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Kulturpresseschau | Beitrag vom 26.04.2019

Aus den FeuilletonsDas "Hazel-Prinzip"

Von Paul Stänner

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Das Bild zeigt die Comedienne Hazel Brugger auf der Bühne. (imago/ Bernd Eßling)
Die Comedienne Hazel Brugger auf der Bühne. (imago/ Bernd Eßling)

Hazel Brugger ist eine der erfolgreichsten Comediennes im deutschen Sprachraum. Jetzt hat sich die FAZ ausführlich mit dem Phänomen beschäftigt. Außerdem sezieren die Feuilletons das Gendern sprachwissenschaftlich. Man kann also viel lernen!

Zum Wochenende präsentieren die Feuilletons eine attraktive Mischung: Je nach Heimatregion kann man wählen: wer im Regen sitzt, mag die trüberen Meldungen vorziehen, wer in der Sonne sitzt, liest zum Beispiel in der FAZ einen Artikel über die stand-up-Comedienne Hazel Brugger und hat was zum Nachdenken.

Die "Brüskierungskünstlerin" Hazel Brugger

Die Autorin ist dem Objekt ihres Aufsatzes offenbar nahe und vertraut, weshalb sie auf den Nachnamen verzichten kann. Da ist vom "Hazel-Prinzip" die Rede (also der Mischung aus Nonsens, Trash und Exotik) oder von der "Hazelschen Brüskierungskunst". Dazu heißt es in FAZ: "Wenn der Witz eine Metaphysik hat, wurzelt sie im Tod. Besser: in der Sterblichkeit, die uns Ungleiche ratzfatz wieder zu Gleichen macht – und damit alle zu Freunden Hazels. Ihre Show ist eine Messe."

Liebe Leser-Innen: Nehmen Sie sich am Sonntag den Tag nach der Morgenmesse frei und versuchen Sie, den eben gehörten Satz zu verstehen. Sie finden ihn in der FAZ.

Gendern durch Lautverschiebung

Die Süddeutsche Zeitung grübelt über Lautverschiebungen, die unser Zusammenleben ändern werden. Das gerollte "R", so die Beobachtung der SZ, sei aus der Sprache verschwunden, dafür gäbe es jetzt aber einen neuen Laut – Zitat: "Es ist der stimmlose glottale Plosiv, ein karger Kehllaut, der entsteht, wenn in den progressiven Innenstadtmilieus das Binnen-I mitgesprochen wird."

Jenes Binnen-I, das von progressiven Innenstadtmilieus verwendet wird, um ein Wort gleichzeitig als Männer und Frauen betreffend zu gendern, wie bei Taucher-Innen. Der Plosiv lässt dann gleichsam den Bindestrich klingen. Oder knacken.

Die SZ wähnt sich einer Sensation auf der Spur, weil die massenhafte Verwendung des glottalen Plosivs bedeuten würde, dass der Feminismus nicht nur in die Schriftsprache, sondern auch in die Lautbildung eingezogen wäre, daher werden Anrufe bei Forschungszentren getätigt und - und - und – das Resultat können Sie in der Süddeutschen nachlesen.

Siezen oder Duzen?

Wir bleiben beim Milieu-Knigge. Die Neue Zürcher Zeitung räsoniert darüber, dass das Siezen aus der Mode kommt. Zitat: "Der Telefonanbieter ist mit mir per Du, das Wasserwerk und der Sockenlieferant."

Die NZZ vermisst die Kulturtechniken des Siezens und Duzens; weil: "Sie sensibilisierten für die Unterschiede, die es zwischen den Menschen gibt. Oder für Unterschiede überhaupt." Je nach Milieu sei eine andere Einheitlichkeit nötig. Die NZZ gibt Benimmhilfe: "Geht es um Habermas oder Herbert Marcuse: duzen. Martin Heidegger und Ernst Jünger: siezen. Bei Bratwurst: Du. Beim Entrecote: Sie."

Die Aktualität des Judenhasses

Die WELT hat eine Loseblattsammlung aus den 30er Jahren gefunden – ein Thema für Regentage. Diese Sammlung aus 80 Themenblättern sollte dem Judenhass der zwanziger und dreißiger Jahre rationale Argumente entgegenhalten. Manche dieser Themen scheinen der WELT "verzweifelt aktuell".

Ein Beispiel sind Vorurteile über das "raffende Kapital" in den Händen von Juden, das an keine Nation gebunden sei. Zitiert wird dann Alexander Gauland, der unter dem Stichwort "globalisierte Klasse" diese Argumentation wieder aufgenommen hat. Die WELT schreibt: "Nein, hier soll nicht unterstellt werden, dass Gauland ein Antisemit ist. Nur: die Analogien sind auffällig."

Des Weiteren bemüht sich die WELT um eine Ehrenrettung von Erika Mann, die vor fünfzig Jahren verstorben ist. Da heißt es: "Im Literaturgeschäft nämlich, das auf das Bleibende setzt, ist Erika Mann selbst nie gewesen. Ihre Profession war der Transport; daher ihre Liebe zu Autos. Und so auch ihre Bücher, die Botschaften chauffieren wie Erika Mann Menschen chauffierte, deren Botschaften sie für wichtiger als die eigenen hielt."

Wenn das so ist, ist eine Rettungsmission wohl von Nöten. Aktuell, das sagt uns die WELT auch, sind zwei Bücher von ihr wieder aufgelegt worden, darunter das Reise-"Buch von der Riviera", das sicherlich gut in der Sonne zu lesen ist.

Mehr zum Thema

Die "Show Show" mit Brugger und Spitzer - Bis an die Geschmacksgrenze
(Deutschlandfunk, Corso, 14.05.2018)

Geschlechtergerechte Sprache - Schönheit liegt im Auge des Betrachters
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 18.03.2019)

Politische Elite - Das schmale Rückgrat der Republik
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 12.03.2019)

Fazit

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