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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.01.2019

Aus den FeuilletonsSündig ins neue Jahr

Von Tobias Wenzel

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Das Bild zeigt einen Korken, der aus einer Champagnerflasche knallt. (imago stock&people)
Kann denn Feiern Sünde sein? (imago stock&people)

Macht man sich durch Silvesterfeiern der Sünde schuldig? Die türkische Religionsbehörde meint: Ja! Außerdem beschäftigen sich die Feuilletons mit 100 Jahre Bauhaus und decken auf: Wir feiern das falsche Bauhaus!

Die meisten von Ihnen, liebe Hörer, haben schon in den ersten Sekunden dieses Jahres gesündigt. Jedenfalls aus der Sicht der türkischen Religionsbehörde: "Wenige Monate vor dem jüngsten Jahreswechsel verkündete die unter der Fuchtel des Präsidentenpalastes stehende Religionsbehörde Diyanet, Silvester feiern sei eine der schwersten Sünden überhaupt", schreibt Bülent Mumay in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG

"Diese Menschen müssen sich von einer mit ihren Steuern finanzierten Behörde des Abfalls vom Glauben bezichtigen lassen. Zu Fällen von Kindesmissbrauch in Wohnheimen islamistischer Sekten, zu Enthauptungen im Namen der Religion oder zu Korruption schwiegen die Offiziellen, aber das neue Jahr willkommen zu heißen gilt ihnen als schwere Sünde."

100 Jahre Bauhaus - oder nicht?

Sehr willkommen ist den Fans von Architektur, Kunst und Design das neue Jahr. Das Bauhaus wird 100! Dankwart Guratzsch gibt in der WELT den Spielverderber und ruft aus: "Ihr feiert die Falschen".

Das berühmte Bauhaus in Dessau dürfe man erst in sechs Jahren feiern. Denn das Bauhaus Weimar sei 1919 gegründet worden. Und das habe, bevor Walter Gropius eine Kehrtwende vollzog, vor allem für "verschwurbelte Esoterik" gestanden, also so gar nicht für das, was man heute mit dem Namen Bauhaus verbinde:

"Das Bauhaus zu Weimar war eine 'mystische Anstalt', in der sektenartige Exerzitien abgehalten wurden. Hier blühten die für das späte Kaiserreich so typischen Lebensreformideen, hier spukte ein Mittelalterkult, hier nahm man Abführmittel, um sich geistig zu reinigen, und ließ sich die Haut von einer Nadelmaschine punktieren, um Abfall- und Faulstoffe aus dem Körper an die Oberfläche zu ziehen. Es waren die Riten des von Gropius als Bauhauslehrer angeheuerten Johannes Itten".

Dann also vielleicht doch lieber warten bis 2025, um dann das moderne Bauhaus, wie man es kennt, zu feiern.

Die Zeit feiert Leonardo da Vinci

Auch die ZEIT wollte nicht mit dem Feiern warten. Eigentlich jährt sich der Todestag von Leonardo da Vinci erst am 2. Mai zum 500sten Mal. Aber schon jetzt hat die Wochenzeitung ihr gesamtes Feuilleton dem italienischen Künstler und Universalgelehrten gewidmet.

Nur warum fasziniert er so viele Menschen bis heute? Vier Stunden lang hat Sven Behrisch im Pariser Louvre der "Mona Lisa" in die Augen geschaut. "Sie fixiert ihr Gegenüber, ignoriert es aber auch", schreibt er.

Ein Überflieger im Geiste

"Der Kritiker Théophile Gautier schrieb 1857, das Gesicht quäle einen wie das Thema einer Sinfonie, das man immer nur ungefähr, aber nie ganz zu fassen bekommt, während man sich, eingeschüchtert von der überlegenen Würde und dem Spott der Frau, wie ein Schuljunge vor einer Fürstin fühle", berichtet der Schuljunge Sven Behrisch.

"Leonardo war ein Überflieger im Geiste, und im Leben ein Meister der Bringschuld", schreibt, ebenfalls in der ZEIT und genauso wenig schmeichelhaft, Hanno Rauterberg. "Leonardo fasste immerzu die tollsten Pläne, doch so gut wie nichts davon ging auf. Jahrelang träumte er vom Fliegen, zeichnete Hunderte Modelle, schrieb lange Erläuterungen – und musste, von ein paar Hüpfern abgesehen, am Boden bleiben. Er entwarf futuristische Städte, kühne Tempel und Villen – kein einziges Haus wurde je gebaut. Er ersann eine Brücke, um bei Istanbul den Bosporus zu überwinden – ohne das je etwas daraus wurde."

Und da wären wir wieder bei der Türkei. Und dem Silvesterverbot der Religionsbehörde. Wenn Sie, liebe Hörer, trotzdem am 31. "gesündigt" und sogar Feuerwerkskörper gezündet haben, dann haben Sie ja vielleicht das am Himmel entdeckt, was Christina Viragh den Lesern der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG aus Ungarn in Form eines Wortes mitgebracht hat: "Szikramanók". Funkenkobolde.

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