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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.01.2021

Aus den FeuilletonsKontinent ohne Google

Von Paul Stänner

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Der australische Kontinent auf einem Globus dargestellt. (imago-images / Arnulf Hettrich)
Australien legt sich mit Google an – und der Big Player droht mit Boykott. (imago-images / Arnulf Hettrich)

Google droht Australien mit der Abschaltung der Suchmaschine. Weil dort ein Gesetz geplant ist, das für die Veröffentlichung von journalistischen Inhalten Gebühren fordert. Die "Welt" findet das Verhalten des Tech-Giganten unfair.

Als Twitter den Account von Donald Trump sperrte, wurde die Frage gestellt, ob nicht der Kommunikationsriese auch die Verpflichtung habe, Kommunikation zu ermöglichen. Nun gut, im Fall des Polterers Trump fand ich sein erzwungenes Verstummen als segensreich für Kultur und Zivilisation, aber andere Vorfälle wird man anders diskutieren.

Warum Google verantwortungslos handelt

Die WELT kommentiert das Vorhaben von Google, ganz Australien von seinen Diensten abzuhängen, weil ein Gesetz geplant ist, nach dem Google für die Veröffentlichung von journalistischen Inhalten Lizenzgebühren zahlen soll. Google sieht sein Geschäftsmodell bedroht, wenn es diese Inhalte nicht kostenlos abgreifen darf. Und droht damit, seine Suchmaschine (mit einem Marktanteil von 90 Prozent) abzuschalten.

Es schreibt die WELT: "Googles Reaktion zeigt, dass es nicht um ein faires Miteinander geht, sondern um Konditionen, die man weitgehend selbst festlegen will." Der letzte Satz klingt ein wenig moralisch, nämlich: "Marktmacht verpflichtet. Und wer sie zur Erpressung eines ganzen Kontinents nutzt, handelt verantwortungslos."

Das nächste Beispiel liefert die Zeitung eine Seite weiter: "Der Skandal" lautet die Überschrift. Bibliotheken beschweren sich darüber, dass ihnen Verlage "70 Prozent der E-Book-Titel der 'Spiegel'-Bestsellerliste bis zu einem Jahr lang vorenthalten", sodass sie nicht ausgeliehen werden können.

Die WELT zuckt gleichsam resigniert mit den Schultern, wenn sie am Ende schreibt: "Verlage haben von Haus aus wenig Interesse an einer Vergrößerung des E-Books-Angebots in Bibliotheken. Sie wollen Bücher verkaufen." Es scheint, als hätten die öffentlichen Verbreiter von Wissen und Kultur eben Pech gehabt mit der freien Wirtschaft.

Gesetz zum Schutz vor "Bilderstürmern"

Die FAZ berichtet, dass die Uni Leicester in einer geplanten Neuausrichtung des Anglistikstudiums die mittelalterliche Literatur aus dem Lehrplan nehmen will. Shakespeare kann wohl bleiben, aber der "Beowulf", Urahn aller Schauergeschichten vom "Herrn der Ringe" bis zu "Game of Thrones", soll in der Versenkung verschwinden zusammen mit allem, was vor 1500 entstanden ist.

Stattdessen möchte man "aufregend innovative Module" etablieren, um sich auf globaler Ebene zu positionieren. Während ich als Leser noch darüber rätsele, ob die Uni Leicester konsequenterweise in ein Billiglohnland auswandert, um mit den neuen, spottbilligen Modulen über Rasse, Ethnizität und Sexualität Kasse zu machen, fällt mir beim Blättern ein Artikel der WELT in die Finger.

Der besagt, dass die britische Regierung ein Gesetz zum Schutz vor Bilderstürmern erlassen will. Geschichtsfeindliche Gesellinnen und Gesellen hatten jüngst die Monumente von Kolonialpolitikern bis hin zu Winston Churchill geschändet – da gibt es offenbar eine Vergangenheit, die zu erinnern sich lohnt, während der historische Literaturkram gelassen als "rubbish" in die Tonne gedrückt wird. Die Süddeutsche versucht sich an der Frage: "Warum die manisch-depressiven Europäer die USA nur lieben oder hassen können".

Warum und wie Europa die USA liebt

Ich finde mich in der Kategorie "manisch-depressiver Europäer" metaphorisch ebenso wenig wieder wie in der metaphorischen Kategorie "alter, weißer Mann", obwohl ich das rein faktisch sogar bin, aber die Süddeutsche scheint damit kein Problem zu haben. Im Moment, so sieht sie es, lieben die depressiven Europäer Amerika, denn: "Die europäische Liebe zu Amerika hat ein Parteibuch."

Und, ganz klar – nicht das von Donald Trump. Was die Manisch-Depressiven lieben ist – sagt die SZ –, "dieses wunderbare amerikanische Zeitgefühl. Und das verkörperten die Demokraten bisher immer am besten. Es ist dieses Gefühl, dass die Gegenwart der Beginn der Zukunft ist."

Niemand anderer verkörperte das amerikanische Zeitgefühl so perfekt wie die Dichterin Amanda Gorman: "Für Europäer der Beweis, dass in Washington nun zwei Menschen an der Macht sind, die dieselben Bücher lesen, dieselben Filme sehen, dieselbe Musik hören wie wir." 

Was mich befürchten lässt, dass Biden und Harris in dieselbe manische Depression verfallen wie die lesenden Europäer. Dann stehen wir alle auf der transatlantischen Brücke, schauen mutlos ins Wasser und suchen Trost wahrscheinlich bei Heribert Prantl, der Seele der Süddeutschen Zeitung.

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