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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 05.02.2019

Aus den FeuilletonsDie Grenzen der künstlichen Intelligenz

Von Arno Orzessek

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Roboterhände auf einer Klaviertastatur. (imago stock&people)
Roboterhände auf einer Klaviertastatur. Ein Programm der chinesischen Firma Huawei hat Schuberts "Unvollendete" fertig geschrieben. (imago stock&people)

Darüber wie Künstliche Intelligenz Menschen die Arbeit abnimmt und wie gut oder schlecht sie darin ist, geht es in der "Welt" und in der FAZ": Hier wurde Schuberts "Unvollendete" zu Ende komponiert, da schrieb ein Bot Geschichten im "Relotius-Stil."

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG preist per Überschrift "Eine Ausstellung gegen die Winterdepression" an. Für die sich alle interessieren dürften, denen es so ergeht wie uns. Denn, bitte schön, in Neukölln, wo wir leben, währte der vergangene Sommer sechs Monate, und wir haben aus der lichten Luft Energien ohne Ende gesogen. Nur leider scheint nun eine ähnlich lange Periode nachtgrauer Tage zu folgen - und damit hat unser Seelchen zu kämpfen.

Eine Ausstellung gegen den Winterblues

Aber zur Sache selbst. Die Londoner Ausstellung gegen die Winterdepression, wahlweise offenbar auch gegen den Brexit-Blues, stellt den englischen Künstler, Kunsthistoriker, Sozialpolitiker, Philanthropen undundund John Ruskin vor - und Cathrin Kahlweit ist begeistert. "Alle Literatur, Kunst und Wissenschaft seien 'nutzlos', schrieb Ruskin, 'wenn sie nicht vermögen, dich fröhlich zu stimmen'. Und: 'Alle große Kunst ist Lobpreisung'.

Tatsächlich, Zeichnungen von Tieren und Pflanzen, Details venezianischer Paläste und Ausschnitte aus Landschaftsbildern, große Meister, die ihm gefielen, Werke von Turner, den er glühend verehrte - gerade die erratische Mischung dessen, was Ruskin glücklich machte, macht aus einem Besuch der Ausstellung 'Kunst des Sehens' zwei Stunden Schwelgen und Vergessen." Richtig hingerissen - die SZ-Autorin Cathrin Kahlweit.

Computerprogramm vollendet Schuberts "Unvollendete"

Wir bleiben gedanklich in London. Vor Winterdepressionen gefeit ist allemal die Künstliche Intelligenz. Und eine solche - es gibt sie ja in der Mehrzahl - hat im Auftrag des chinesischen Technologie-Giganten Huawei unter Anleitung des US-amerikanischen Komponisten Lucas Cantor die "Unvollendete" von Franz Schubert, also dessen Sinfonie in h-moll, künstlich vollendet. Manuel Brug, der die Uraufführung des Mensch-Maschine-Gemeinschaftswerks in der Londoner Cadogan Hall miterlebt hat, urteilt in der Tageszeitung DIE WELT überaus nüchtern:

"Künstliche Intelligenz kann (noch) nicht orchestrieren, in musikalischen Bögen und sinfonischer, durch Harmonie, Rhythmus, Dynamik, Klangfarbe betriebener Themenverarbeitung denken. Bis jetzt spart sie höchstens Zeit, so wie auch ein Notenschreibprogramm. Und selbst, wenn sie sich mal kompositorisch perfektionieren wird: Sie hat keine Emotion und keinen Ehrgeiz. Sie will erfüllen, nicht anders machen, Grenzen sprengen. So wie der Mensch. Irgendwie tröstlich. Danke, Huawei!"

Tatsächlich ist der WELT-Autor Brug zutiefst erleichtert. Es sei den Chinesen vorläufig nicht gelungen, in das "Hochkulturherz des Abendlandes vorzudringen und dessen altersmürbe Vergangenheit für ihre dynamische Zukunft restezuverwerten".

Ein Bot macht Vorschläge für Reportagen

Von Huawei zu Amazon Alexa. Dort arbeitet Marie Kilg als sogenannter Content Program Manager. Unter der Überschrift "Was Relotius uns noch zu sagen hätte" führt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG ein Interview mit der 26jährigen. Denn die ausgebildete Journalistin hat den Bot @robotius geschrieben, ein autonom agierendes Programm, das "im Stil des preisgekrönten Hochstaplers Vorschläge für Reportagen macht", wie die FAZ erklärt. Zu den Textbausteinen, die ihr @robotius-Bot vorab quasi zu fressen bekommen hat, bemerkt Kilg:

"Wenn man ein paar Redaktionskonferenzen erlebt hat, kennt man die Sätze, die da fallen: über neue Drehs, die es braucht, über ungewöhnliche Protagonisten, die eine Geschichte erst interessant machen. Man schreibt nicht nur über einen englischen Bauern, sondern über einen englischen Bauern, der einen Mannschaftsbus als Blumenvase missbraucht hat – um eine Idee von @robotius zu zitieren. Daran ist ja erst mal nichts Schlechtes. Menschen lesen eben gerne besondere Geschichten. Aber wie der Bot zeigt, kann auch Ungewöhnliches gewöhnlich werden."

Offenbar recht gut gelungen: Der relotiusartig herumphantasierende @Robotius-Bot, von dem Marie Kilg in der FAZ erzählt.

Übrigens: Falls Sie sich lieber selbst optimieren, statt Bots in die Welt zu setzen, sei Ihnen der Artikel "Werde immer besser!" in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG empfohlen. Was uns noch zu sagen bleibt, steht in einer Überschrift des Berliner TAGESSPIEGEL. Sie lautet:

"Die Messe ist gelesen."

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