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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 01.02.2018

Aus den FeuilletonsDie Nymphe als degradierte Femme Fatale

Von Gregor Sander

Das Gemälde "Hylas und die Nymphen" (1896) des britischen Malers John William Waterhouse. Das Ölgemälde zeigt eine Szene aus der antiken Mythologie, in der ein junger Mann von mehreren nackten Nymphen in einen Teich in den Tod gelockt wird.  (imago)
Das Gemälde "Hylas und die Nymphen" (1896) des britischen Malers John William Waterhouse (imago)

Sexismus-Debatte um jeden Preis? Das Abhängen eines Gemäldes des viktorianischen Malers John William Waterhouse beschäftigt die Feuilletons in "SZ" und "FAZ". Die "Welt" hingegen mutmaßt, dass man im Discounter bald Immobilien shoppen kann.

"Mit Passagen wie dem Berliner Quartier 206 verschwindet auch die großstädtische Figur des Flaneurs",

bedauert Peter Richter in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Der Berliner Einkaufstempel für Besserverdienende steht zum Verkauf und Richter verdrückt ein paar Tränen:

Die Berliner Friedrichstadt-Passagen und ganz besonders das Quartier 206 wollten immer so viel mehr sein: besser, feiner, luxuriöser. Eine Wiederbelebung des Mythos Friedrichstraße, die allerdings auch früher weniger für Luxus berühmt war als vielmehr für Amüsement; vielleicht war das schon ein Geburtsfehler. Jedenfalls: Jetzt sieht es da unten aus wie in einer verfallenden Mall irgendwo bei Detroit."

Natürlich zitiert der SZ-Autor dann auch noch Siegfried Kracauer und Walter Benjamin und beklagt die Ödnis heutiger Einkaufszentren, in denen er Folgendes vermisst:

"Eine Champagner-Bar, um auf das Potenzial von ambitionierter Architektur für den wirtschaftlichen Erfolg von Passagen anzustoßen: Die braucht man sehr offensichtlich leider nicht."

Vom Tod der Einkaufspassage und der Geburt des Discounter-Hauses

Vermutlich vermissen viele Großstädter tatsächlich keine Champagnerbar, sondern bezahlbaren Wohnraum.

"Wer jetzt kein Haus hat, dem baut Aldi eins",

dichtet die Tageszeitung DIE WELT, und während man noch denkt, ob das nun gut oder schlecht ist, antwortet Dankwart Guratzsch:

"Wenn die Fotos nichts Falsches versprechen, ist außer an Wohnungen in den Obergeschossen auch an eine durchgängige Ladenzone im Parterre gedacht. Sollte es gelingen, dort nicht nur Fachmärkte, sondern auch den berühmten Zigarrenladen, den Friseur und die Berliner Kneipe unterzubringen, könnte so etwas wie eine Mischnutzung entstehen – bekanntlich eine Lieblingsvorstellung aufgeklärter Planer."

Allerdings gibt Guratzsch zu bedenken, dass ALDI mit seinen geplanten Riesenmärkten von 1400 Quadratmetern natürlich Hintergedanken hat.

"'Je mehr Wohnungen, desto mehr Kundschaft'. Das ist des Pudels Kern. Es geht nicht um Wohnungen mit angehängtem Lebensmittelmarkt, sondern um neue Läden mit drangehängter Stadt."

Das Fatale der Femme fatale

Keine Hintergedanken hatte laut der SZ Clare Gannaway, Kuratorin der Manchester Art Gallery, beim Abhängen des Gemälde "Hylas und die Nymphen", des britischen Malers John William Waterhouse.

"Die 'vorläufige' Entfernung des Gemäldes soll "eine Debatte auslösen, nicht Zensur sein'. Es gehe nicht darum, 'die Existenz bestimmter Kunstwerke zu leugnen', so Gannaway. Vielmehr sei der Präsentationszusammenhang, in dem männliche Künstler weibliche Körper als passiv-dekorativ oder als Femme fatale zeigten, überholt."

Jürgen Kaube von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG widerspricht:

"Ein Bild abzuhängen, um ein Gespräch über seine Motive anzustoßen, ist widersinnig. Erkennbar wird hier als Diskussionsanstoß verbrämt, was in Wahrheit der Versuch ist, die von solchen "Kuratoren" erwünschten Ergebnisse einer solchen Diskussion vorwegzunehmen: dass nämlich so nicht hätte gemalt werden sollen, wie Waterhouse malte."

Rätselraten herrscht bei der BERLINER ZEITUNG um den ARD-Fernsehfilm: "Die vermisste Frau". Über ein Jahr wartete der auf seine Ausstrahlung, was Frank Junghänel so erklärt:

"Für den Mittwoch nicht relevant genug, für den Donnerstag nicht reihenkonform, für den Sonnabend fehlt es an Kommissaren und der Sonntag ist durch den 'Tatort' blockiert. Bleibt noch der heitere Familienfreitag, wo das Stück auch nicht hinpasst – aber jetzt gelandet ist."

Eine hanebüchene Räuberpistole mit Starbesetzung

Für die TAZ ist der Film mit Corinna Harfouch, Ulrich Matthes und Jörg Hartmann:

"Krude, bescheuert, wunderbar"

Und das erklärt Jens Müller so:

"Die Story ist eine hanebüchene Räuberpistole. So muss es auch sein, denn so allein können die drei engagierten Großschauspieler so hemmungslos dick auftragend groß aufspielen."

Aus etwas völlig Bescheuertem kann also doch noch etwas Gutes entstehen oder wie es der Rapper Eminem im SZ-Interview sagt:

"Jeder sollte mindestens einen Anti-Trump-Song machen. Nicht nur Amerikaner, einfach jeder Künstler auf der ganzen Welt sollte gegen Trump singen!"

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