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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.04.2020

Aus den FeuilletonsHannelore Elsner in ihrer letzten TV-Rolle

Von Gregor Sander

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Hannelore Elsner im Tatort "Die Guten und die Bösen" - ihre letzte Rolle. (HR/Degeto)
Es war das letzte Mal, dass sie vor der Kamera stand: Hannelore Elsner im Tatort "Die Guten und die Bösen". (HR/Degeto)

Am Sonntag kommt der Tatort aus Hessen. Das Besondere: Die verstorbene Schauspielerin Hannelore Elsner spielt hier ihre letzte TV-Rolle. Die "taz" ist nur mäßig begeistert und meint, man könne sich die erste halbe Stunde des Krimis auch locker sparen.

Tobias Rapp vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL ist vor der Arbeit in sich gegangen:

"Vielleicht sollte ich diesen Text nicht schreiben. Ich bin ein Mann, weiß, heterosexuell, in einer bildungsbürgerlichen Familie aufgewachsen und habe eine feste Anstellung. Ich bin keine Frau, nicht aus Mexiko, auch nicht aus den USA oder Puerto Rico", so Rapp.

Geschichte aus Sicht einer Mexikanerin

Jeanine Cummins wurden in den USA allerdings ähnliche Vorwürfe gemacht, die die Legitimität ihrer Autorinnenschaft in Frage stellen, weil sie in ihrem Roman "American Dirt" eine Geschichte aus der Sicht einer Mexikanerin erzählt, obwohl sie eine weiße Amerikanerin ist:

"Myriam Gurba, eine queere Künstlerin und Aktivistin hispanischer Herkunft, schrieb in einer viel beachteten Rezension, Lydia, die Hauptfigur des Buchs, sei 'keine glaubwürdige Mexikanerin'. Eine Reihe anderer Kritiker folgten. Das Buch sei 'Trauma-Pornografie' schrieb einer, 'eine Beleidigung aller hispanischen Autoren' ein anderer."

"American Dirt" erscheint nun auch bei uns und Rapp rät im SPIEGEL eindeutig zur Lektüre:

"Cummins erzählt eine universelle Geschichte. Daher auch der Erfolg ihres Buchs. Und das ist genau das, was die Anhänger von Identitätspolitik nicht akzeptieren können: Universelle Geschichten gibt es für sie nämlich nicht. Das sind für sie Tricks der Mehrheit, um der Minderheit ihre Erzählungen zu nehmen."

Geschichten aus der ostdeutschen Provinz

Legt man diese Maßstäbe an, wäre es für Moritz von Uslar auch nicht möglich gewesen, im Abstand von zehn Jahren zweimal nach Zehdenick in die ostdeutsche Provinz zu fahren, die Menschen dort monatelang zu beobachten und ein Buch darüber zu schreiben. Immerhin ist der Mann doch sehr westdeutsch. Gerrit Bartels vom Berliner TAGESSPIEGEL hat damit auch kein Problem, stellt allerdings fest:

"Es geht hier schließlich nicht nur um Zehdenick, sondern auch um das Autoren-Ich." Mit dem Gestaltungswillen dieses Autor-Ichs von "Nochmal Deutschboden" hat der Kritiker dann doch ein Problem:

"Es ist das Porträt einiger durchaus komplexer Kleinstadtbewohner. Es ist aber auch eine Art Nummernrevue, der der größere gestalterische Bogen fehlt. Mal sticht die ostdeutsche Realität sehr scharf heraus, mal erinnert das Buch an eine Soap."

Geschichten aus dem französischen Landhaus

Viel Hass schlug der Autorin Leïla Slimani in Frankreich entgegen, für ihr Corona-Tagebuch, das sie aus ihrem Landhaus schrieb und bei "Le Monde" veröffentlichte. Einigen erschien das zu bürgerlich abgehoben. Solange sie Rechte der Frauen oder der Homosexuellen in Marokko verteidige, wären die Franzosen auf ihrer Seite, erzählt sie im Interview mit der Tageszeitung DIE WELT:

"Sobald es aber um ein Thema in Frankreich geht, bin ich ganz schnell die arabisch-bourgeoise Schriftstellerin, auf die man despektierlich hinunterblicken darf. Das ist doch irgendwie seltsam und inzwischen frage ich mich, ob das nicht mit dem gestörten Verhältnis zum Islam zu tun hat", so Slimani.

Tatort mit Hannelore Elsner

Für reichlich Gesprächsstoff sorgt in Deutschland immer noch der allsonntagliche Tatort, der diese Woche in Frankfurt am Main spielt. Die TAZ-Kritik von Anne Haeming dürfte Krimifans allerdings in Alarmbereitschaft versetzen:

"Also eigentlich brauchen Sie erst so um halb neun reinschalten, ach was, Viertel vor neun reicht locker." Alle anderen Feuilletons verneigen sich aber brav, denn die vor einem Jahr verstorbene Hannelore Elsner spielte hier ihre letzte Rolle. Heike Hupertz beschreibt sie in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG:

"In 'Die Guten und die Bösen' ist sie eine ganz heutige Zweiflerin, vor allem aber eine Figur aus dem Kafka′schen Erzählkosmos von Schuld qua Menschsein. Elsner spielt Elsa Bronski, eine pensionierte Kommissarin, die sich im Keller des Präsidiums eine Aktenkammer gebaut hat. In der sitzt sie wie der Leib des Gewissens in einer Monstranz ungelöster Fälle."

Tatort meets Kafka, ob das wirklich gelingen kann? Vielleicht überzeugen Sie sich selbst. Am Sonntag, 20.15 Uhr.

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