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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.07.2018

Aus den FeuilletonsDie offene Türkei schrumpft

Von Adelheid Wedel

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Ankara: Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, bei seiner Vereidigung im Parlament (dpa/Picture Alliance/ Lefteris Pitarakis)
Präsident Erdogan hat mit der Einführung des neuen Präsidialsystems in der Türkei alle Macht und kann den Staat nach seinen Vorstellungen umbauen. (dpa/Picture Alliance/ Lefteris Pitarakis)

Während in der "SZ" die Überschreibung des Botanischen Gartens in Istanbul an den dortigen Mufti als Verlust eines weiteren Symbols der offenen Türkei gewertet wird, beleuchtet "Die Welt" die Hintergründe des nun beendeten Hausarrests von Liu Xia.

"Liu Xia ist frei." Das ist zweifelsfrei eine der schönsten Nachrichten dieser Tage. In der Tageszeitung DIE WELT beginnt Herbert Wiesner seinen Artikel mit diesem Satz. Er verweist darauf, dass wir die Freilassung aus ihrem Hausarrest "auch der Beharrlichkeit Angela Merkels verdanken. Wir schulden es aber auch Liu Xia selbst", setzt er fort, "die bereits im Juni 2013 in einem Brief an den Staatspräsidenten Chinas gegen ihre auch in der Volksrepublik unrechtmäßige Bestrafung protestiert hatte. Ihr einziges Verbrechen war, Liu Xiaobo zu lieben.

"Auf dieses Verbrechen ist sie stolz", erklärt der Autor. Man habe sie nur ihrer Liebe wegen bestraft, nur weil sie Liu Xiaobo in den Tagen vor dem Pekinger Massaker tröstend, ermutigend übers Haar gestrichen habe, während er im Hungerstreik war. Zu elf Jahren Haft war der Mitverfasser der Charta 08 verurteilt worden. "Seine Frau hat die Charta nie unterzeichnet. Sie ist keine Revolutionärin, ihre Revolution ist die Liebe", so Wiesner. "Der Preis dafür: acht Jahre unter polizeilicher Aufsicht und schwere Depression." Aber nun – wir erinnern an den ersten Satz - ist sie frei.

"Neue Wissenschaftsfeindlichkeit in der Türkei?"

"Ist das die neue Wissenschaftsfeindlichkeit in der Türkei?", fragt Christiane Schlötzer in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Sie schildert das Entsetzen der Biologen und Studenten in Istanbul, nachdem man ihnen mitgeteilt hat, sie müssen den Botanischen Garten der Istanbul Universität verlassen. Der Grund: "Schon 2015 wurde das Institutsgebäude in dem 15.000 Quadratmeter großen Garten der Obersten Religionsbehörde in Ankara überschrieben. Die reichte das Grundstück an den Istanbuler Mufti weiter", berichtet die Autorin. Sie zitiert die Biologen, die sagen, "es sei leichter, einen anderen Ort für den Mufti zu finden, als für die alten Bäume".

Dennoch heißt es: "Das Institut soll weg, das Gebäude, ein Bau der klassischen Moderne aus den Dreißigerjahren muss abgerissen werden. Und der Garten, seit 1935 von Experten gepflegt, soll umziehen." Die Biologen nennen ihren Garten "einen nationalen Schatz mit mehr als 3500 verschiedenen Pflanzen. Der Botanische Garten", so fasst die Autorin zusammen, "war Symbol einer offenen Türkei." Dieses Symbol soll nun verschwinden, andernorts entstehen neue symbolträchtige Orte, Museen zum Beispiel.

Wie können koloniale Objekte ausgestellt werden? 

Aus aktuellem Anlass warnt Rebekka Habermas, ebenfalls in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: "Die Museen müssen zeigen, wie viel Europa den Kulturen Afrikas, Asiens und Ozeaniens verdankt." Sie geht auf derzeitige Diskussionen ein, "über die Frage, wie koloniale Objekte ausgestellt werden sollen, wo und ob überhaupt. Meist kreisen diese Debatten um Fragen der Restitution, welche häufig mit Verweis auf die moralische Schuld kolonialer Verstrickung mit Nachdruck gefordert wird."

Habermas meint, diese Debatte, reduziert auf die Frage der Rückgabe, greife zu kurz und verspiele die Chance, "erstmals über die eigene Kolonialgeschichte nachzudenken." Ihre Empfehlung: Die Diskussion dafür könnte genutzt werden, "um mit den Nachkommen der ursprünglichen Besitzer kolonialer Objekte ins Gespräch zu kommen." In ihrem Artikel in der SZ entwickelt die Historikerin weitere Vorschläge für "eine überfällige Korrektur am europäischen Selbstverständnis."

Tapes als Vorform von WhatsApp-Nachrichten

In der Tageszeitung TAZ stellt uns Canset Icpinar das Virtuelle Migrationsmuseum vor, das seit Juli im Netz abrufbar die Geschichte der Einwanderung in Deutschland von 1945 bis in die Gegenwart dokumentiert. Wir erfahren: "Die Macher*innen bemühen sich seit vielen Jahren um die Eröffnung eines physischen Museums in Köln."

Das Bewahren von Geschichte und Geschichten ist die Aufgabe des Virtuellen Museums, denn "Jahrzehnte vor WhatsApp haben sich Menschen Sprachnachrichten geschickt. Gastarbeiter*innen und ihre Angehörigen haben neben Briefen und den teuren, daher seltenen Telefonaten Hörbriefe und Kassetten füreinander aufgenommen. Es sind Stücke der Sehnsucht nach geliebten Menschen, die man nur alle paar Jahre im Sommerurlaub in die Arme nehmen konnte."

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