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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.09.2020

Aus den FeuilletonsDie türkische Jugend will weg

Von Hans von Trotha

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Eine Person steht in einem Zimmer und schaut aus dem Fenster. (Unsplash/Serhat Beyazkaya)
Viele junge Türken sehen, dass in anderen Ländern ein freieres Leben möglich ist. (Unsplash/Serhat Beyazkaya)

"Mehr als die Hälfte der jungen Türken will ihr Heimatland für immer verlassen", schreibt der türkische Journalist Bülent Mumay in der FAZ. Im "Tagesspiegel" klingt Enttäuschung über die Rede zur Eröffnung des Berliner Literaturfestivals an.

"Erzähler ohne Geschichten" nennt Gerrit Bartels im TAGESSPIEGEL seine Kritik von Mario Vargas Llosas Eröffnungsrede beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Das klingt nach Enttäuschung über einen Autor, zu dessen Œuvre auch der Roman "Der Geschichtenerzähler" gehört. Und tatsächlich: "Auch nur einen einzigen Beleg für die Strahl- und Sprengkraft der Literatur liefert Mario Vargas Llosa nicht", meint Bartels, und: "Am Ende weiß man sicher: Literatur ist wichtig. Davon geht man auf einem Literaturfestival allerdings aus."

Erzähler ohne Geschichten

Beim Bild vom "Erzähler ohne Geschichten" könnte man allerdings auch an die Lage der Feuilletons nach einem halben Jahr Corona denken. Woher sollen sie denn gerade kommen, die großen Ereignisse, Debatten, Begegnungen, die Feuilleton ausmachen – tagaus, tagein?

So sind viele Stücke dieser Tage auch im Feuilleton Politik – wie in der WELT der ganzseitige Bericht über das Auslieferungsverfahren gegen Julien Assange, das nach langer Corona-Pause in London wieder aufgenommen wurde. Als "kafkaesk" empfindet es die Theaterregisseurin Angela Richter, dass die Verhandlungen "nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit" stattfinden, und so stellt sie ihren dramaturgisch ambitionierten Aufmacher unter das Motto: "Der Prozess".

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Oder der so traurige wie empörende Bericht zur Lage der türkischen Nation von Bülent Mumay in der FAZ. "Mehr als die Hälfte der jungen Türken will ihr Heimatland für immer verlassen", berichtet Mumay – und man kann es verstehen.

"In einem Land, in dem jeder dritte junge Bürger arbeitslos ist, das Bruttoinlandsprodukt Tag für Tag sinkt und alle Arten von Freiheit eingeschränkt werden, wollen sie nicht leben. Allen Zensurmaßnahmen und Behinderungsversuchen zum Trotz wissen sie dank der digitalen Medien, wie es sich in anderen Teilen der Welt lebt. Sie sehen, dass ein anderes Leben möglich ist, und erfahren jeden Tag aufs Neue, wie finster die Atmosphäre ist, in der sie leben. … Sie erleben, dass in einem Land, in dem Mafiabosse per Amnestie aus der Haft entlassen werden, verhaftet wird, wer einen kritischen Tweet postet."

Der Kampf Gut gegen Böse

Aus Minsk berichtet, ebenfalls in der FAZ, Felix Ackermann. Da wird das Politische durch die Instrumentalisierung von Kunst zum Gegenstand fürs Feuilleton. "Kürzlich", so Ackermann unter der Überschrift "Der asymmetrische Schostakowitsch", "marschierten wieder einmal zehntausende Einwohner von Minsk zum Museum des Großen Vaterländischen Krieges. Unterwegs wurden sie aus staatlichen Lautsprechern … mit der 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch beschallt. In der "Prawda" hatte der Komponist im März 1942 geschrieben: 'Ich widme meine siebte Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt.'"

"Heute", formulierte der Historiker Alexander Smalentschuk in einem offenen Brief, "heißt der Diktator Alexander Lukaschenka. In entscheidenden historischen Momenten eines Landes muss jeder Bürger selbst entscheiden, auf welcher Seite er steht." Die Demonstranten, meint Felix Ackermann, "eint die Überzeugung, dass es sich um einen Kampf Gut gegen Böse handelt. … Auch Schostakowitschs Leningrader Sinfonie kann man in diesem Sinn deuten: als monumentale Unterstützung im Kampf wehrloser Menschen gegen einen übermächtigen Feind."

In einer schmalen Rezension weit hinten in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG blitzt dann doch noch das Poetische auf. Hoo Nam Seelmann erzählt von einem Buch der Koreanerin Han Kang mit dem Titel "Weiß". Es erzählt "von Dingen, die um uns sind und weisse Farbe besitzen. Unscheinbar sind sie meist und bleiben oft unbemerkt. Han selber macht… darauf aufmerksam, dass es im Koreanischen zwei unterschiedliche Begriffe für 'weiss' gibt: 'hayan' und 'hin'. Das erste Wort hat die Bedeutung 'blütenweiss' im Sinne des reinen Weiss, das Unschuld und Reinheit symbolisieren kann. Das zweite bedeutet weiss mit Spuren von Zeit, Witterung oder Berührung, ein Weiss, das befleckt, durchmischt ist, mehr Schattierungen aufweist und darum eine Geschichte hat: vergilbtes Papier, verblichenes Tuch, verwittertes Weiss am Zaun oder das Weiss der Asche."

Man muss also nur genau hinsehen, dieser Tage vielleicht noch genauer als sonst. Und schon freut man sich wieder auf all die kleinen und großen Beobachtungen, Interpretationen, Kommentare, überraschenden Wendungen und Funde, die wir den Feuilletons verdanken -  tagaus, tagein.

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