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Kulturpresseschau | Beitrag vom 07.01.2020

Aus den FeuilletonsDschungelcamp in Zeiten der Buschbrände

Von Gregor Sander

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Moderatorin Sonja Zietlow erschreckt sich vor unechten Kakerlaken. (Jens Kalaene/dpa)
Moderatorin Sonja Zietlow mit Gummi-Würmern: In Zukunft werden beim Dschungelcamp keine lebenden Tiere mehr gegessen. (Jens Kalaene/dpa)

In Australien brennt der Busch und trotzdem finden sportliche Großereignisse statt: Es wird Tennis gespielt bei den "Australien-Open", die Formel 1 trifft sich und auch das Dschungelcamp findet statt. Immerhin ohne Verzehr von lebenden Tieren.

Im Feuilleton werden noch einmal Raketen gezündet: "Gratisböller und ALKOHOLPFLICHT" an Silvester fordert Don Alphonso in der Tageszeitung DIE WELT. Natürlich meint der Kolumnist das lakonisch ironisch, und wer sich durch seine ellenlange Glosse liest, erfährt, dass es ihm eigentlich um das Auskundschaften der potentiellen Nachbarschaft für potentielle Immobilienkäufer geht. Denn man möchte ja vorher wissen, neben wem man wohnt.

Und dafür wünscht er sich das ganze Land böllernd im Vollrausch, denn: "Wie sich die ganze Gesellschaft verhält, wenn man sie wirklich von der Leine lässt, mit Sprengstoffen bewaffnet, die Polizei bewusst überfordert und alle in jedem beliebigen Zustand der Drogenüberfüllung auf die Straße lässt: Das sieht man. An Silvester."

Der Text prickelt in etwa wie ein seit Silvester offen stehender Champagner und so blättern wir rüber in die TAZ zu Lin Hierse, die hier kundtut: "Ich habe lange versucht, nichts gegen Böller zu haben, weil eine echte Chinesin natürlich nichts gegen Böller hat. Außerdem mag ich die Idee, dass das große Knallen böse Geister vertreibt, ich glaube sogar daran."

Aber eigentlich ist auch Lin Hierse diese ganze Knallerei zuwider und so lassen wir diese letzte Rakete unkommentiert am Feuilletonhimmel verglühen.

Kakerlaken zum Frühstück

Die Frage der Moral stellt sich im Trash-Fernsehen ja relativ selten. Denn die meisten Zuschauer scheinen sich darauf geeinigt zu haben, wer im Privatfernsehen mit Kakerlaken zum Frühstück gequält wird, ist selber schuld und so zum Anglotzen freigegeben.

Aber was bedeuten die schweren Buschbrände in Australien für das Dschungelcamp von RTL? Es findet statt, erklärt Joachim Huber im Berliner TAGESSPIEGEL. Allerdings "werden die Regeln verschärft – kein Lagerfeuer, nur Gaskocher, Rauchen nur an der Kochstelle, kein Verzehr von lebenden Tieren."

Dann können also die Kakerlaken schon einmal aufatmen. Für die 200 Mitarbeiter des Fernsehsenders liegen sogar Evakuierungspläne vor und so kommt Huber zu folgendem Urteil: "Das Publikum der Show interessiert sich nicht für den Dschungel, es interessiert sich für das Dschungelcamp, für mitmenschliche Unzulänglichkeiten, Schwächen, fürs Entblößen auf dem Boulevard der Eitelkeiten."

Wer diese Unterhaltung nun doch schäbig findet, den erinnert der TAGESSPIEGEL-Autor daran, dass demnächst auch Tennis bei den Australien-Open gespielt wird und in ein paar Wochen ordentlich Benzin beim Großen Preis von Australien verbrannt wird. So liest uns Huber also die Leviten:

"Derartige Unterhaltung taugt dazu, das eigene Unterhaltungsbedürfnis zu überprüfen. Und das kann wirklich hart werden. Wir amüsieren uns gerne unter Niveau, da kann es brennen, wo immer es brennt."

Was ist Glück?

Man kann im Fernsehen aber auch das Glück finden. Das behauptet zumindest Oliver Jungen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Der französische Film "Ich weiß nicht, ob es allen so geht" auf ARTE hat es dem Kritiker angetan. Dort "trifft Regisseur Vincent Delerm mehr als ein Dutzend echte Menschen, manche äußerst prominent, andere überhaupt nicht, und packt die Essenz ihrer Gespräche, die oft um Erinnerungen kreisen, um Beziehungen, Liebe oder Abschied, elegant in berückend schöne, gern verschwommene oder schwarzweiße Bilder."

Und was das Glück bedeutet, wird nebenbei auch noch geklärt:"Das Glück ist ein Lied, das nie verstummt, weil es immer weitergegeben wird", so Oliver Jungen in der FAZ. Was Daniele Muscionico unter Glück versteht, verkündet sie in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG:

"Dieses Jahr ist Schluss mit Verzicht. In den Orkus mit der reformierten Erziehung, die zu kalorienreduzierter Lebensführung mahnt."

Denn: "Das Leben will gelebt sein und laut gepriesen werden für seine Grossartigkeit. Denn es ist eine fatale Überzeugung, dass sich in der Enthaltsamkeit die Schönheit der Seele offenbare", jubiliert Muscionico und tut dies unter der Überschrift: "Morgen fällt der Speck vom Himmel."

Hoffentlich, so möchte man hinzufügen, nicht in den brennenden Dschungel.

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