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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.11.2018

Aus den FeuilletonsÜber unsere Liebe zu Ranking-Listen

Von Ulrike Timm

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Gerhard Richter anlässlich einer am 26.4.2017 beginnenden Werkschau in Prag.  (dpa / Katerina Sulova)
Top: Der Maler Gerhard Richter ist laut "Kunstkompass" weltweit der bedeutendste Künstler. (dpa / Katerina Sulova)

Macron und die Raubkunst − das lässt die Feuilletons nicht los. Aber auch die ganz normale Kunst ist Thema, nämlich in Form der Top-Liste der weltweit bedeutendsten Künstler. Und dort steht Gerhard Richter unangefochten an der Spitze.

Wenn Afrikaner die Kunst ihrer Heimat und Herkunft sehen wollen, müssen sie nach Europa reisen.

Der französische Präsident Macron will das ändern, und der Expertenbericht, der sich mit der Rückgabe von Kunstwerken aus Afrika auseinandersetzt, schlägt vorab schon hohe Wellen. Die FAZ bezieht sich auf ihre Kollegen der französischen "Libération", die die Forderungen nach Rückgabe tausender Kunstwerke ausdrücklich unterstützt: "Die Gegner jeglicher Restitution würden so tun, als müsste man dann auch noch die Mona Lisa den Italienern zurückgeben. 46.000 der insgesamt 300.000 Objekte im Branly-Museum stehen zur Diskussion. Rückgaben würden von Staat zu Staat erfolgen" denn zu Kolonialzeiten war "jegliche Erwerbung afrikanischer Kunst ein Deal zwischen Ungleichen".

Sofortige und bedingungslos Rückgabe

"Der Bericht fordert" – das steht in der WELT – "die sofortige und bedingungslose Rückgabe aller Objekte, die bei militärischen Aktionen erbeutet wurden. Das müsste längst Selbstverständlichkeit sein, sind Raub und Diebstahl doch gesetzlich klar definiert." Das aber würde nicht bedeuten, dass künftig Frankreichs Museen leergefegt sein werden, betont wiederum die FAZ, selbst wenn das auf afrikanische Kunst ausgerichtete Museum Branly in Paris viel verlieren würde – aber das wäre eben auf einen Akt des politischen Willens und der Einsicht zurückzuführen, den der TAGESSPIEGEL mit "wahre Größe" umschreibt. Mit seiner radikalen Kulturpolitik bringe Emmanuel Macron auch die Bundesregierung in Erklärungsnot, "haben Union und SPD doch in ihrem Koalitionsvertrag die 'Aufarbeitung des Kolonialismus' versprochen – also das, was Macron jetzt fest entschlossen ist, in Frankreich zu tun."

Begeisterung für aufgelistete Zahlen

"Der Mensch liest gerne Listen". Das lesen wir erstaunt im TAGESSPIEGEL. Und Christiane Peitz schleudert mit Zahlen um sich, steckt sie aber in einen Fließtext, so dass tatsächlich gern-Listen-lesende-Menschen gar nicht zum Zuge kommen, aber sei’s drum. Der "Kunstkompass" misst Ruhm und Bedeutung − also nicht unbedingt, was etwas wert ist, aber genauestens, wieviel man dafür kriegt. Am meisten kriegt Gerhard Richter , "er bleibt die Nummer eins… im Ranking der bedeutendsten Namen in der Kunstwelt steht der deutsche Maler schon seit 15 Jahren ganz oben."

Der Kunstkompass wird im Wirtschaftsmagazin "Capital" veröffentlicht, schon deshalb müssen da natürlich mit Schmackes Kennzahlen rein, die Top-Aufsteiger, die 28 Deutschen unter den ersten 100 und die 450 Millionen Dollar für das teuerste je verkaufte Bild. Und noch viele andere Kennzahlen und Plätze − eine Liste wäre da wirklich übersichtlicher gewesen! "Spieglein an der Wand" heißt die Überschrift zum verfließtexten Kunstkompass im TAGESSPIEGEL. Aber ob jemand, der angesichts solcher Nummernrevue ins Spieglein guckt, tatsächlich was sieht?

Der Schnitzel-versus-Veganer-Krieg

Kurz, wir brauchen noch was anderes, zum Beispiel "Spitzel für Schnitzel". In der FAZ lesen wir vom britischen Gesellschaftskrieg zwischen Vegetariern, Veganern und Fleischessern, das Land hat offenbar viel größere Probleme als den Brexit. Britische Esser – oder doch die, die es in Zeitungen bringen – scheinen von erheblichem Missionsdrang getrieben.

Fleischessender Chefredakteur eines Supermarktmagazins verspottet veganbewegte Kollegin und wird gefeuert. Veganer bewahren jedwedes Huhn geradezu militant vor der Tötung. Und "es ist nicht zu leugnen, dass in Großbritannien auch Veganer ohne Missionsdrang von Fleischessern oft ähnlich abschätzig behandelt werden wie Nichttrinker in einer geselligen Runde, in der Alkohol fließt, ganz so, als empfänden Karnivoren die bloße Gegenwart der 'Gutmenschen' als Vorwurf." Wir fragen uns, ob Kollegin Gina Thomas im Vereinigten Königreich überhaupt ohne Gewissensbisse satt wird. Und wir lernen viele schöne Wörter, "Karnivoren" für Steakliebhaber, oder Flexitarier – wohl komplett entscheidungsunfähig.

Die Pressebeschauerin kommt übrigen mit Vegetariern wie Karnivoren gleichermaßen klar, nur nicht mit Leuten, die Tofuwürstchen mit Fleischgeschmack ordern. Für die mag sie einfach nicht kochen. Punkt.

Fazit

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