Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
Samstag, 17.04.2021
 
Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven

Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.03.2021

Aus den FeuilletonsIn der Warteschleife des Lebens

Von Burkhard Müller-Ullrich

Beitrag hören Podcast abonnieren
Jugendliche sitzt im Scheidersitz mit in die Hand gestützdem Kinn auf dem Bett und blickt in die Weite.  (imago images / Westend61)
Die durch die Coronapandemie entstandene Isolation mache Jugendlichen und Kindern besonders zu schaffen, steht in der "SZ". (imago images / Westend61)

Kindern und Jugendlichen geht es in der Coronakrise inzwischen sehr schlecht, berichtet die "SZ". Sie befänden sich im "Warteraum des Lebens". Dabei seien Wissenslücken nicht so schlimm wie verlorene Lebenszeit ohne Freunde und neue Erfahrungen.

"Egal welche Studie man sich ansieht, den Kindern und Jugendlichen geht es mittlerweile wirklich schlecht", schreibt Alex Rühle im Feuilleton-Aufmacher der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. In der WELT steht ein Artikel der ehemaligen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die genau dieselben Zustände beklagt:

Mehr Kinder und Jugendliche in der Psychiatrie

"Systematische Studien fehlen noch, aber aus Berlin und Tübingen hören wir, dass sich die Einweisungen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in den letzten Monaten fast verdoppelt haben." Wer selber Kinder hat, braucht auch keine Studien, um das von der Pandemiepolitik verursachte Elend im Nahbereich zu erkennen. Rühle formuliert es so:

"Der Alltag eines Jugendlichen muss sich seit Monaten so anfühlen, als sitze man im Warteraum des Lebens, ohne zu wissen, wann man endlich drankommt. Außerdem hockt man in diesem Warteraum nicht mit guten Freunden, sondern nur mit den eigenen Eltern, die ja eher weniger für das funkelnde Lametta im Alltag zuständig sind, sondern einem täglich das Kleingedruckte aus dem Verhaltenskatalog vorbeten."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Sowohl Rühle als auch Schröder weisen darauf hin, dass Zeit für junge Menschen einen anderen Stellenwert, eine andere Konsistenz hat als für die auf dem Hochplateau ihrer Karrieren dahineilende mittlere Generation. Denn es gibt so etwas wie Zeitfenster im Leben.

Ein verlorenes Schuljahr ist nicht schlimm wegen der entstehenden Stofflücken. Das wirklich Schlimme besteht darin, dass Klassenfahrten, Reisen, Konzerte, Partys und Momente der Entwicklung ausfallen, die sich nicht einfach aufschieben und nachholen lassen. Es sind verlorene Erfahrungen. "War je ein Jugendpsychiater oder Kinderarzt mit am Tisch, als es um die Coronamaßnahmen ging?" fragt Rühle in der SZ.

Bürgerbeteiligung bei Bauprojekten

Im Zusammenhang mit den Coronamaßnahmen hört man so einiges von Demokratie, was uns zu einer Demokratiebetrachtung in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG führt. Und zwar geht es um Bürgerbeteiligung bei der Planung von Bauprojekten. Matthias Alexander zählt einige exemplarische Fälle aus jüngster Zeit in Hamburg, Frankfurt, Dresden und Stuttgart auf, die alle zeigen, "dass die Partizipation in der Krise ist. In der gängigen Form, in der die Teilnahme an einem Bürgerforum theoretisch allen offensteht, leidet die Bürgerbeteiligung regelmäßig unter ihrer mangelnden Repräsentativität."

Um dem abzuhelfen, gibt es zwei gegensätzliche Vorgehensweisen: die eine heißt "Bürgergutachten". Dazu wird ein Laienrat aus zufällig ausgewählten Bürgern geschaffen, die sich mit einer bestimmten Sachfrage beschäftigen. Die andere Möglichkeit ist eine möglichst massenhafte Beteiligung via Onlineplattform. Offen bleibt für den Autor dabei die Frage, "ob die Weisheit der Menge in Gestaltungsfragen tatsächlich weiterführt".

Ein drastisches Beispiel dafür findet sich in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, wo der Historiker Hubertus Knabe über den Versuch berichtet, in Moskau eine Statue des Gründers der sowjetischen Geheimpolizei Feliks Dzierzynski wiederaufzurichten. Der Mann hat zwischen seiner Beauftragung durch Lenin im Jahr 1917 und seinem seltsam überraschenden Tod 1926 Hunderttausende Menschen, manche Schätzungen gehen bis zu einer Million, umbringen lassen.

Online-Abstimmung als Ablenkungsmanöver?

Das Standbild dieses Massenmörders wurde zwar 1991 aus dem Stadtbild Moskaus entfernt, aber – und jetzt kommt die Bürgerbeteiligung ins Spiel – es gab von rechtsextremen Kräften eine Kampagne, Dzierzynski wieder auf den Sockel zu hieven. Dazu wurde, wie Knabe erklärt, eine Onlineabstimmung organisiert:

"Allerdings konnte man nicht dafür oder dagegen stimmen, sondern musste sich zwischen dem Denkmal Dzierzynskis und dem des russischen Großfürsten Alexander Newski entscheiden. Bereits nach einem Tag hatten mehr als 300.000 Menschen an der Abstimmung teilgenommen. 55 Prozent sprachen sich für Newski aus und 45 Prozent für Dzierzynski."

Doch obwohl die Befragung bis zum 5. März laufen sollte, wurde sie plötzlich abgebrochen. Über die Gründe kann Knabe nur spekulieren: Scheuten die Stadtoberen den drohenden Konflikt mit liberalen Kräften? War das Ganze nur ein Manöver, um von der Nawalny-Affäre abzulenken? Russland kann bekanntlich sehr rätselhaft sein.

Mehr zum Thema

Existenzangst und fehlende Kontakte - Wie die Coronakrise die psychische Gesundheit beeinträchtigt
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 20.07.2020)

Bürgerbeteiligung und Corona - "Einen direkten Austausch gibt es nicht mehr"
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 18.05.2020)

Streit um Denkmalschutz - Sehnsucht nach der Stalinzeit?
(Deutschlandfunk, Europa heute, 21.07.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Fazit

Pressefoto des JahresEine Umarmung mit Symbolcharakter
Das Foto des Jahres 2021 "The First Embrace" (Die erste Umarmung) zeigt zwei Frauen, die sich - getrennt von einer Plastikfolie - umarmen. (imago images / Politiken / Mads Nissen)

Das Pressefoto des Jahres ist oft mit den prägenden Themen der Gegenwart verbunden: Mit dem Siegerfoto 2021 beschreibe der Däne Mads Nissen die Pandemie und die damit verbundenen Erfahrungen in einem Bild, sagt die Kunsthistorikerin Karen Fromm.Mehr

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur