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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 10.03.2020

Aus den FeuilletonsDas Recht, sich besser darzustellen als man ist

Von Gregor Sander

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Eva Menasse sitzt vor einem Mikrofon während der lit.COLOGNE 2019 und blickt ins Publikum. (Christoph Hardt / Future Images / imago-images)
Eva Menasse (hier auf der lit.COLOGNE 2019) setzt sich für die Veröffentlichung von Woody Allens Memoiren ein. (Christoph Hardt / Future Images / imago-images)

Die Schriftstellerin Eva Menasse kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ihre Kollegen, die gegen die geplante Veröffentlichung von Woody Allens Memoiren protestieren: Er habe in jedem Fall das Recht, seine Memoiren zu veröffentlichen.

Das Coronavirus diktiert weiter die Kulturberichterstattung. Der Berliner TAGESSPIEGEL berichtet von neuem Heldenmut in Leipzig, trotz abgesagter Buchmesse:

"Offiziell fällt zwar auch das Lesefest 'Leipzig liest' aus, doch viele Veranstalter haben sich entschlossen, die geplanten Lesungen, Vorträge und Diskussionen nun in eigener Verantwortung durchzuführen. Das Motto lautet kämpferisch: 'Leipzig liest trotzdem.'"

In der Tageszeitung DIE WELT erkundet Manuel Brug die Kultur-Corona-Lage weltweit: "Während in England der Kulturbetrieb noch rund läuft, ist in Italien das kulturelle Leben weitgehend zum Erliegen gekommen. Über China und den Rest Asiens weiß man kaum etwas", rätselt er ratlos.

In Frankreich jedoch hat es eine am Virus vorbei auf die Bühne geschafft, von der man das auch erwarten durfte, auch wenn es schon in der Überschrift heißt: "Ein letzter Auftritt in Paris, ehe das Konzertverbot greift: Madonna triumphiert mit 'Madame X'."

Eine volksnahe Queen of Pop

Wiebke Hüster zeigt sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG begeistert von der Queen of Pop und ihrer Volksnähe: "So königlich sie wirkt, so empathisch und nahbar zeigt sie sich in Paris. Sie spricht ernst zu ihrem Publikum wie zu jüngeren Freunden, die Rat gebrauchen können und denen man die Lektüre James Baldwins empfehlen muss. Sie scherzt und trinkt aus der Bierflasche eines Fans. Der zweitausendfünfhundert Plätze fassende Saal tobt."

Und auch musikalisch und tänzerisch bleibt Madonna eine Erscheinung, so dass Hüster, die auch Kritikerin für unser Haus ist, folgenden Schlusssatz schmettert: "Madonna ist immer noch Madonna, die erotischste Popsängerin des Universums, und sie wird es immer sein."

Mit dieser Meinung wird sie vermutlich bei dem einen oder anderen Popfan anecken, aber das ist ja das Schöne an der Kunst- und Meinungsfreiheit, dass sie eben frei ist, woran Eva Menasse in der FAZ erst einmal allgemein erinnert:

"Manchmal musste man es selbst den eigenen Eltern erklären: Du musst da ja nicht hingehen, wenn die Schauspieler nackt sind und obszöne Sachen schreien. Aber es muss erlaubt sein, sogar im Burgtheater. Man nennt das Kunst- und Meinungsfreiheit, es ist ein hohes Gut. Das Gegenteil sind verbrannte Bücher."

Eva Menasse schilt Kolleginnen und Kollegen

Natürlich gibt es einen Anlass für Menasses Meinung. Es geht um die Autobiografie von Woody Allen, die der Rowohlt Verlag veröffentlichen möchte, was wiederum einige Rowohlt-Autoren auf gar keinen Fall möchten, da Allen von seiner Tochter sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, wofür der Regisseur allerdings nie verurteilt wurde. Menasse legt sich fest:

"Selbst wenn Woody Allen ein verurteilter Kinderschänder wäre, wäre es zulässig, seine Memoiren zu verlegen. Die Geschichte ist voll von solchen Büchern. So wie jeder Mensch das Recht auf Strafverteidigung und Aussageverweigerung hat, hat er das Recht, sich mündlich und schriftlich besser darzustellen, als er ist."

Und dann bläst die Schriftstellerin noch ihren Kollegen den Marsch:

"Den sechzehn Rowohlt-Autoren, die ihren Verlag öffentlich als 'unethisch' geißeln und genaues 'Fact-Checking' eines Memoirenbandes fordern, sei versichert, dass wir für ihr Recht, offene Briefe zu schreiben, jederzeit demonstrieren würden. Anders als Woody Allens amerikanischer Verlag Hachette storniert Rowohlt aber keine seit langem geschlossenen Verträge. Und das könnte nicht zuletzt einem der sechzehn irgendwann zugutekommen."

Medien als viraler Erregungsbeschleuniger

Wobei Menasses Meinung hier schon fast wie eine Drohung klingt. Wir haben uns so aber jetzt für einen Augenblick vom Würgegriff des Virus befreit. Dessen mediale Verbreitung beschreibt Stefan Grimberg in der TAZ so:

"Und die Medien? Sie bewähren sich als Erregungsbeschleuniger. Dabei stecken sie allerdings in einer Klemme, für die sie selbst nichts können: Ja, Corona ist für alle im Moment ein heißes Thema. Nicht berichten geht also auch nicht. Man kann nur für Mäßigung plädieren."

Also empfehlen wir: Immer schön die Hände waschen, aber auf keinen Fall das Hirn ausschalten.

Fazit

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