Aus den Feuilletons

Gesetze brechen für die Oscars?

04:14 Minuten
Blick auf den "Oscars"-Schriftzug, der 2020 in einem Raum auf einem roten Teppich stand. Daneben Schilder mit der Aufschrift "The Oscars Red Carpet Show", eine Vorabshow vor der Verleihung der Oscars. Am Rand stehen in Abendrobe gekleidete Personen.
Trotz Coronapandemie fanden 2020 die Oscars statt und viele Prominente nahmen teil © picture alliance / abaca / Hahn Lionel
Von Hans von Throtha · 25.03.2021
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Wer bei der Verleihung der Oscars sicht- und hörbar sein wolle, müsse persönlich anreisen, berichtet Kathleen Hildebrand in der "SZ". Corona zähle nicht als Ausrede. Erste skeptische Stimmen gibt es bereits. Auch die Kleiderordnung soll eher streng sein.
Es gibt Fragen, die beantworten sich von selbst, und zwar dadurch, dass man sie stellt. Unter der hamlet'sch-grundsätzlichen Überschrift "Zoom oder Nicht-Zoom" stellt Kathleen Hildebrand in der SÜDDEUTSCHEN eine solche Frage, nämlich: "Darf man einen Oscar per Videoschalte entgegennehmen?"
Darf man natürlich nicht. Begründung - kurz: "So wie bei den Emmys im vergangenen September soll es bei den Oscars nicht werden". Denn da "lautete der Dresscode `Come as you are´, und in Pandemiezeiten deuteten das viele der Nominierten als `Behalt einfach deinen Schlafanzug an´." Jetzt lautet der Dresscode: "Formelle Kleidung ist cool, wenn Sie möchten, aber legere ist es absolut nicht." Hildebrand interpretiert die Botschaft als: "Reiß dich zusammen, Hollywood".
Außerdem berichtet sie: "Corona zählt nicht als Ausrede. Wer bei der Entgegennahme seines Preises sicht- und hörbar sein möchte, soll gefälligst persönlich erscheinen. Die britische Regisseurin und Schauspielerin Emerald Fennell sagte, sie hoffe sehr, nach L.A. reisen zu können, werde aber kein Gesetz brechen, indem sie den Atlantik durchschwimme."
"Im schlechtesten Fall", meint Hildebrand, "könnte die Strenge der Oscar-Produzenten am Ende nicht zu mehr Stil führen, sondern dazu, dass sich alle sehr ernsthaft fragen, ob eine Show mit sinkenden Einschaltquoten einen solchen Aufwand wirklich wert ist."

Eine bedeutungslose Entschuldigung

Die andere Frage des Tages, die sich von selbst zu beantworten scheint, ist diese: Was folgt, wenn eine Bundeskanzlerin sich entschuldigt? "Nichts. Denn", das meint Rüdiger Schaper im , "das historische Versagen von Bundesregierung, Länderfürsten und EU-Bürokratie bei der Beschaffung von Corona-Impfstoff ist so massiv und komplex, dass sich die Bundeskanzlerin allein gar nicht dafür entschuldigen kann". Schaper meint: "Angela Merkel hat sich – das macht ihre Geste so merkwürdig – für etwas entschuldigt, das für sich genommen gar nicht schlimm ist. Ruhetag? Ein Fehler, eine schlechte Idee, entstanden in einem Konferenzmarathon, ein Zeichen der Erschöpfung und Ratlosigkeit. Gleichsam eine gesprochene Raute."
Dazu fällt Schaper – wir sind im Feuilleton – Christoph Schlingensiefs letzter Auftritt ein, im März 2009 am Burgtheater. Das Stück hieß: "Mea culpa". – "Mein Fehler. Meine Schuld. Mea culpa. Immer mehr Politiker und Firmenbosse bitten um Entschuldigung oder Verzeihung", fährt Schaper fort, "selbst der Kölner Horror-Erzbischof Woelki wählt im Missbrauchsskandal den Weg der öffentlichen Zerknirschung". Da muss Schaper auch noch an die Prinzen denken, die einst sangen: "Das ist alles nur geklaut und gestohlen, nur gezogen und geraubt / Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt."

Das Angebot für die Wutgesellschaft

Kurt Kister assoziiert zum gleichen Anlass in der SÜDDEUTSCHEN den Songwriter Conor Oberst, in dessen Lied "Lua" es heißt: "but what was normal in the evening / by the morning seems insane, was am Abend noch normal war, erschien am Morgen verrückt. So", vermutet Kister, "ist es wohl auch Angela Merkel am Mittwoch ergangen, die bestimmt nicht Conor Oberst hört, auch wenn der ihr manches zu sagen hätte, zum Beispiel mit einer weiteren Zeile aus `Lua: well, we might die from medication / but we sure killed all the pain, wir könnten an der Medizin sterben, aber immerhin haben wir auch den Schmerz getötet."
Auch Kurt Kister stellt fest: "Grundsätzlich ist die Entschuldigung schon seit geraumer Zeit wieder in Mode. Linke und Rechte, Künstler und Nichtkünstler, Betroffene aller Art – und wer ist heute nicht von irgendetwas betroffen? – verlangen heute schnell Entschuldigungen." Kister beobachtet allerdings auch: "Die Entschuldigung gilt den Verletzten, Betroffenen, aber auch denen, die einfach nur recht haben wollen, mittlerweile als nahezu kleine Münze. Was man dauernd fordert und relativ häufig bekommt, verliert an Wert."
Aber für ihn hat die Kanzlerin durchaus etwas bewirkt: "Wenn die Kanzlerin um Entschuldigung bittet, ist das auch ein Innehalten im Betrieb, im politischen, und vielleicht sogar im moralischen", meint er, und: "Angela Merkel macht der Wutgesellschaft ein spektakuläres Angebot: innezuhalten".
Und so endet dieser Blick ins Feuilleton mit der Überschrift über Kurt Kisters Überlegungen in der SÜDDEUTSCHEN, die eben das, ein Innehalten, auch bewirkt: "Moment mal".
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