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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 13.02.2021

Aus den FeuilletonsEndlich wieder Ordnung im und auf dem Kopf

Von Klaus Pokatzky

Eine Friseurin schneidet einer Kundin die Haare. (picture alliance / SvenSimon / Frank Hoermann)
Darauf können sich alle einigen: Dass bald wieder Friseurbesuche möglich sind, findet breite Zustimmung. (picture alliance / SvenSimon / Frank Hoermann)

"Friseure retten das Wohlgefühl", hieß es im "Tagesspiegel" zur angekündigten Lockerung der Corona-Maßnahmen ab dem 1. März, denn: „Sie bewahren die Menschen vor dem Zustand der gefühlten Verwilderung.“

"Ein altes Hirn sollte in der Lage sein, neu zu denken." So ermuntert uns die WELT AM SONNTAG. "Obwohl ich mein gesamtes Berufsleben versucht habe, es allen recht zu machen, lande ich immer wieder zwischen den Stühlen", schreibt Thomas Gottschalk, das Urgestein der unterhaltenden Fernsehmoderation, das in letzter Zeit heftigen Wirbel hervorrief wegen einiger nicht so ganz politisch korrekter Wortwahlen.

Thomas Gottschalk will die Klappe halten

Die WELT AM SONNTAG nennt eine Anekdote: "Er habe bei einer Kostümparty, für die er sich als Jimi Hendrix verkleidet hatte, das erste Mal erfahren, 'wie sich ein Schwarzer fühlt'." Da klingt recht reumütig, wenn Thomas Gottschalk nun schreibt: "Aus Schaden klug zu werden und endlich die Klappe zu halten, kam mir dabei nie in den Sinn. Jeder Gag musste raus, und wenn ich glaubte, etwas besser zu wissen als andere, habe ich dazwischengeredet." Das ist ja fast wie bei der Kulturpresseschau.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)"Das schwerste Wort im Deutschen: Entschuldigung", hieß es in der Tageszeitung TAZ. "Es gibt ja Menschen, die mit ihren Entschuldigungen geizen", meinte Anna Dushime. "Aber wenn sie sich dann mal entschuldigen, dann bedeutet das etwas." Das klingt tröstlich. 

"Ich bin die Spaßbremse", sagte da Pamela Hansen. "Aber damit kann ich leben", meinte die evangelische Theologin ohne überflüssige Entschuldigung. "Das liegt daran, dass ich täglich Seelsorge betreibe am Telefon", erzählte die Helgoländer Inselpfarrerin zu ihren Corona-Erfahrungen im Interview mit CHRIST UND WELT, der Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Ich telefoniere mit Menschen, die weinen, weil sie nicht wissen, ob Mutter oder Vater den nächsten Tag überleben werden. Und ich versuche, jene zu trösten, die sich einsam fühlen."

Und was eine gute Seelsorge in diesen harten Zeiten ausmacht, formuliert Thomas Gottschalk so schön in der WELT AM SONNTAG: "Ich habe versucht, jeden zu verstehen, ich habe nie einen Unterschied gemacht zwischen Alt und Jung, Dumm oder Schlau, Grün oder Weiß."

Renitente Rentner im Visier der Jungen

Corona macht da bekanntlich auch keine Unterschiede, aber die Folgen erleben Alt und Jung vielleicht doch etwas anders. "Begegnungen mit Heranwachsenden, denen der Lockdown brutal die Flügel stutzt", schilderte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG.

"Neue Rituale entstehen, sie suchen Orte, an denen sie einander nah sein oder sich frei fühlen können: den Skatepark, einen Fastfoodladen, eine Wohnung, in der sie sturmfrei haben, ein Strategiespiel im Internet", beschrieben Melanie Mühl und Elena Witzeck die jugendlichen Umgangsformen in der Pandemie und fassten Gespräche mit einer Gruppe von jungen Leuten zusammen:

"Wütend sind sie auf Rentner, die Regeln brechen, wie neulich in der S-Bahn, als einer aus der Gruppe rief: 'Opa, setz deine Maske auf.' Und auf die Coronaleugner. Das Peinlichste überhaupt wäre, wenn die eigenen Eltern Querdenker wären." Manchmal können Alte wirklich von den Jungen lernen.

Von Südkorea taktvolles Verhalten lernen

"Sei frei, tu, was du willst, aber wolle das Richtige!", gab Armin Nassehi als Rat gegen Corona und hatte dafür auch ein ermunterndes Beispiel.

"Wenn man Südkorea ansieht, scheint eine Kultur, die im Alltag mehr Wert auf taktvolles Verhalten legt, in dieser Frage besser gerüstet zu sein", meinte der Soziologe im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Es wird in asiatischen Ländern auch ohne Pandemie oft eine Maske getragen, nicht um sich selbst zu schützen, sondern um andere nicht anzustecken."

Auch wir haben ja wirklich Positives zu vermelden. "Vom 1. März an dürfen Friseure und Barbiere wieder waschen, schneiden, legen", freute sich die Tageszeitung DIE WELT. "Die Sorge um Frisur als einigende Agenda der Deutschen" beschwor Manuel Brug. "Wie schön, dass sich eine immer tiefer zerrissene Nation wenigstens noch auf diesen so simplen wie einfachen Nenner bringen lässt."

Seit 27 Jahren nicht mehr beim Friseur

So simpel und einfach ist das haarige Thema aber vielleicht gar nicht, denn nicht nur DIE WELT brachte dazu einen riesigen Aufmacher im Feuilleton. "Friseure retten das Wohlgefühl", hieß es denn auch im Berliner TAGESSPIEGEL. "Sie bewahren die Menschen vor dem Zustand der gefühlten Verwilderung", befand Elisabeth Binder. "Die Strähnen, die über die Ohren wachsen, sind eben doch ein äußerliches Zeichen dafür, dass man einer Sache nicht so richtig Herr (und Dame) wird. Alle können es sehen."

Für alle, die es nicht so mit dem Friseurgang haben, gab es aber auch Trost. "Ich persönlich war seit 27 Jahren nicht mehr beim Haarformer", lasen wir in der TAZ. "Ich trage also seit 27 Jahren einen Vokuhila: Vorne kurz hinten lang", schrieb Sarah Diehl. "Das Beste an meinem Haarschnitt: kann man selbst schneiden. Ganz unkompliziert." Wie beim Zopf des Kulturpressebeschauers; der hat auch seit zwanzig Jahren keinen Friseur mehr gebraucht. Das Schneiden geht völlig unkompliziert.

"Man darf seiner eigenen Eitelkeit nicht eine Sekunde lang auf den Leim gehen", ruft uns da eine Literatin zur Ordnung. "Ich bin nachtaktiv, ich schreibe meistens nachts", sagte Katja Lange-Müller dem TAGESSPIEGEL zu ihrem 70. Geburtstag. "Ich neige nicht zu Trübsal. Die Depression als Gemütszustand liegt mir nicht. Ich bin ja ein gefestigter Charakter, mit 70 sollte man das sein."

Es geht auch schon vorher.

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