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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 28.04.2020

Aus den FeuilletonsFrank Castorf - vom Regisseur zum Widerständler

Von Hans von Trotha

Theaterregisseur Frank Castorf  (www.imago-images.de)
Gegen Hygienevorschriften: Frank Castorf mag Angela Merkel nicht, weil er sich nicht sagen lassen wolle, dass er sich die Hände waschen soll, steht in der "TAZ". (www.imago-images.de)

Regisseur Frank Castorf lässt sich nicht gerne sagen, was er machen soll. Im "Spiegel" rief er deshalb zum "republikanischen Widerstand" gegen Coronaregeln auf. Für die "TAZ" ist er ein "disparater Schauspieler", "ratlos am Bühnenrand brabbelnd".

Jetzt, wo der Föderalismus endgültig zerfleddert, was man eine deutsche Coronastrategie hätte nennen können, klingen die Analysen dessen, was vor sich geht, vielleicht schärfer, als sie gemeint waren. Schließlich gehen sie von einem Konsens aus, der sich gerade auflöst.

Die natürliche Konkurrenz der Grundrechte

"Es gibt eine natürliche Konkurrenz der Grundrechte", stellt Jens Jessen in der : "Weder das Recht auf Leben noch das auf Freiheit, noch das auf Gleichheit lassen sich absolut verwirklichen, ohne das jeweils andere zu beschädigen." Jessen beobachtet eine "Mischung von moralischer Einschüchterung und einer, allerdings nur höchst punktuellen, Verabsolutierung des Gleichheitsgrundsatzes. Die Stichwörter lauteten 'Solidarität' und 'Diskriminierungsverbot'".

"Mit diesen wurde der", so Jessen, "naheliegende Einwand abgeschmettert, dass es vielleicht besser sei, die Kontaktsperren auf die Hochrisikogruppen der Älteren und gefährlich Vorerkrankten zu beschränken, anstatt das ganze Volk einzusperren". Allein nur diesen Gedanken zu denken, so Jessen, der seinem Text die "Notiz" hinzufügt: "Der Autor gehört zur Hochrisikogruppe der über 60-jährigen Raucher", sei "als 'zynisch' und ungerecht gebrandmarkt" worden. "Als würde Gerechtigkeit gebieten, dass Beschränkungen, die für den einen hilfreich oder lebensnotwendig sind, sofort und ausnahmslos allen anderen aufgezwungen werden".

"Darf, wenn einer auf den Rollstuhl angewiesen ist, niemand anders mehr zu Fuß gehen? Wenn einer salzlose Diät braucht, kein anderer sein Essen salzen? Man muss", so Jens Jessen, "die Gedankenfigur einmal, und sei es 'zynisch', zuspitzen, um den scheinhumanen Schleier von der logischen Struktur des Arguments zu reißen."

Anwesenheit als Wert an sich

Willkommen in Phase vier der Krise. Nach den Politikern, die sich schnell aus dem Staub gemacht haben, erklärten uns die Virologen die Krise, gefolgt von den Soziologen, die sich nur kurz halten konnten. Jetzt sind wir in der Phase der Feuilletonisten. Einer von ihnen ist Lothar Müller. Er ruft der Phase drei schon hinterher: es sei "immerhin möglich, dass einer Gesellschaft etwas entgeht, wenn sie ihre Selbstbeschreibung den Soziologen überlässt."

Ihm geht es um "jenes Element des sozialen Lebens …, das von der Corona-Krise am stärksten betroffen ist: die physische Anwesenheit". Anwesenheit, so Lothar Müller im SÜDDEUTSCHE-Feuilleton (Printausgabe), sei ein Wert an sich. "Er war mit der Gegenwart im Bunde, die lange Kontrastbegriff nicht nur zur Vergangenheit, sondern vor allem zur Abwesenheit war." Für Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstagspartys sei das Vermischte zuständig, so Müller, allenfalls das Feuilleton. Jedoch: "Sie sind, im eminenten Sinn, Gesellschaft. Ihre massenhaften Absagen sind … ein Unglück von beträchtlichen Ausmaßen, veritable Gesellschaftskatastrophen."

Was in der FAZ der Drehbuchautor und Regisseur Hans Steinbichler (Printausgabe) mit der Bemerkung bestätigt: "Die Währung und die Basis für alles, was wir tun", er meint damit jene, die Filme machen, "ist Nähe". Und: "Die Corona-Pandemie ist ein Feind, der den Menschen in seinem innersten Bedürfnis von Nähe frontal packt und angreift."

Widerstand à la Castorf

Die TAZ. Daniél Kretschmar bringt ein "Kammerstück für einen Regisseur": "Eingesperrt in zu enge Segmente, mit der Außenwelt über Monitore kommunizierend, produzieren wir als Event getarnte Eintönigkeit. Ohne verbindliche Textvorlage improvisieren wir uns durch überlange Abende. Leben wie immer in einer Castorf-Inszenierung", findet Kretschmar und fährt fort: "Frank Castorf aber ist unzufrieden. Selber wie ein disparater Schauspieler unter fremder Regie ratlos am Bühnenrand brabbelnd, gibt er seine Hilflosigkeit zu Protokoll", und zwar dem SPIEGEL.

Er ist, kann man in der TAZ nachlesen, "gegen Hygienevorschriften, gegen Abstandsgebot, gegen Virologen und besonders gegen Angela Merkel, von der (er) sich nicht sagen lassen will, dass er sich die Hände waschen müsse. … Castorf mag außerdem Trump, (Zitat:) 'weil der aus der Reihe tanzt'. … Obendrauf gibt’s noch die Kalenderweisheit, dass der Tod zum Leben gehört. Castorf hat keine Angst davor und ruft deshalb zum 'republikanischen Widerstand' auf." Diesen, den aktuellen Castorf fasst Kretschmar so zusammen: "Verbeugung. Vorhang. Keine Pointe. Wie immer."

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