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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.06.2020

Aus den FeuilletonsHundert Seiten Halbfinale

Von Gregor Sander

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Der deutsche Torjäger Gerd Müller (helles Trikot) wird von den italienischen Gegenspielern in die Zange genommen.  Die deutsche Fußballnationalmannschaft verliert am 17.06.1970 vor 110.000 Zuschauern im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt das WM-Halbfinalspiel gegen Italien mit 3:4 nach Verlängerung. (dpa / picture alliance)
"Gerd Müllers zerwuscheltes Haar, direkt nach dem Kopfball zum 3:3" - schwärmend erinnert sich Holger Gertz an das Jahrhundertspiel von 1970. (dpa / picture alliance)

Die "SZ" erinnert an ein denkwürdiges Fußballspiel mit Rekordkulisse vor 50 Jahren. Das sportliche Drama wurde jetzt als hundertseitiges Magazin verewigt - auch den Schriftsteller Ror Wolf hat es zu einem Gedicht verleitet.

"Die Videos gehören zum Ritual dieses Wettbewerbs", erklärt Gerrit Bartels im Berliner TAGESSPIEGEL.

Gemeint ist der am Mittwoch beginnende Bachmannpreis in Klagenfurt, der in diesem Jahr in einer virtuellen Version stattfindet. In den genannten Videos werden die Autorinnen und Autoren vor der Lesung filmisch vorgestellt: "Inzwischen produzieren die Autorinnen und Autoren in der Regel selbst. Sie scheinen mehr Angst vor der Aufnahme zu haben als vor ihrer Lesung oder dem Urteil der Jury. Ihr Grundzug ist der der Vermeidung, mehr noch: der einer gezielten Verweigerung."

Und diese gezielte Verweigerung der Autorinnen und Autoren im bewegten Bild beschreibt der TAGESSPIEGEL-Autor so: "Jasmin Ramadans Video ist eine von beschwingten Klavierklängen begleitete bunte Computeranimation ohne Worte, darin eine Figur, mal mit Zigarette, mal an der Tastatur. Carolina Schutti sagt auch kein Wort."

Bei den Männern gibt es laut Bartels auch keine Action: "Levin Westermann sieht man ebenfalls nicht. In seinem Video läuft jemand an einem Hang entlang, irgendwo im Süden. Das Meer ist blau, der Himmel auch."

40 Jahre warten

Ekkehard Knörer von der TAZ hat dann doch noch Erstaunliches über eine Teilnehmerin zu berichten.

"Für Helga Schubert ist es der zweite Anlauf. Vor vierzig Jahren war sie schon einmal zum Wettlesen in Klagenfurt eingeladen, damals noch als Bürgerin der DDR. Dann aber verweigerte man ihr die Ausreise, auch weil 'der Antikommunist Marcel Reich-Ranicki' (steht so in der Stasi-Akte zum Vorgang) Juryvorsitzender war."

Die heute achtzigjährige Autorin, die später sogar Jurorin beim Bachmannpreis wurde, hat so also einiges zu erzählen und auch ein den Kritiker zufrieden stellendes Video über sich machen lassen: Im kleinen Porträtfilm, den man im Netz sehen kann, staunt sie selbst darüber am meisten und feiert die Einladung als kleinen Sieg über die Diktatur, "zumal die, die es mir damals verboten haben, alle schon tot sind."

Produktiver Bob Dylan

Nur wenig jünger als Helga Schubert und sogar literaturnobelpreisausgezeichnet ist Bob Dylan. "Ganz der Alte", titelt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Willi Winkler über den Barden und zwar aus folgendem Grund:

"Andere haben während der Corona-Monate ins Tagebuch geschluchzt oder episch langweilige Home Movies gemacht, für die sich sogar die eingeblendeten Zimmerpflanzen schämten, Dylan ist vernünftigerweise in sich gegangen und mit zehn Dylan-Stücken wieder herausgekommen." Nun darf man bezweifeln, dass selbst Tausendsassa Bob Dylan in drei Monaten ein Album zusammenschustert, aber die Winklersche Begeisterung kennt trotzdem keine Grenzen und teilt sich wie folgt mit:

"Es ist ein Schnitter, der heißt aber nicht Tod, sondern Dr. Dylan, und der schnitzelt sich im trügerischsten Schwebeblues ein Gesicht aus Al Pacinos Scarface und Marlon Brandos Paten zu einem Roboterkommando zusammen. Wenn er halb- bis dreiviertelstark herumdröhnt ("ich mache deine Frau zur Witwe, und du wirst nicht alt werden"), ist das ein so piratenmäßiger Schichtl-Humor, dass da keine Altersmilde mehr nachdrängen kann."

"Rough and Rowdy Ways" heißt das Werk dann auch passender Weise und kommt diese Woche in die Plattenläden.

Ein Stadion für 100.000 Zuschauer

Sehnsüchtiges erzählt uns Holger Gertz ebenfalls in der SZ (Printausgabe): "102.444 Menschen sahen im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt das Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft 1970." Das ist in Zeiten der Geisterspiele, bei denen jede Traineranweisung zu hören ist, wie in der Kreisliga, kaum noch vorzustellen. Diesem sagenhaften 4:3 zwischen Italien und Westdeutschland ist nun ein Printmagazin mit dem Titel "Mehr als ein Spiel" von über hundert Seiten gewidmet worden.

"Die Werbebanden im Aztekenstadion, Cinzano, Alka-Seltzer, Brandy Presidente. Gerd Müllers zerwuscheltes Haar, direkt nach dem Kopfball zum 3:3", schwärmt Gertz und man muss wohl Fußballfan sein, um das alles zu verstehen, denn selbst Ror Wolf dichtete damals:

"Das war ein Drama allererster Sorte/Hier schweige ich. Es fehlen mir die Worte."

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