Aus den Feuilletons

    Beuys war kein Systemsprenger

    04:10 Minuten
    Joseph Beuys.
    Joseph Beuys war kein Kämpfer der Aufklärung, meint Hanno Rauterberg. © IMAGO / Everett Collection
    Von Arno Orzessek · 24.03.2021
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    Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys zerstört Autor Hanno Rauterberg in der ZEIT eine deutsche Illusion: Der Ausnahmekünstler sei eben nicht der Kämpfer für die Aufklärung gewesen, für den ihn viele gehalten haben.
    Zunächst eine Bildbeschreibung: Ein Künstler steht auf einem Felsen, die Hände wie zum Segnen hoch erhoben; hinter ihm breitet sich Schottlands Grün bis zum Horizont aus; in der Tiefe zur Rechten ruht ein See.
    Keine Frage, die Wochenzeitung DIE ZEIT hat ein sehr vorteilhaftes Foto von Joseph Beuys ausgewählt, um den Artikel "Ein deutscher Heiland" zu illustrieren.
    Aber Sie ahnen es vermutlich: Die Kombination eines solchen Fotos mit einer derart pathetischen Überschrift kann nur ironisch oder sarkastisch gemeint sein. Und so ist es! Zum 100. Geburtstag von Beuys, den seine Fans laut DIE ZEIT als "Überkünstler" feiern, schreibt Hanno Rauterberg eine veritable Abrechnung.
    "Beuys war nicht der, als der er jetzt gefeiert wird. Er war nicht links, kein Systemsprenger und erst recht kein Kämpfer der Aufklärung. Obwohl er für die Grünen antrat, hielt er die parlamentarische Demokratie für einen schlimmen Irrweg. Er wetterte gegen die ‚Parteiendiktatur‘ wie heute ein AfDler. Auch für die Umweltbewegung, den ‚Spinat-Ökologismus‘, wie er es nannte, hatte er nur wenig übrig. Seine Gedankenwelt war nicht grün, vielmehr schillerte sie in den Farben der Esoterik.
    Und wer genauer hinschaut, wird eine bräunliche Grundierung kaum übersehen können. In manchen Reden träumte er von der ‚Auferstehungskraft‘ des deutschen Volkes.", schreibt Hanno Rauterberg in DIE ZEIT.

    Nena, die Jeanne d'Arc der Querdenker?

    Unerfreulich für Verehrer der Sängerin Nena könnte der Artikel "Die Luft im Ballon" im Berliner TAGESSPIEGEL sein. Kai Müller überlegt, inwiefern Nena als Querdenkerin zu betrachten ist. Nena hat nämlich per Instagram Bilder von der jüngsten Querdenker-Demo in Kassel verbreitet, mit den Worten "Danke Kassel" kommentiert, den Clip mit Musik von Xavier Naidoo unterlegt, der schon länger des Querdenkertums verdächtigt ist, und auch Naidoo gedankt.
    Frei von krawalligem Bezichtigungsvokabular befindet Kai Müller über Nena:
    "In der Rüstung einer Jeanne d’Arc der Luftballons hat sie mit ihrem Dank an Kassel eine symbolische Geste des Widerstands initiiert, die ihre Wirkung über Grenzen hinweg entfalten soll [so wie damals der Song ‚99 Luftballons‘]. Am Horizont wartet diesmal das Versprechen, dass gesellschaftliche Opposition jenseits der Muster von Links und Rechts funktioniert.
    Das ist der neue politische Traum und eine Antwort auf die dämmernde Merkel-Ära. Wie die Kanzlerin ihre Macht durch die Einverleibung gegnerischer Positionen über ihr Verfallsdatum hinaus abgesichert hat, so sucht eine außerparlamentarische Strömung nach dem breiten Konsens, der den Schwarm anwachsen lässt. Es ist ein Konsens des Gefühls. Um die Faxen dicke zu haben, braucht es derzeit nicht mal einen Song."
    Hallo Nena, falls Sie zuhören: Dass Ihr Instagram-Post eine derart tiefsinnige Interpretation nach sich zieht – Wahnsinn, oder?

    "Das Manifest der offenen Gesellschaft"

    Aber so muss es sein: Es muss, diesseits des gesetzlich Verbotenen, alles gesagt werden dürfen – was in der Corona-Krise womöglich nicht restlos selbstverständlich ist. Und darum haben die Intellektuellen Markus Gabriel, Ulrike Guérot, Jürgen Overhoff, Hedwig Richter und René Schlott "Das Manifest der offenen Gesellschaft" verfasst und Unterstützer gewonnen.
    Eine Auswahl der Unterstützer, und zwar derselben, lässt die Wochenzeitung DER FREITAG genauso wie die Tageszeitung DIE WELT zu Wort kommen – darunter der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler.
    "Nun endet die Zwischenherrschaft der Virologen. Covid-19 war doch nicht die Pest, wir werden damit leben müssen. Leute mit Gehältern und Balkonen fanden das alles erträglich. Ihre persönliche Furcht hat sie zu furchtsam gemacht. Was wir dabei den Kindern, den Alten und den Armen angetan haben, wird nicht so leicht wiedergutzumachen sein. Die Kultur muss einen neuen Gesellschaftsvertrag aushandeln; ihr Gewicht bei der Bewältigung der Verluste wird erheblich sein", schreibt Ulf Erdmann Ziegler wortgleich in der WELT und im FREITAG.
    Wissen Sie, welches Geräusch uns dieser Tage Hoffnung macht? Es ist jenes Geräusch, das der ZEIT eine Überschrift wert ist. Sie lautet: "Das Röcheln beim Rachenabstrich."
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