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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.11.2020

Aus den FeuilletonsDie deutsche Seele und das letzte Fünkchen Spaß

Von Ulrike Timm

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Ein Silvester-Böller fliegt an einem Balkon vorbei. (imago images / Cavan Images)
Noch ist nicht entschieden, ob Silvester in Deutschland geböllert werden darf. Die Debatte darüber wird vermutlich lang und emotional. (imago images / Cavan Images)

Die Niederlande haben die Silvesterknallerei für dieses Jahr schon abgesagt, in Deutschland wird darüber nun coronabedingt debattiert. Der "taz" fällt dazu nur noch müde Ironie ein: Ein Verbot wäre natürlich schlimm für die "geplagte deutsche Seele".

"Kultur betet", lesen wir in der FAZ. Was ist passiert? Konzerte sind verboten, aber Gottesdienste sind erlaubt. Also dachte der Sänger Thomas E. Bauer scharf nach. "Wenn man das öffentliche Singen als Gebet verstehen würde, wäre es also erlaubt", schlussfolgerten der Sänger und die FAZ.

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Flugs holte der Bariton den Augsburger Domkapellmeister und den Augsburger Bischof ins Boot, und Freitagabend um sechs geht es los: Dann werden "etwa 45 Sänger im Schichtbetrieb ununterbrochen 24 Stunden lang singen – und zwar Messen von Giovanni Pierluigi da Palestrina, der einer Legende nach durch seine Kunst beim Tridenter Konzil 1563 das totale Verbot der Kirchenmusik verhindert haben soll. 'Man singt so etwa eine bis anderthalb Stunden, schläft dann sechs Stunden, singt dann noch mal. Es gibt einen harten Kern von Sängern, die alle drei bis vier Stunden singen', erzählt der Initiator. Der Bischof selbst wird das Ganze geistlich begleiten; auf idagio.com kann man alles kostenlos per Livestream verfolgen."

Geld für Kultur-Soloselbständige

Vielleicht schaltet ja auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein. Die spricht, ebenfalls in der FAZ, von ihren derzeitigen kulturellen Entzugserscheinungen, vor allem aber über Geld, das nun endlich auch Kultur-Soloselbständigen weiterhelfen soll. In der FAZ schlussfolgert Jan Brachmann über die Augsburger Marathonsingaktion:

"In einer Zeit, da viele Kirchen zu Kulturhäusern umgewidmet werden, wandelt sich hier die zum Kulturgut gewordene geistliche Musik wieder zurück zum Gebet und flieht vor der jäh gefürchteten Nähe zum Bordell in die Kirche."

Silvester ohne Knallerei

Derweil haben die Niederländer die Silvesterknallerei schon mal abgesagt. In Deutschland positionieren sich nun manche böllerkrachstark – Silvesterknallerei verbieten hieße so was wie, der geplagten deutschen Seele noch den letzten Funken Freude zu entziehen.

In der taz fällt Erica Zingher, eigentlich ist sie erklärter Böllerfreak, dazu nur noch müde Ironie ein: "Es muss schon schlimm sein, so eine geplagte deutsche Seele zu sein. Es bleibt einem halt auch wenig: Den SUV soll man nicht mehr fahren, über antisemitische und rassistische Witze darf man nicht mehr lachen, die Klimakrise muss man sich von einem Kind erklären lassen, vor Mund und Nase muss man sich einen Lappen hängen und jetzt werden einem also noch die Böller, das letzte Fünkchen Spaß in diesem Jahr, genommen. Seufz."

Wie der Krach ums Böllern nun tatsächlich ausgeht, darüber wird noch geknobelt.

Debatte über Schulen und Corona

"Wo ist die Kreativität?", fragt die taz und ärgert sich, wie die Debatte über Schulen in der Coronapandemie geführt wird.

"Es beginnt bei der Behauptung, halbierte Gruppen bedeuteten, man brauche doppelt so viel Personal und Räume oder müsse eine Hälfte nach Hause in den Online-Unterricht schicken. Wie wäre es mit halb so viel Unterricht? Viele Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern sagen nach den Erfahrungen vor den Sommerferien, in kleineren Gruppen sei in kürzerer Zeit mehr hängen geblieben als in Massenveranstaltungen von 8 bis 16 Uhr. Und wären jetzt nicht andere Kompetenzen gefragt als binomische Formeln und Konjugation? Warum gehen Schulklassen nicht in den Wald, auch um sich abzulenken von Ängsten und Unsicherheit? Oder ins Museum?"

Hier müssen wir die taz-Kollegin Eiken Bruhn mal kurz unterbrechen, die Museen haben nämlich zu, aber, nichts für ungut, Wälder bleiben natürlich vorerst geöffnet.

Der "Tatort" als Comic

Was Schönes zum Schluss? "Nasenverknubblung": Ein Comic verlegt den ARD-"Tatort" zum 50. Jubeljahr nach Entenhausen, der Fall ist "etwas überladen", um im TV-Kritiker-Jargon zu sprechen, aber alle Kommissare sind eben auch gleichzeitig an Bord. Zeichnerisch sind sie gut getroffen, findet die SZ. Vielversprechende Geschichten gibt’s auch, zum Beispiel "Die wippschwänzige Wirrschopf-Schnepfe". StotterStaunSeufz …

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