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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.12.2020

Aus den FeuilletonsDer Traum vom Platz

Von Ulrike Timm

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Geräumiges Wohnzimmer mit Fenstern. (picture alliance / Bildagentur-online / Blend Images / BUILT Images)
Momentan findet so gut wie alles zuhause statt: Arbeiten, Lernen, Work-out und Schlafen. Mehr Platz wäre da ganz schön. (picture alliance / Bildagentur-online / Blend Images / BUILT Images)

Wohnräume, die so groß sind, dass man darin Rollschuh fahren kann, sind gerade jetzt eine verlockende Vorstellung. Die FAZ beschäftigt sich mit traumhaften Orten, in denen man die „Corona-Quarantäne geschmeidig aussitzen“ kann.

"Wer Platz im Überfluss hat, mag die gefühlte Verbannung in die eigenen vier Wände lediglich als ärgerlich empfinden, während sie für all jene, denen die Decke auf den Kopf zu fallen droht und die sich im Falle einer Covid-19-Infektion nicht isolieren können, eine Katastrophe ist." Die FAZ schaut aufs Wohnen, das für die meisten Menschen anders aussieht als in einer Hochglanzzeitschrift, in der Melanie Mühl staunend geblättert hat:

"In vielen der abgebildeten Räume könnte man ohne Weiteres eine Runde Rollschuh laufen, meterhohe Weihnachtstannen aufstellen und eine Corona-Quarantäne geschmeidig aussitzen. In der aktuellen Ausgabe öffnet zum Beispiel eine Familie aus Düsseldorf ihre zahlreichen Türen. Sie ließ ein Mehrfamilienhaus in ein sehr schickes Einfamilienhaus mit 360 Quadratmetern Wohnfläche umbauen."

Weniger kuschelige Gemütlichkeit

Tja, wenn man das eigene Heim auch nur mit einem Bruchteil der angepriesenen Einrichtungsgegenstände großfantasieren und vollstellen würde, würde man sich wohl an jeder Ecke stoßen – weshalb für Christine Hannemann, Inhaberin der deutschlandweit einzigen Professur für Architektur- und Wohnsoziologie, das ideale, praktische Wohnhaus ganz anders aussieht: "Ein gelungenes Durcheinanderwohnen von Menschen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten."

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Das mit dem gelungenen Durcheinanderwohnen ist in Pandemiezeiten so eine Sache, aber der ganze Entwurf ist trotzdem lebensnäher als die stylische Rollschuhbahn-Wohnzimmersaal-Konstruktion. Für später aber, wenn wir uns nicht mehr verschanzen müssen, meint die FAZ: "In Zukunft täte weniger Hygge ganz gut."

Oper für alle

"Der Aufstand ist nah. Zu nah." Denn wenn die Oper Zürich auf der Bühne Verdis "Simon Boccanegra" probt, darf sich das aufgewühlte Volk natürlich nur coronakonform knubbeln. Die NZZ berichtet von den Proben, denen eine Premiere auf Arte folgen soll, am zweiten Advent um 17 Uhr – Oper für alle:

"Dass man in Zürich nun nicht mehr nur für den Tag X probt und bei der Premiere sogar mit mehreren Tausend Zuschauern via Fernsehen rechnen darf, ist ein kaum zu überschätzender psychologischer Faktor. Er verleiht den standhaften Bemühungen um einen kleinen Rest an Live-Kultur schlagartig einen Sinn – und eine spürbare Dynamik."

Zum Tod von Jutta Lampe

Nachrufe auf eine große Theaterschauspielerin, die fast nie in Film und Fernsehen zu sehen war, füllen ganzseitig die Feuilletons. Jutta Lampe ist gestorben. Sie gehörte zum legendären Ensemble der Berliner Schaubühne in den 1970er-Jahren.

Wunderschöne Fotos eines wunderbaren Theaters aus längst vergangener Zeit zieren die Seiten von WELT, SZ, FAZ und TAGESSPIEGEL und stimmen nostalgisch. In der FAZ holt Gerhard Stadelmaier aus zu typisch stadelmaierschen Sätzen, wenn er den Ton von Jutta Lampe feiert:

"Jede Hebung eines Vokals, jede Senkung vor einem Punkt, jedes Schweben eines Kommas – worüber junge Gegenwartsschauspielerinnen schreiend, rasend und hohnplappernd wegjökeln und – poltern, das wurde bei Jutta Lampe zu einem Nuancenwunder. An Sprachmusik."

"Heute bin ich die Freiheit"

Die WELT hält es knapper: "Ihre Lachglocke war ansteckend." Die SZ noch knapper, sie titelt schlicht "Ach!" und denkt dabei an den großen Kleist wie an die große Jutta Lampe.

Weniger pathetisch, liebevoller beschreibt Peter von Becker im TAGESSPIEGEL seine Theatererlebnisse mit Jutta Lampe, die in den letzten Jahren an Demenz litt und niemanden mehr zuverlässig erkannte, aber immer noch große, vieldeutige, schaurig-schöne Sätze im Munde führte: "Früher war ich eine Schauspielerin. Heute bin ich die Freiheit."

Die Pressebeschauerin hat schnell mal auf die Homepage der Schaubühne geguckt, und wirklich: Wenn Sie mögen, können Sie am 4. Dezember ab 18.00 Uhr vorbeischauen und erleben, ob und wie diese ganz große Künstlerin aus einer vergangenen Theaterzeit Sie noch berührt und erreicht. Dann wird unter anderem Tschechows "Kirschgarten" gestreamt, in dem Jutta Lampe mitwirkte. Schöne Würdigung!

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