Aus den Feuilletons

    Dichter trifft Superman

    04:19 Minuten
    Eine bemalte Hauswand mit Comicfiguren: Speedy Conzales, Bugs Bunny, Superman
    Superman kann fliegen und wohl auch beflügeln: Nabokovs Poesie zum Superman-Titelbild falle recht freizügig aus, schreibt die "FAZ". © imageBROKER / imago images / Daniel Schoenen
    Von Ulrike Timm · 08.03.2021
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    Vladimir Nabokov war einer der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Jetzt sei der Nachweis gelungen, dass der Dichter von einem Titelbild eines Superman-Comics zu einem Gedicht inspiriert worden sei, freut sich die "FAZ".
    Lauter Fremdgeher heute. Der Schriftsteller Haruki Murakami hat eine T-Shirt-Kollektion entworfen, der Fernsehmoderator Reinhold Beckmann geht unter die Sänger und Vladimir Nabokov ging vor 80 Jahren unter die Comic-Fans.
    Letzteres vermeldet der oberste Comicverehrer des Feuilletons, Andreas Platthaus, in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, und man hört innerlich sein fast quietschendes Verzücken darüber.

    Nabokov und Superman

    Dem russischen Literaturhistoriker Babikov sei der Nachweis gelungen, das ein mehrstrophiges Gedicht Nabokovs direkt als Fortschreibung eines Titelbilds der Comicreihe Superman konzipiert sei. Recht freizügige Poesie übrigens, "Die Unmöglichkeit, körperlich zu lieben" vergälle Superman "alle Freude über die Bekämpfung des Bösen in der Welt".
    Zu viel für die Zeitschrift "New Yorker", sie lehnte den Druck ab. 1942 war das. Als Nabokov 1955 dann mit "Lolita" so richtig loslegte, gab das immer noch einen Skandal, "der aber so viel Geld einbrachte, dass die Nabokovs die prüden Vereinigten Staaten verlassen und nach Europa zurückkehren konnten. Das Gedicht immerhin blieb dort."

    Reinhold Beckmann singt

    Ebenfalls aus der FAZ erfahren wir, dass der Fernsehmoderator Reinhold Beckmann unter die Sänger gegangen ist und ein Album aufgenommen hat, pünktlich zum 65. Geburtstag, dem halbrunden mit angeheftetem Rentenbescheid. Das bleibt gegen Supermans traurige Sexprobleme trotz eines langen Interviews irgendwie lahm, auch wenn Udo Lindenberg seinem alten Freund Beckmann jovial "deepe Texte" attestiert.

    T-Shirts à la Murakami

    Und die T-Shirts, designed von Murakami? "Nimm das, Literaturkritik" ruft die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, und fragt: "Würde man die acht T-Shirts auf irgendeine Art bedeutungsvoll finden auch dann, wenn einem die PR zuvor nicht den gewichtigen Namen eingeflüstert hätte, der dahintersteckt? Ehrliche Antwort: Nein."
    Was Tanja Rest nicht daran hindert, eine gute halbe Seite mit einer T-Shirt-Rezension zu füllen. Shirts aus ökologischer Baumwolle übrigens, nichts zu beanstanden an der Achtsamkeitsfront. Hübsche Zeichnungen auf dem Stoff, die Slogans drauf angemessen "welt- und altersverrätselt".
    "Ich gebrauche zwei Schreibstile", hat Murakami einmal gesagt, "einen realistischen für die Oberwelt, einen metaphorischen für die Unterwelt", und wer mag, kann jetzt beide tragen.
    Ob die Kollektion für den Schriftsteller, der seit 20 Jahren für den Nobelpreis gehandelt wird, ohne ihn zu kriegen, die Erfolgschancen erhöht, lässt die SZ höflich offen.

    Übersetzer gesucht

    Ganzseitig gar fragt die SZ "Wer spricht?" – und bezieht sich auf die aufgeregte Debatte darum, wer die junge afroamerikanische Dichterin Amanda Gorman denn nun übersetzen darf und wer nicht. Dabei rufen ihre kraftvollen Texte nach wortmächtiger Übertragungskunst statt nach kullererbsenzählerischem Streit um Identität und Hautfarbe.
    Frotzelig antwortet etwa Pieke Biermann: "Je m’accuse: Ich bin nicht schwarz, eher alt, eventuell nicht ganz so non-binär und nicht so jüdisch wie Fran Ross". Deren Roman "Oreo" hat sie durch eine geniale Übersetzung in Deutschland erst bekannt gemacht. Wie gelang das?
    "Weil Verstehen, so wie Lieben übrigens, über Anverwandlungen läuft, bei denen man sich immer selbst auf's Spiel setzt. Aber niemand muss tot sein, um eine Leiche zu spielen. Und nichts tut einem Autor, allerlei Geschlechts, mehr Unrecht als schlecht übersetzt zu werden."

    Waldbaden ist das neue Spazierengehen

    Wenn Sie sich über Scheindebatten ärgern – "Baden Sie mal wieder im Wald!" Denn auch einfaches genussvolles Spazierengehen haben wir anscheinend verlernt, meint die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. Stattdessen eben Waldbaden, möglichst unter Anleitung und im Rudel. Und am Ende werden alle Waldbadenden unter dem rauschenden Applaus der Bäume von den Wildnis-Experten wieder eingesammelt.
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