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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.03.2020

Aus den FeuilletonsDer Pumuckl hilft beim Zeitvertreib

Von Gregor Sander

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Szene aus der Fernsehserie MEISTER EDER UND SEIN PUMUCKL: Pumuckl sitzt in einem Schrank und wird von Meister Eder ausgeschimpft. (imago / United Archives)
Meister Eder und sein Pumuckl kommen uns gerade recht, denn jetzt ist Zeit für Bildungserlebnisse der besonderen Art. (imago / United Archives)

Der Bayerische Rundfunk stellt neun Folgen der Hörspielserie rund um Pumuckl und seinen Meister Eder zur Verfügung, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Das komme zur rechten Zeit – "ein lustiger Zeitvertreib für schulfreie Vormittage".

"Was für ein Tag!", jubelt eine Überschrift in der Tageszeitung DIE WELT, und es ist in diesen vierengeschwächten Zeiten kein Wunder, dass dieser Tag in der Vergangenheit liegt. Am 18. März vor 30 Jahren fand die erste und gleichzeitig letzte Wahl zur DDR-Volkskammer statt: "Diesen Tag werden wir niemals vergessen", schwören die WELT-Autoren Joachim Gauck und Matthias Platzeck:

"Zum ersten Mal in unserem Leben nahmen wir an freien Wahlen teil. Das Wahllokal verließen wir mit einer Gefühlsmischung von Glück, Genugtuung und Dankbarkeit. Wir, 'das Volk', hatten endlich selbst bestimmt, wer uns parlamentarisch vertreten und regieren sollte."

Der eine wurde später Bundespräsident, und der andere SPD-Vorsitzender und Brandenburger Ministerpräsident, aber damals war Gauck noch Sprecher des Neuen Forums in Rostock und Platzeck Mitbegründer der Grünen Liga, und so hat ihre Erinnerung auch eine Bürgerrechtler-Perspektive:

"Bündnis 90 und die Grüne Partei, auf deren Listen die Autoren dieses Textes kandidierten, erzielten zusammen gerade einmal 4,9 Prozent. 'Toll, was ihr macht', hatten uns die Leute im Wahlkampf immer wieder gesagt, 'aber wir wählen Kohl'."

Digital durch die Krise

Die Feuilletons denken aber auch an die Zukunft und die ist natürlich pandemiefrei. Bei Peter von Becker im Berliner TAGESSPIEGEL wird diese Zukunft noch eher allgemein gehalten: "Jeder Orkan endet einmal. Wie jeder Ausnahmezustand, der sonst keiner wäre. Wie die Pause, die nur ein Intermezzo ist. Denn der nächste Akt, das neue Spiel folgt allemal."

Das liest sich gut, klingt allerdings auch ein bisschen wie das Pfeifen im dunklen Walde. Tobias Sedlmaier von der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG wird da schon konkreter: "Es gibt ein Kulturleben nach Corona", behauptet er und denkt sich: "Vielleicht ist die Pandemie eine Chance, aus dem alten Trott auszubrechen." Und dann definiert er den alten Trott genauer:

"Der Kulturbetrieb hat die Digitalisierung nicht ganz verschlafen, aber stiefmütterlich behandelt. Die Krise wäre die Gelegenheit, Dinge von den Füssen auf den Kopf zu stellen, ohne die menschliche Begegnung völlig ausser Acht zu lassen", so Sedlmaier, was knackig klingt.

Und wir sind gespannt auf konkrete Vorschläge: "Warum nicht mehr Autoren auf YouTube vorlesen lassen? Das wäre preiswerter und könnte den elitären Kreis der immer gleichen Besucher aufsprengen – und dadurch auch wieder neue Einnahmen generieren."

Wie diese neuen Einnahmen generiert werden, verrät der NZZ-Autor leider nicht und man kann nur hoffen, dass er nicht von tausendfachen Klicks auf Literaturvideos ausgeht. Denn erst dann gäbe es ja nennenswerte Einnahmen. Aber ob Wasserglaslesungen häufiger besucht werden, nur weil sie auf YouTube laufen, darf wohl bezweifelt werden.

Erklärvideos frei Haus

Also verlassen wir an dieser Stelle die ausgedachte Zukunft und kümmern uns lieber um die Gegenwart, in der die Schulbuchverlage gerade zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte.

"Der Cornelsen Verlag hat auf seiner Homepage eine digitale Anlaufstelle eingerichtet, die nach Auskunft des Geschäftsführers für zwei Monate einen freien Zugang zu 'über 40.000 Erklärvideos, Übungen und Klassenarbeiten' von 'Duden Learnattack' ermöglicht", berichtet Hannah Bethke in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG und auch, dass andere Schulbuchverlage wie der Westermann und der Mildenberger Verlag mitziehen.

Allein am Montag fragten nur bei Cornelsen über zehntausend Lehrer Material an, um ihre zu Hause sitzenden Schüler mit Wissen zu versorgen. Das könnte die folgende Frage aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG verhindern: "Und wie macht man das mit dem Lernen?"

Pumuckl statt Klassenzimmer

Diese Frage stellt allerdings auch der Pumuckl, was Stefan Fischer in der SZ durchaus begrüßt, denn: "Dass der BR neun Folgen aus Ellis Kauts Hörspielserie 'Meister Eder und sein Pumuckl' zur Verfügung stellt, kommt just zur rechten Zeit – ein lustiger Zeitvertreib für schulfreie Vormittage."

Na gut, aber danach wieder ab ins Online-Klassenzimmer, liebe Schüler!

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