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Kulturpresseschau | Beitrag vom 23.06.2019

Aus den FeuilletonsDie Ökobilanz des modernen Gefühlslebens

Von Arno Orzessek

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Ein Paar Hand in Hand. (imago / Westend61)
In der einen Stadt wohnen, in der anderen lieben: Für die Ökobilanz ist dieses Modell nicht wirklich günstig. (imago / Westend61)

In der modernen Pendlergesellschaft hat die Liebe nicht die beste Ökobilanz, findet die "Welt" und schreibt: "Man kann in Frankfurt leben, in Berlin lieben und Kinder aus früheren Beziehungen zwischendurch in Hannover besuchen."

Zunächst ein bisschen Klatsch - alte und neue Fernseh-Prominenz betreffend. Der Berliner TAGESSPIEGEL berichtet, was der ehemalige Late-Night-Moderator Harald Schmidt der STUTTGARTER ZEITUNG über Jan Böhmermann gesagt hat:

"Ich wusste schon früh, dass es Böhmermann als Moderator nie schaffen würde. Aber dass er es als Krawallschachtel sehr weit bringen würde, wusste ich auch."

Harald Schmidt über Jan Böhmermann, dessen Fans laut TAGESSPIEGEL in den sozialen Medien sogleich zurückschlugen und Schmidt niedermachten. Unter anderem so:

"Tief gesunken von Sat1 übers ‚Traumschiff‘ und den ‚Tatort‘ gibt er nun unbestelltes Nerviges zum Besten."

"Die Liebe ist uns nicht grün"

Das dazu. Und jetzt zur Feuilleton-Sommerserie der Tageszeitung DIE WELT. Sie heißt: "Das grüne Tribunal".

In der ersten Folge beleuchtete Richard Kämmerlings unter der betrüblichen Überschrift "Die Liebe ist uns nicht grün" die Ökobilanz des modernen Gefühlslebens.

"Bei genauerer Betrachtung sind die heutigen, als Befreiung erlebten Lebensformen und Beziehungskonstellationen, wenn man sie einmal rein unter dem Ressourcenaspekt untersucht, unverantwortlich. Serielle Monogamie oder traditionelles Seitensprungmodell sind nicht zuletzt leicht möglich durch sehr gute Fortbewegungsmittel und Verkehrsverbindungen. Man kann in Frankfurt leben und zugleich in Berlin lieben und Kinder aus früheren Beziehungen zwischendurch in Hannover besuchen."

Erkenntnisse von Richard Kämmerlings – ein wenig banal, aber deshalb nicht falsch. Letzteres gilt auch für seine Conclusio.

"Die spießige Wahrheit ist, dass Monogamie und Treue, Konstanz der Biografie mit entsprechender räumlicher Kontinuität eindeutig nachhaltiger und ökologischer sind als der noch so aufregende Zyklus aus Abwechslung, Bruch, Neuanfang, aus Willkommen und Abschied in Dauerschleife, der uns als zeitgemäßes Ideal vorgeführt wird. Kommt also bald die Ökologie unserer Gefühle?"

Eine gute Frage in Zeiten des physikalischen und gesellschaftlichen Klimawandels – gestellt von Richard Kämmerlings.

Supermarkt-Touren auf YouTube

Ob aus ökologischen Gründen oder nicht: Auf YouTube haben gerade Supermarkt-Touren Konjunktur; einige wurden hundertausendfach angesehen. Das berichtet die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG unter dem Titel "Nichts kaufen, nur zuschauen". Adrian Lobe ist vor allem eins: restlos perplex.

"Wenn man nach Feierabend seine eigene Einkaufsliste abgearbeitet hat, warum schaut man sich das Ganze dann noch einmal auf YouTube in der Wiederholung an? Vielleicht, weil es das entspanntere Erlebnis bietet? Ist es ein Ennui, der hier kultiviert wird? Oder ist es einfach Labsal für erlebnishungrige Online-Junkies, die sich einfach alles anschauen, was im Netz zu finden ist? Sind die Einkaufsvideos der Versuch, über das Medium des Internets eine Institution zu konservieren, die durch genau dieses Medium gerade auf massivste Weise herausgefordert wird – Stichwort Online-Handel?"

Am Ende traut sich der NZZ-Autor Adrian Lobe immerhin eine kulturkritische Mutmaßung zu.

"Vielleicht sind die Supermarkttouren auf YouTube die endgültige Banalisierung des Einkaufserlebnisses, der Fall-out einer digitalen Gesellschaft, die jede noch so banale Aktivität mit der Handykamera dokumentiert."

Rammstein rockt das Berliner Olympiastadion

Und nun: "Porno, Pyro und viel Piff-Paff". Unter diesem Titel bespricht Jens Uthoff in der TAGESZEITUNG das Rammstein-Konzert im Berliner Olympiastadion.

"Faszinierend, zumindest als Gesamtkunstwerk, bleiben Rammstein auch im Jahr 2019. Collageartig deklinieren sie mal so gut wie alle deutschen Kulturtraditionen, inklusive der übelsten, durch: Wagner, Romantik, Schlager, Ballermann, Eurotrash, Marschmusik, Krautrock. In diesem Sinne sind sie eben die Megastars, die dieses Land verdient. Und überdies eine infantile, aber gute Zirkusnummer, genitale Dilettanten."

Ja, richtig gehört! In der uns vorliegenden Fassung schreibt die TAZ nicht ‚geniale Dilettanten‘, sondern ‚genitale Dilettanten‘. Aber vielleicht handelt es sich bloß um einen Schreibfehler – und es steckt ansonsten, um es mit einer weiteren TAZ-Überschrift zu sagen: "Nüscht dahinter, weeßte".

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