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Kulturpresseschau | Beitrag vom 23.09.2019

Aus den FeuilletonsDer Struwwelpeter in New York

Von Ulrike Timm

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Eine Besucherin des neuen Struwwelpeter-Museums in Frankfurt blättert in einem Struwwelpeter-Buch. (dpa / Salome Kegler)
Die "FAZ" freut sich über das umfangreiche Bild von Heinrich Hoffmann, das im neuen Struwwelpeter-Museum gezeigt wird. (dpa / Salome Kegler)

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ist ganz begeistert vom neuen Struwwelpeter-Museum. Der Kinderschreck aus der Mottenkiste könne am Monitor zu einem anderen werden, ob Banker oder Harfenspieler. So kommt der Struwwelpeter auch mal nach New York.

"Touristen sollten eigentlich gar nichts trinken!", titelt die Süddeutsche Zeitung. Nicht mal einen kleinen, kräftigen Schluck auf den Schreck? Die Pleite von Thomas Cook betrifft allein in Deutschland rund 140.000 Urlauber, sie sitzen fest oder ihre gebuchte Urlaubsreise steht vor dem Aus!

Die SZ aber beleuchtet die Anfänge des modernen Reisens, und da hatte sich Thomas Cook eben dem Kampf gegen den Alkoholismus verschrieben, seine erste organisierte Gruppenreise führte Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Meeting der Abstinenzler-Bewegung.

Das wird vom Konkurs Betroffene nicht trösten, auch wenn die SÜDDEUTSCHE uns in ihren Siebenmeilen-Stiefeln einmal durch die Welt schickt: "Das Unternehmen Thomas Cook trug zur Verbürgerlichung der aristokratischen Grand Tour bei, indem es deren Höhepunkt, die Italienreise, intensiv bewirtschaftete, zum Beispiel 1903 durch den Bau einer Bahn, die zum Gipfel des Vesuv führte". Dieses Verdienst, so es eines ist, ist denn doch schon eine Weile her.

Die Grenzen der Empathie

"Zum Mitleid gehört die Vernunft!", mahnt der Tagesspiegel, und denkt dabei nicht an gestrandete Touristen, sondern an die ganz großen Themen wie Hunger, Flüchtlinge und Klima. Gefühle bestimmen den Zeitgeist und die Politik, doch es gibt Grenzen der Empathie, meint Malte Lehming in seinem klugen und differenzierten Artikel.

"Nicht Gefühle sollten Grundlage der Moral sein, sondern Vernunft" – da bezieht der Autor sich auf Kant. Empathie, heute fast ein Modebegriff – wehe dem, der es an Empathie fehlen lässt! Absolutes Totschlagsargument in sensibilisierten Runden – Empathie kann in bester Absicht nämlich auch nach hinten losgehen.

"Der von Empathie gesteuerte Mensch nimmt Leidende und potenziell Leidende in den Blick. Er charakterisiert sich selbst als mitfühlend und den politischen Gegner als kalt", lesen wir im Tagesspiegel, und weiter: "Empathie fördert offenbar das Ausgrenzen von Menschen, die die Werte der eigenen Gruppe nicht teilen."

Fazit des Autors: "Wer sich von der Not anderer vollkommen einnehmen lässt, verliert den Sinn für das Machbare – und manchmal auch sich selbst. Gefühl muss sich mit Vernunft und Folgenabschätzung paaren, wer das Mitgefühl idealisiert, gerät in Gefahr, die Welt zu verschlimmbessern."

Suppenverweigerer als Pädagoge

Die Geschichten vom Struwwelpeter setzen nicht gar so sehr auf Empathie und gehören eher zur schwarzen Pädagogik, trotzdem avancierte der Suppenverweigerer mit den überlangen Fingernägeln zu einer der erfolgreichsten Figuren der Kinderliteratur.

In Frankfurter Struwwelpeter-Museum spekuliert man gern: "Was, wenn der Struwwelpeter vom Sockel stiege, auf dem er – Denkmal oder Pranger – schon so lange steht, und seine Nägel und Haare stutzte. Wenn er auf Reisen ginge, in die Karibik oder nach New York, wenn er sich als Schauspieler oder Musiker versuchte?"

Spannende alternative Geschichten können spielerisch am Monitor entstehen, und plötzlich mausert sich der Kinderschreck aus der Mottenkiste zum Banker, Klima-Aktivisten oder Harfenisten – da helfen dann die langen Fingernägel. Tilman Spreckelsen hat das neu gestaltete Museum für die Frankfurter Allgemeine erkundet und ist vor allem auch vom umfangreichen Bild, das man hier vom Struwwelpeter-Autor Heinrich Hoffmann gewinnt, sehr angetan. Also nix wie hin!

Überanstrengte Eloge auf das "Gym"

Dann sparen Sie sich vielleicht das "Gym", vulgo Muckibude, dem die NZZ eine lange, wortreiche und irgendwie auch überanstrengte Eloge widmet. Autor Jörg Scheller ist Kulturtheoretiker und Bodybuilder -  das färbt ab, Kostprobe: "Das Gym ist das anthropotechnische Atelier unserer Zeit, eine Akademie der Selbstbildhauerei". Gipfel der Körperkunst: "Das Gym schafft einen Raum, der klar und geordnet ist. Ein Gegenbild zum Chaos der Welt." Begeistertes Fazit: "Die Maschine macht mich zur Maschine!" 

Hmm. Bitte doch nicht … Oder darauf vielleicht – sorry Thomas Cook – doch einen Schnaps!

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