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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.04.2021

Aus den FeuilletonsDer Talkmaster als Grillzange

Von Paul Stänner

Moderator Markus Lanz sitzt neben einem Tisch mit einer Wasserflasche. (imago / Stephan Wallocha)
Markus Lanz sei gut im Politiker-Grillen, schreibt die "SZ". (imago / Stephan Wallocha)

Die "Süddeutsche Zeitung" adelt "Markus Lanz" als interessanteste politische Talkshow im deutschen Fernsehen - und bezeichnet den Moderator als Grillzange. Das ist ein Kompliment.

Meine Damen und Herren: Es wird wärmer. Die Menschen gehen häufiger spazieren und bereiten ihre Mahlzeiten im Freien zu. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hat dem Werkzeug der Saison einen langen Artikel gewidmet. "Deutschlands schönste Grillzange" lautet die Überschrift. Sie haben es gleich erraten: Es geht nicht um Würstchen, sondern um Wahlen und - Markus Lanz.

"Es ist nicht ganz klar, wann exakt sich die Sendung des lange unbeliebten, ja verhassten Markus Lanz" - schreibt Micky Beisenherz, selbst Talkmaster für ARD und RTL - "zur oft interessantesten politischen Talkshow im deutschen Fernsehen entwickelt hat." Das mussten erst am vergangenen Donnerstag ein weitschweifig rhabarberndes CSU-Altgestein und eine jüngere CDU-Abgeordnete erleiden, die bemüht war, sich als glatter Kiesel zu profilieren.

Markus Lanz hat sie beide in die Zange genommen und beide reagierten für uns als Zuschauer erkennbar angefasst. Das ist der Stil des Moderators – Zitat Beisenherz: "Diese Sendung ist nicht mehr nur der Seismograf, sondern oft das Beben."

Die Piefigkeit der alten Bundesrepublik

In der WELT bittet Tilman Krause um "Erbarmen mit den Hohenzollern". Krause prüft die Sehnsucht der Deutschen nach den diverseren Wilhelms. Er legt dar, dass in den braunen 30er-Jahren sowohl beim politischen Widerstand als auch bei den alten Monarchisten der damalige Kronprinz Wilhelm eine vielversprechende Rolle einnahm.

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Krause schreibt: "Die Zeitgenossen erinnerten sich natürlich auch noch an die Zeit vor 1914, die ja gerade mal so lange zurücklag wie heute die Zeit vor der Wiedervereinigung, und das war eine gute Zeit gewesen!" Für uns blitzt im nostalgischen Vergleich der schönen Zeiten vor den Umbrüchen 1914 und '89 ein partisanenartiger Doppelsinn auf.

Dann sein Fazit: "Aus der Gefühlsgeschichte der Deutschen, aus der Geschichte ihrer Hoffnungen und Wünsche, ihrer Sehnsüchte und Bewunderungen sind die Hohenzollern nicht wegzudenken." Dass diese Geschichte weitgehend aus unserem Bewusstsein verschwunden sei, habe viel – und jetzt kommt es: "mit der Piefigkeit der Bundesrepublik zu tun."

Grenzenlos liberal

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG möchte der Politikwissenschaftler Volker M. Heins den Konservativen und den "sogenannten Liberalen" den Freiheitsbegriff wegnehmen. Er verweist darauf, dass die Freiheit zu gehen, wohin man möchte, in der Tradition der Aufklärung konzipiert wurde. So viel zum großen Begriff. Doch dann erscheinen die kleinen Realitäten.

"Ich bin nicht dagegen," sagt Heins, "dass es territoriale Staaten und Grenzen zwischen Ländern gibt." Aber er findet, es sei nicht utopisch, "über Wege nachzudenken, Grenzen nach bestimmten Kriterien durchsichtiger und durchlässiger zu machen". Was nach unserem Verständnis im Umkehrschluss bedeuten würde, dass für die, die den gewählten Kriterien nicht entsprechen, die Grenzen weiterhin dicht bleiben. Das scheint auch aktuell der Fall zu sein, weshalb der Fortschritt in Heins Konzept nicht recht erkennbar ist.

Die Spuren der Neandertaler

Tilman Spreckelsen sinniert – wieder in der FAZ - über die Vergänglichkeit des Lebens. Er blättert im Katalog der Jenseitsvorstellungen von Himmel bis Hölle bis gänzlicher Auflösung und hält dagegen den menschlichen Wunsch, in "der kollektiven Erinnerung weiterzuleben". Dafür zündet der eine Rom an, ein anderer erschießt John Lennon. Spreckelsen findet ein Vergnügen darin, dass im vergangenen Sommer im ehemals weichen Boden Trittspuren von Neandertalern gefunden wurden, genau: von 25 Erwachsenen und elf Kindern.

Forscher haben aus den Spuren gelesen, dass die Erwachsenen eher zielstrebig, die Kinder eher spielend von hunderttausend Jahren ihrer Wege zogen. Spreckelsen fragt, was die Vorfahren uns hinterließen: "Ob die Erwachsenen zu tun hatten? Ob sie ihre Kinder, das jüngste davon um die sechs Jahre alt, einfach spielen ließen, im Vertrauen darauf, dass schon nichts Schlimmes passiert? Es wäre keine schlechte Botschaft an eine besorgte Nachwelt."

Damit, meine Damen und Herren, möchte ich sie gern in ein entspanntes Wochenende entlassen.

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