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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 05.11.2015

Aus den FeuilletonsDer Boulevard-König wird noch mächtiger

Von Arno Orzessek

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Kai Diekmann  (imago/Eibner)
Bild-Chefredakteur Kai Diekmann wird ab Januar 2016 Gesamt-Herausgeber der BILD-Gruppe. (imago/Eibner)

Bei der "Bild" wechselt 2016 die bisherige stellvertretende Chefredakteurin Tanit Koch auf den Chefsessel des Blattes. Noch-Chefredakteur Kai Diekmann wird Herausgeber der "Bild"-Gruppe. Die "Taz" vermutet eine Machtzunahme.

Zunächst zur Lage der Nation in den Zeiten der Flüchtlingskrise.

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG mokieren sich Stephan Lessen ich und Reinhard Messerschmidt über "Weltfremde Zahlen" des Statistischen Bundesamtes.

Die SZ-Autoren halten dem Amt vor, bei den "Bevölkerungsvorausberechnungen"im Grunde immer nur festzustellen, dass langfristig alles ungefähr so bleibt, wie es ist…

Wodurch laut Lessenich und Messerschmidt ein verbreiteter Irrtum unterfüttert wird.

"Viele Menschen hierzulande wähnen sich immer noch (…) auf einer Insel des Wohlstands, der Sicherheit und der Stabilität. Diese Insel wird derzeit nicht etwa, wie die vereinten Demagogen dies behaupten, von einer ´Flut` der Einwanderung "überschwemmt". Sie wird vielmehr, aufgrund von tektonischen Verschiebungen in der weltweiten Politik und Ökonomie, die von Deutschland maßgeblich mitangestoßen wurden, an die globale Normalität von Not und Elend, Vertreibung und Flucht, Krieg und Konflikt angeschlossen. Willkommen in der weltgesellschaftlichen Realität des 21. Jahrhunderts",…

grüßen die SZ-Autoren Lessenich und Messerschmidt ihre Leser.

Anders als Deutschland ist Polen kein ausgesprochenes Flüchtlings-Traumland – und zeigt auch im Rahmen der EU-weiten Verteilung keine Initiative.

In der Tageszeitung DIE WELT erklärt sich der polnische Schriftsteller Stefan Chwin die Haltung seiner Landsleute mit historischen Traumata – Polen wurde bekanntlich mehrfach geteilt und sogar von der Landkarte getilgt.

"Die polnische Befindlichkeit als ´Nationalismus` zu verspotten (so Chwin), zeugt von Unverstand oder Verachtung. Ein Volk, das von den Stärkeren mehrmals in die blutige Sackgasse der Geschichte getrieben wurde, trägt zwangsläufig Wunden mit sich, die sich von Zeit zu Zeit öffnen. So wird auch verständlich, warum ein großer Teil der Polen Unabhängigkeit und Katholizismus in eins setzt und sich vor einer ´Invasion des Islam` fürchtet",

meint der WELT-Autor Chwin unter der Überschrift "Noch ist Europa nicht verloren" …

Eine sarkastische Anspielung auf die Zeile "Noch ist Polen nicht verloren" in der polnischen Hymne.  

Auf alle Aktualitäten pfeift derweil die gemütliche NEUE ZÜRCHER ZEITUNG und erklärt:

"Europa ist zugleich mehr und weniger als es selbst – die Idee von der Weltliteratur konnte nur hier entstehen."

Die Begründung liefert der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan – und konzentriert sich philologisch korrekt auf "Goethes Idee von der Weltliteratur".

"In dieser Idee stellt die Weltliteratur ein Netz literarischer Werke da, die sich evozieren und miteinander unterhalten, sich gegenseitig kommentieren, sich durchdringen und sich ergänzen, ungeachtet der Zeit und des Ortes ihrer Entstehung. (…) So konnte sich Goethe mit Hafis Schiras unterhalten, dem persischen Dichter aus dem 14. Jahrhundert, und Heiner Müller mit Sophokles und Euripides."

Nach unserem Geschmack wiederholt sich der NZZ-Autor Karahasan allzu oft und feiert ein allzu bekanntes Phänomen mit allzu großer Emphase.

Personalwechsel bei der "Bild"

Aber sei’s drum… Wir betreten den Boulevard. Tanit Koch übernimmt 2016 die Chef-Redaktion der BILD-Zeitung, Amtsinhaber Kai Diekmann wird dann Gesamt-Herausgeber der "Bild"-Gruppe.

"Von Diekmanns Gnaden" titelt die TAGESZEITUNG im Blick auf das künftige Arbeits-Verhältnis und unterstellt, das Dieckmann "durch seinen Schritt eher noch mächtiger" werde…

Also weiter gut zu tun hat – worüber sich laut TAZ Dieckmanns aparte Haustiere freuen: "Aufatmen bei den Ziegen!"

Das Dieckmann-Porträt des SZ-Autors Hans Leyendecker ist weitgehend frei von Salzsäure. Immerhin erwähnt Leyendecker aber Dieckmanns talibanöse Gesichtshaarentwicklung nach dessen Bildungsreise ins Silicon Valley und der Verwandlung zum Propheten des Digitalen:

"(Dieckmann) ließ sich (…) einen Vollbart wachsen und die ganze Welt sollte (per Twitter) an diesem Weltereignis teilhaben. Als ihm der Bart abrasiert wurde, war nur erstaunlich, dass das ohne Eilmeldung ging." –

Liebe Hörer, lesen Sie bitte auch das Gespräch der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG mit Günter Wallraff, der die BILD einst als Fälscherwerkstatt entlarvt hat.

Wir vermuten, hinterher werden Sie genau das denken, was in der SZ Überschrift wurde:

"Schön zu wissen."

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