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Kulturpresseschau | Beitrag vom 23.04.2021

Aus den FeuilletonsKünstlerisch schlichte Aktion

Von Ulrike Timm

Jan Josef Liefers, Schauspieler steht bei Tatort-Dreharbeiten vor dem Schloss Hülchrath.  (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)
Auch Jan-Josef Liefers kritisiert in einem Video die Corona-Maßnahmen und erntet heftige Reaktionen. (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)

Die #allesdichtmachen-Aktion beschäftigt auch die Feuilletons. Nicht rechts, sondern einfach nur doof, kommentiert die "Süddeutsche Zeitung". Die "Welt" lässt zwei gegensätzliche Positionen zu Wort kommen, während die "taz" titelt: "Nicht ganz dicht".

"Ich rauche und trinke nicht. Aber für diese Rolle habe ich das Rauchen angefangen und sehr viel Gin getrunken", sagt die Sängerin Andra Day im Interview der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über ihre Filmrolle als Jazzsängerin Billie Holiday. Für ihre eindrucksvolle Darstellung, ihren ersten Schauspielpart überhaupt, würden viele Day den Oscar herzlich gönnen. Das typische Billie-holidaysche Raspeln in der Stimme erforderte eben großen Einsatz, auch von Zigaretten und Gin. 

Eine "moralisch selbstgefällige" Oscarauswahl? 

Am Wochenende werden die Oscars vergeben, das droht, eine reichlich trostlose Angelegenheit zu werden. Große Halle fast leer, die nominierten Filme wie Künstler "alle so divers und gendermäßig ausgewogen, dass der Fernsehspötter Bill Maher gar nicht anders konnte, als die Auswahl als ‚woke und moralisch selbstgefällig‘ zu beschimpfen".

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Das vermerkt die FAZ, schiebt aber gleich hinterher, dass "diese Diversität den Filmen nicht von verstockten, identitätspolitisch aufgeheizten Aktivisten aufgezwungen worden ist. Diversität ist die eigentliche Bestimmung und Existenzgrundlage des Hollywoodkinos."

Die SZ sieht die Preisverleihung für Filme, die nach einem Jahr ohne Kino meist gar nicht so wirklich bekannt werden konnten, gelassen: "Zunächst einmal erinnert sich rückblickend kaum jemand an die Umstände, unter denen ein Oscar gewonnen wurde. Es sagt auch niemand beim Anblick von Jack Nicholson: Ah, der Oscargewinner 1976, 1984 und 1998 – aber da war die Konkurrenz ja eher schwach! Sondern: der dreifache Oscargewinner Jack Nicholson." 

#allesdichtmachen-Aktion nicht oscarwürdig

Wir gehen mal eine Wette ein: Zum einen gewinnen die Schauspieler, die unter dem #allesdichtmachen die Coronapolitik kritisieren, für die künstlerisch sagen wir: schlichte Aktion, keinen Oscar. Zum anderen ist dieser aufgeregt sich selbst befeuernde Shitstorm, den sie auslösten, in ein paar Tagen ebenso vergessen. Beifall von unerfreulicher Seite, von AfD bis zu Coronaleugnern, heizte eine Empörungswelle an, die sich selbst befeuerte.

Während die TAZ den Lärm pflichtschuldigst aufnimmt – "Nicht ganz dicht" –, lässt die WELT zwei gegensätzliche Positionen zu Wort kommen. Jan Knüveler stimmt in den Chor der Empörten ein, spricht von "vermeintlicher Satire" und "süffisanter Selbstgefälligkeit". Andreas Rosenfelder dagegen meint, die Darsteller hielten der Gesellschaft lediglich den Spiegel vor: "Fast wie die Schauspieltruppe, die im dritten Akt von Shakespeares Hamlet die Hofgesellschaft schockiert. Die Aktion, als ‚Spiel im Spiel‘ der Pandemie angesiedelt, hat einen gesellschaftlichen Hauptnerv getroffen – sie ist das Stück der Stunde." Soweit die WELT

Cool dagegen bleiben Alexander Gorkow und Willi Winkler in der SZ, wenn sie meinen, mitunter sei etwas nicht rechts, sondern einfach nur doof, im Sinne von "richtig toll doof". Die Aufregung um die Videoclips und ihre Kritik an der Coronapolitik funktioniere "nach der Lehre aus der analen Phase des Internets, in der wir uns befinden: Beifall findet immer nur der größte Haufen." Fazit der SZ: "Wer sich das alles reinzieht, hat in dieser Zeit kein gutes Buch gelesen, nicht gekocht" und keine Musik gehört. 

Mit Bier und Wodka gegen den Ursprung alles Leids

Kommen wir noch kurz zurück zu den Filmen, die auf den Oscar hoffen, darunter "Der Rausch" von Thomas Vinterberg, ein Tipp der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Er erzählt von einer Gruppe frustrierter Gymnasiallehrer in der Midlife-Crisis. Die Männer bewundern einen Philosophen, der behauptet, dass der Mensch mit 0,5 Promille zu wenig im Blut auf die Welt kommt – der Ursprung all seines Leids. Eine Theorie, die sie natürlich sofort mit Bier und Wodka in die Praxis umsetzen müssen, und wie dieses Experiment endet, ist fraglos oscarwürdig." 

Ob‘s klappt, erfahren wir Sonntag Nacht. Erst mal: schönes Wochenende! 

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