Aus den Feuilletons

    "Körperliche Nähe wird eine Renaissance erleben"

    06:23 Minuten
    DJ Westbam beim Helene Beach Festival 2018.
    "Durch die erzwungene Abstinenz wird der Wert des Ausgehens und Tanzens höher eingeschätzt werden denn je“, meint Maximilian Lenz, genannt Westbam, in der "Süddeutschen Zeitung". © imago / Torsten Helmke
    Von Klaus Pokatzky · 03.07.2021
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    Wird sich das Nachtleben von der Pandemie erholen? Auf jeden Fall, meint DJ Westbam, denn "am Ende interessieren sich Menschen doch nur für eines: für andere Menschen", sagt er im Interview mit der "Süddeutschen".
    "Ich bin kein Fußballfan, wirklich nicht", schrieb Jagoda Marinić, was der Kulturpressebeschauer als Fußballfan doch sehr bedauert. "Aber ich kann mich dieser Euphorie der Welt- und Europameisterschaften seit meiner Kindheit nicht entziehen", meinte die kroatisch-deutsche Schriftstellerin aber noch in CHRIST UND WELT, der Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Und damit war dann ja wieder alles gut.
    "Als sie verloren hatten, verließ der deutsche Trainer den sichtbaren Bereich des Stadions", stand in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG dazu, dass dann eben doch nicht alles gut für uns war. "Er ging nicht zu seinen Spielern, sondern verschwand schnell in den Katakomben. So, als habe nur die Mannschaft, aber nicht er verloren", merkte Jürgen Kaube kritisch an. "Vielleicht, weil der Bundestrainer gar nicht mehr dachte, es seien die Seinen."

    Anti-Schwulen-Pargraph 175 wurde 1994 abgeschafft

    Die Meinen sind jetzt die Dänen: Die sollen Europameister werden und bitte viele Regenbogenflaggen schwenken. "Wir sind nicht die Heiligen Europas, selbst wenn wir den heiligsten Ernst des Kontinents hinkriegen", stand im Berliner TAGESSPIEGEL. "Homosexualität ist auch in Deutschland noch nicht lange legal", erinnerte uns Klaus Brinkbäumer.
    "Dass sie 'eindeutig gegen das Sittengesetz' verstoße, befand noch 1957 das Bundesverfassungsgericht." Die alte Bundesrepublik hatte sogar die verschärfte Fassung des Paragraphen 175 der Nazis gegen die Schwulen übernommen, der endgültig erst 1994 abgeschafft wurde – unter dem christdemokratischen Kanzler Helmut Kohl.

    Was macht Merkel, wenn sie in Rente ist?

    "Frau Merkel ist wunderbar", sagte der Autor und Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG – und damit haben wir ja wieder jemanden, auf den wir stolz sein können. Fußball ist eben doch nicht alles.
    "Im Großen und Ganzen haben wir Glück, dass sie uns durch die letzten 16 Jahre gesteuert hat", fand Andreas Mühe. "Ich habe mich gefragt: Was macht eine solche Frau eigentlich, wenn sie in Rente ist?", meinte der Fotograf, der sich Angela Merkel als ein ganz spezielles Motiv seiner Arbeit ausgeguckt hat, im Interview mit dem SPIEGEL. "Wahrscheinlich werden wir Merkel vermissen." Und was können wir ihr für eine schöne Rente wünschen, wenn sie denn nicht mehr unsere erste Bundespräsidentin werden möchte?
    "Im Alter wächst einem eine gewisse Wurstigkeit zu", sagte der 99 Jahre alte Georg Stefan Troller noch in seinem Interview mit der SÜDDEUTSCHEN. "Das Alter mit seinen körperlichen Plagen hat keinerlei Interesse an deinen seelischen Vorgängen. Das ist ungefähr der einzige Vorteil des Alterns." Hauptsache, unsere Angela Merkel fühlt sich dann nicht einsam.

    Nach Corona müssen wir Nähe neu lernen

    "Ich definiere Einsamkeit nicht nur als das Gefühl, von seinen Freunden, seiner Familie irgendwie abgeschnitten zu sein und sich nach Kontakt und Verbundenheit zu sehnen", stand in der Tageszeitung DIE WELT. "Das ist es auch", erklärte im Interview die britische Ökonomin Noreena Hertz. "Aber es ist auch ein weitreichenderes Gefühl, von seinen Mitbürgern, seinem Arbeitgeber und seiner Regierung getrennt oder isoliert zu sein – ein Zustand, in dem man sich unsichtbar, ungesehen und ungehört fühlt, persönlich, politisch und existenziell." Und das haben wir in den Lockdownmonaten ja fast alle erlebt.
    "Wir haben jetzt gelernt, was Nähe uns bedeutet", sagte Christian Stäblein. "Sie macht das Grundvertrauen des Lebens aus. Wir müssen sie immer wieder herstellen, gerade auch in der Familie. Wenn sie fehlt, tut uns das weh", meinte der evangelische Landesbischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zu CHRIST UND WELT. Und "wie geht nach Corona das Wiedersehen?", fragt Interviewer Georg Löwisch. Antwort: "Wir müssen uns rantasten und die Nähe neu lernen. Schritt für Schritt und nicht gleich die große Party."Das sieht nicht jeder so. "Durch die erzwungene Abstinenz wird der Wert des Ausgehens und Tanzens höher eingeschätzt werden denn je", meinte Maximilian Lenz, genannt Westbam: "Klar, viele Junge haben sich in ihren virtuellen Daddelkonferenzen bestens eingerichtet", sagte der DJ und Techno-Produzent zur SÜDDEUTSCHEN. "Aber die körperliche Nähe wird eine Renaissance erleben. Am Ende interessieren sich Menschen doch nur für eines: für andere Menschen."

    "Das hältst du nicht durch, wenn du säufst"

    Wenn sie denn gute Bürger und Bürgerinnen sind. "Zumindest Elemente bürgerlichen Selbstverständnisses blieben erhalten", klärte uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG grundsätzlich auf, was das anständige Bürgertum ausmacht. "Pflicht als Grundlage des tätigen Lebens, die Bedeutung von Ehrlichkeit, Anstand und Loyalität", zählte Thomas Ribi auf. "Auch die Verständigungsformen der bürgerlichen Kultur waren nicht ganz verschwunden: die Pflege von privater Geselligkeit und Hobbys, die Teilhabe an dem, was sich außerhalb der eigenen kleinen Welt abspielt."
    Da nehmen wir uns auch einen weisen 72-Jährigen zum Vorbild. "Alkohol geht gar nicht", erzählte Otto Waalkes der SÜDDEUTSCHEN, wie er eine Tour mit vier, fünf Auftritten in der Woche übersteht. "Das hältst du nicht durch, wenn du säufst. Dann ist am dritten Abend die Stimme weg. Das geht alles nur mit Routine. Mittagessen. Hotel. Soundcheck. Auftritt, Holladihiti, Pause, noch mal Holladihiti. Wenn man sich danach noch die Kante gibt – keine Chance. Lieber mit Adrenalin im Bett liegen."
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