Rechtshistoriker Miloš Vec erzählt unter diesem Titel vom Fluch der Online-Lehre. Er diagnostiziert "digitale Verwahrlosung" in einer "digitalen Schattenwelt".
    Wir sind, stellt er fest, "overzoomed und unterfragt. Jeder, der schon einmal versucht hat, einem anderen Menschen etwas Anspruchsvolles zu erklären, weiß, wie wichtig Augenkontakt, Mimik und Gestik sind", schreibt Vec. "Diese Zwischenräume fehlen in den digitalen Formaten dramatisch. Es herrscht zwischen den Kacheln auf dem Bildschirm das reine Nichts."
    Und dieses Nichts ist verdammt schwer zu füllen. Auch die Installation "Vyre" kriegt das offenbar nicht recht hin: Es "ergibt dieser Ausflug ins KI- und Biohacking-Labor am Schluss keine abgeschlossene lineare Erzählung", heißt es im TAZ-Resümee, es "bleibt ein Work in Progress, das Einblick gibt in eine Welt, über deren innere Bezüge und logische Verwerfungen man doch gern mehr erfahren hätte."

    Dantes "Göttliche Komödie" feiert 700. Geburtstag

    Tja Leute, denkt man da, so ging es schon dem alten Dante, dessen "Göttlicher Komödie" die FAZ derzeit zum 700-jährigen eine Serie widmet. In der aktuellen Folge erinnert Hubert Spiegel daran, wie Dante auf die Unreife der Sprache seiner Zeit reagiert hat: "Geht man doch nicht zum Spaß an das Unterfangen, den Grund des ganzen Universums zu beschreiben, schon gar nicht mit einer Sprache, die noch Papa und Mama lallt."
    Was er wohl zum rasanten Niedergang des einst aufklärerisch gemeinten "woke" gesagt hätte? Im besten Fall vielleicht noch, das, was der Schwede Olof Lagercrantz wiederum über Dante gesagt hat - und damit natürlich auch über sich selbst: "Der Dichter, der sich über jede seiner Bewegungen im Klaren ist, ist kein Dichter."
    Und wie sollen wir, die wir keine Dichter sind und keine Dichterinnen, wie sollen wir da, ganz gleich, wie woke wir uns fühlen, wirklich wissen, was wir damit meinen?
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