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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.05.2020

Aus den FeuilletonsTräumen vom Zusammensein

Von Gregor Sander

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Die geschlossene Kneipe Möller in Hamburg-Altona (dpa / picture alliance / Bodo Marks)
Die gute Kneipe biete garantiert Erlebnisse und kleine Fluchten in Illusionen, schreibt Bernd Cailloux in der "SZ". (dpa / picture alliance / Bodo Marks)

Weil auch nach Wochen der Coronakrise Kneipen noch immer geschlossen sind, fehle vielen Menschen der soziale Ausgleich, schreibt die "SZ". Doch in Berlin gebe es temporäre, regelkonforme Alternativen für ein Miteinander.

Auf dem Foto der ersten Seite der Tageszeitung DIE WELT vom Mittwoch kniet Fürstin Gloria von Thurn und Taxis betend in einer Kirche. Natürlich in Turnschuhen. Im Feuilleton, wo das zum Bild gehörige Interview mit ihr geführt wird, fragt Chefredakteur Ulf Poschardt verbal kniend: "Liebe Fürstin, ist die Corona-Krise eine Strafe Gottes?"

Corona als Folge unseres Tuns?

Genau weiß von Thurn und Taxis das natürlich auch nicht, aber sie erkennt zumindest einen Körperteil des Allmächtigen: "Selbstverständlich kann man bei jedem Unglück, was einem widerfährt, einen Fingerzeig Gottes erkennen. Wir sind eine total dekadente Gesellschaft geworden, die meint, der Mensch kann alles kontrollieren und manipulieren. Gott ist völlig verschwunden, sogar die katholische Kirche ist dabei, sich wie eine UN-kompatible NGO zu gerieren."

Belegen muss die Fürstin diese steile These nicht, dafür belässt sie es in der WELT erwartungsgemäß nicht bei der einen, wenn sie etwa sagt: "Der menschengemachte Klimawandel ist nicht bewiesen, ist aber ein sehr lukratives Geschäftsmodell." Und dies dann so begründet:"Klimawandel gehört zur Geschichte, das Klima hat sich immer gewandelt."

Verantwortung nach der Pandemie

Da braucht man natürlich nur in den Berliner TAGESSPIEGEL rüberzublättern, um eine zweite Meinung einzuholen:

"Die Party ist vorbei. Die Menschen in diesem Land zeigen in der Coronakrise eine starke innere Haltung. Lässt sich daraus Kraft gewinnen, um die ökologische Katastrophe abzuwenden?", fragt hier Joachim Bauer, der als Arzt, Neurowissenschaftler und Sachbuchautor vorgestellt wird.

Dass der Mensch die Ursache für den Klimawandel ist, stellt er nicht in Frage, dafür aber konkrete Forderungen: "Die Party, mit der wir den Garten des Gastgebers zerstört und uns selbst intoxikiert haben, muss jetzt ein Ende haben, nicht weil es uns aufgezwungen wird, sondern weil wir es nicht anders wollen können", schreibt Bauer und formuliert folgenden Traum: "Können die Erfahrungen, die wir mit der Pandemie gemacht haben, unser in den letzten Wochen gezeigtes Verantwortungsgefühl über die Zeit der Pandemie hinaustragen?", fragt er. Und wir fragen uns:

Warum sollte die Menschheit durch ein paar Wochen Homeoffice vernünftiger geworden sein?

Gefallen am Homeoffice-Alltag

In der TAZ zum Beispiel fragt Katja Scholtz, ihres Zeichens Cheflektorin des Mare-Verlags:

"Wann werden wir wieder einkaufen gehen ohne Panik vor herumschwirrenden Bioaerosolen? Wann werde ich mit meiner besten Freundin wieder abends auf ihrem Sofa hängen und Toffifee essen, bis mir schlecht wird? Wann werden wir Konzerte besuchen, mit dem Zug fahren, in die Bretagne reisen?"

Klingt alles sehr menschlich, aber nicht unbedingt vernünftig. Außerdem bekennt sie sich dazu, sich im Homeoffice auch noch wohl zu fühlen: "Ich kann endlos an meinem Schreibtisch sitzen. Ich kann Mittagsschlaf machen, ich kann nonstop mit meinem Mann zusammensein", so Scholtz. Ob ihr Mann das genauso sieht, ist nicht überliefert.

Weg aus der Isolation

Dass die Kneipe vielen Menschen gerade als sozialer Ausgleich fehlt, hat die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schon lange erkannt und fragt für die Rubrik "LOKALRUNDE" Schriftsteller nach ihrer Lieblingskneipe. Bernd Cailloux definiert hier den Ort erst einmal allgemein: "Die gute Kneipe ist immer großes Kino, sie garantiert Erlebnisse, kleine Fluchten in Illusionen, alles scheint machbar, Herr, Frau Nachbar. Hier wird Ich ein anderer, man findet sich, man verliert sich."

Und dann wird er am Ende doch konkret und erzählt von einer Art Pop-up-Kneipe in der Akazienstraße in Berlin Schöneberg, die selbst in viralen Zeiten funktioniert: "Versprengte Kneipengänger aus der Gegend versammeln sich mit ihren Halbliterflaschen vor der Hausnummer 22. Drei junge Musikerinnen geben dort jeden Abend ein super Balkonkonzert – ein kleiner Trost für die Männer und alle, die dort zusammenstehen", so Cailloux.

Und wer möchte, kann in diesem Corona-Kneipenidyll ja vielleicht auch einen Fingerzeig Gottes erkennen.

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